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Lübeck Die fliegenden Ballons im Südturm des Doms
Lokales Lübeck Die fliegenden Ballons im Südturm des Doms
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11:34 17.10.2018
Daniel Roeseler bereitet die Kamera, die an einer Stange zwischen den heliumgefüllten Ballons befestigt. Quelle: Lutz Roeßler
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Innenstadt

Eine zwischen den Türmen abgestürzte Drohne, Fotos und Laserscan per Stativ von außen – das war vorige Woche am Dom, dessen Türme sanierungsbedürftig sind (die LN berichteten). Jetzt schweben zwei weiße, große Helium-Ballons im Südturm des Doms bis in 50 Meter Höhe. Dazu erklingt leise sphärische Musik. Eine besondere Atmosphäre, die fast schon eine Kunst-Performance sein könnte.

Doch bei den Vorgängen im Südturm des 1247 geweihten Doms handelt es sich um nüchterne Dokumentationsarbeiten, denn die Ballons, über eine Querstange miteinander verbunden, tragen eine Kamera nach oben. Daniel Roeseler (56) wartet, bis der rote Laserpoint am Boden des Turms anzeigt, dass die Ballons sich ausgependelt haben, dann löst er aus. 2012 hat der Münchener Fotograf das System entwickelt und patentieren lassen. Der Vorteil: Es ist vom Boden aus steuerbar. Eine Drohne, weiß Roeseler, könnte man innen nicht steigen lassen, „sie würde den Staub der Jahrhunderte aufwirbeln – was problematisch wäre.“

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Gesamtaufnahme mit vielen Details

Roeseler ist im Auftrag der Leipziger Firma Fokus GmbH im Dom, die spezialisiert ist auf Bauvermessung, Photogrammetrie und Bildverarbeitung. Geschäftsführer Gisbert Sacher (59) steht neben Roeseler und erklärt: „Wir machen Dokumentationen im Maßstab 1:10 für innen, die Auflösung beträgt 300 dpi.“ Ziel sei eine Gesamtdarstellung aller Wände. Die Einzelbilder würden mittels einer Spezial-Software entzerrt, anschließend zu einer „Tapete“ zusammengesetzt. Quasi als Nahaufnahme lassen sich so Schäden wie Risse im Mauerwerk detailliert erkennen. „Eine wichtige Grundlage für Planer, Restauratoren, Architekten.“

Die sphärische Musik, die die Aufnahmen begleitet, kommt von oben: Der Lübecker Denkmaltechniker Stefan Lorenz steht, entsprechend gesichert, weiter oben im Turm auf einer wackeligen Leiter. Er ist für die Ausleuchtung des Turms zuständig. „Ist gut, du kannst jetzt umbauen“, ruft Sacher ihm zu, nachdem eine Mauerseite mit Hilfe der an den Ballons hängenden Kamera fotografiert ist.

Zwei Meter Durchmesser

Die Ballons, die – unter der nach dem Zweiten Weltkrieg eingezogenen Betondecke schwebend – ziemlich klein aussehen, haben einen Durchmesser von zwei Metern und ein Volumen von 4,4 Kubikmetern. „Für engere Räume könnte man natürlich auch ein schlankeres System bauen“, sagt Erfinder Roeseler. Begleitet wird die Dokumentations-Aktion an diesem Tag von Carlos Blohm (71). Der frühere Flugzeugbau-Ingenieur ist Mitglied des Kirchengemeinderates und des Kirchenbauausschusses. „Erstaunlich, dass Erfindergeist Möglichkeiten schafft, solche Aufnahmen zu machen!“

Und meint damit zwar vorrangig die Ballons im Südturm, die übrigens im Nordturm nicht eingesetzt werden müssen. Denn der hat mehrere Zwischendecken. Anders als der Südturm, dessen Gewölbe laut Blohm bereits beim Bau eingestürzt sein soll, weil die Verschalung zu früh entfernt wurde. Das heißt: Im Nordturm kann normal mit Stativ fotografiert werden.

Dompastorin Margrit Wegner und Gisbert Sacher bei Außenaufnahmen. Quelle: Lutz Roessler

Bereits in der vergangenen Woche haben Lars Sörensen und seine Berliner Firma Scan3D Außenaufnahmen gemacht. Und zwar unter anderem mit zwei 3-D-Scannern, die eine Reichweite von 350 Metern haben. „Mithilfe der Aufnahmen werden die Verformungen an den Türmen sichtbar und später analysiert“, so Sörensen.

Lars Sörensen scannt zeilenweise die Oberflächen des Doms, um Schäden zu finden. Quelle: Lutz Roessler

Genaue Planungsgrundlage

Bis die Sanierungsarbeiten beginnen können, wird einige Zeit ins Land gehen. Die Untersuchungen am Dom werden noch das Jahr 2019 über andauern, schließlich will man eine gute Grundlage für die Erstellung eines Sanierungskonzeptes haben, das – so hofft man – Ende 2019 vorliegt. Dies habe sich, so Sieben-Türme-Projektleiter Uwe Brunken und Fundraiser Christian Hohmann, bei der Sanierung von St. Petri sehr bewährt.

Allein die Voruntersuchungen am Dom schlagen mit rund 400 000 Euro zu Buche. Wie teuer dann die tatsächliche Sanierung wird, kann aktuell niemand sagen. „Wir gehen aber von mehreren Millionen aus“, so eine Sprecherin des Kirchenkreises.“ Kleines Problem: Auch die Türme von St. Marien müssen saniert werden. Ende 2018 soll das Sanierungskonzept bereits stehen, so dass 2019 mit den Arbeiten begonnen werden könnte. Viel zu tun also für die Fundraiser des Kirchenkreises . . .

Sabine Risch