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Lübeck Ein Flüchtling erzählt: Endlich in Sicherheit — doch die Furcht kehrt nachts zurück
Lokales Lübeck Ein Flüchtling erzählt: Endlich in Sicherheit — doch die Furcht kehrt nachts zurück
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12:42 28.09.2014
Lernen zu dürfen, das ist für den 18-jährigen Flüchtling aus dem Iran ein Geschenk. Jetzt bereitet er sich auf den Realschulabschluss vor.
Lernen zu dürfen, das ist für den 18-jährigen Flüchtling aus dem Iran ein Geschenk. Jetzt bereitet er sich auf den Realschulabschluss vor. Quelle: Cosima Künzel
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Lübeck

Die Geschichte, die der 18-Jährige erzählt, ist schlimm. Was er nicht erzählt, das ist schlimmer. Denn während seiner anderthalbjährigen Flucht aus dem Iran nach Deutschland hat er Dinge erlebt, über die er nicht sprechen kann. Wie schwarze Löcher begleiten sie sein Leben. Und die Bilder, die dort hineinpassen, kommen in der Nacht zurück und rauben ihm den Schlaf.

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Wie erzählt man eine solche Geschichte, die mit einem sechsjährigen Jungen beginnt, der sein Elternhaus verlässt — nur mit der Kleidung, die er am Leib trägt? Hassan Hussaeni (Name geändert) erzählt sie ohne Tränen, ohne große Gesten, ohne Klagen. Während der zweieinhalb Stunden sitzt er auf seinem kleinen Sofa, ruhig, freundlich, besonnen, sogar hin und wieder lächelnd. Aber manchmal bleibt er still. Dann füllt etwas Schweres, Düsteres den Raum. Bis er sagt: „Können wir das weglassen?“

Und mit so einem schwarzen Loch beginnt seine Geschichte schon. Denn über seine Kindheit im Iran, über seine Mutter und seinen Stiefvater möchte er nicht reden. Nur soviel: Aufgewachsen ist er in einer Stadt mit über 2,5 Millionen Einwohnern mit hauptsächlich iranischer, arabischer und afghanischer Herkunft sowie einer großen kurdischen Minderheit. Mit den Eltern und zwei älteren Brüdern lebt er in einem Einfamilienhaus, in dem die Brüder zusammenhalten, sich mehr vertrauen als jedem anderen Menschen. Und als der Älteste eines Abends sagt: „Wir müssen weg. Sofort!“, hinterfragen sie das keine Sekunde. „Es war einfach klar“, sagt der junge Mann, der damals sechs Jahre alt ist. Seine Brüder sind nur zwei und drei Jahre älter. Dass alle drei in Lebensgefahr sind, erzählt ihnen der Neunjährige noch nicht.

Ohne Rucksack, ohne Essen, ohne Pass schleichen sie zum Bahnhof und finden einen Busfahrer, der Mitgefühl hat. Illegal nimmt er sie mit nach Teheran. „Wir krabbelten in den Gepäckraum zwischen die Koffer, kein Licht, nur liegen und eine Flasche Wasser, die der Busfahrer uns gegeben hat.“ Zwölf Stunden dauert die Fahrt, gespickt mit Polizeikontrollen. Als sie ankommen, haben sie kein Geld, kein Dach über dem Kopf, gar nichts. Nur Hunger, Durst und die Angst, entdeckt zu werden. Von anderen Straßenkindern lernen sie, Schrott zu sammeln. „Für ein Kilo Glas, Plastik oder Alu gab es einen Cent.“ Zehn Kilo müssen sie sammeln für ihr erstes Brot. Sie schlafen auf einer Baustelle in Kartons, waschen sich an einem Brunnen und schaffen es, nicht aufzufallen.

Gemeinsam kämpfen sie ums Überleben und um ihren Traum: „Wir wollten keine Analphabeten bleiben.“ Nach sieben Monaten auf der Straße findet der Älteste einen Schuhmacher, der seinen kleinen Bruder arbeiten lässt und ihm dafür ein Dach über dem Kopf gibt. Von sieben bis 21 Uhr muss der Kleine Leder schleppen, Teile zuschneiden und gegen seine Verzweiflung kämpfen. „Elf oder zwölf Mal bin ich weggelaufen. . . Mehr möchte ich nicht erzählen.“ Aber von der Schule und vom Sparen berichtet er. „Ich bekam umgerechnet zwei Euro am Tag, und die Schule kostete 200 Euro pro Jahr.“ Dreimal die Woche besucht er einen dreistündigen Kursus für Analphabeten. Nach der Arbeit. Kein Traum, nur eine Ahnung davon. Dass der Lehrer brutal und ungerecht ist, scheint ihm kaum erwähnenswert. Mit neun Jahren kann er schreiben, lesen, rechnen und gibt das Wissen an die Brüder weiter.

Bis zu seinem 13. Lebensjahr kommen die Jungs so über die Runden, dann müssen sie wieder fliehen. „Das Leben meines großen Bruders war in Gefahr.“ Und diesmal reicht keine zwölfstündige Busfahrt, diesmal müssen sie außer Landes. Das ist der Beginn einer anderthalbjährigen Flucht, die auf seiner Erzählstrecke das dunkelste Loch bildet. „Jedenfalls haben wir es bis Griechenland geschafft.“ Mehr sagt er nicht. Auf dem Weg dorthin verlieren sie ihren mittleren Bruder, und der großer Bruder ist schwer verletzt. Er kann nicht mehr gehen, hat beide Unterarme verloren und schwerste Verbrennungen am ganzen Körper. In einem Krankenhaus in Athen können sie ihn kostenlos behandeln lassen und bekommen später Hilfe von der Kirche. „Eine Mahlzeit am Tag und einmal in der Woche duschen.“ Über ein Jahr leben sie in der Fremde auf der Straße. „Man kann es eigentlich nur zwei, drei Tage aushalten.“ Und in Sicherheit sind sie längst nicht.

Als sein großer Bruder wieder laufen kann, setzen sie ihre Flucht fort. „Wir konnten uns vier Tage in einem Lkw auf einer Fähre nach Italien verstecken.“ Von den unzähligen gescheiterten Versuchen, möchte er nichts sagen. Aber von der Angst: „Das Wichtigste war: so weit wie möglich weg vom Iran.“ Weiter geht die Reise per Zug, zwei Monate durch Länder, die sie nicht kennen, immer Richtung Norden. „Wir haben uns in Züge gesetzt und aufgepasst, dass uns niemand kontrolliert.“ Tausendmal fliegen sie „mit einem Tritt in den Hintern“ raus, aber geben nicht auf.

Doch eines Tages werden sie im Schlaf überrascht. „Tickets, please!“ und „Pass?“, sagt ein Uniformierter kurz vor der dänischen Grenze. Da sie beides nicht haben, werden sie auf eine Polizeistation gebracht. „Wisst ihr, wo ihr seid?“, fragen die Beamten. Die Jungs verneinen und staunen dann über die freundlichen Worte: „Welcome to Germany.“ Sie werden in verschiedenen Heimen untergebracht — und es dauert lange, bis sie nicht mehr fürchten, dass sie zurückgeschickt werden. Sein erster deutscher Satz ist: „Vielen Dank. Das ist sehr nett von Ihnen.“

Das ist zweieinhalb Jahre her, und inzwischen hat sich der Wunsch des jungen Mannes erfüllt. „Ich gehe zur Schule“, sagt der 18-Jährige, der als Analphabet in die neunte Klasse kam, jetzt sogar seinen Realschulabschluss macht und eine Lehre in Aussicht hat. In seiner kleinen Lübecker Wohnung sitzt er, lächelt und sagt: „Hier ist mein Zuhause.“ Und in Lübeck hat er auch einen Psychologen gefunden, der ihm hilft, einen Blick in die Vergangenheit zu wagen. Auch in die schwarzen Löcher.

Aus Eritrea und Syrien

1150 Flüchtlinge hat die Bundespolizei in diesem Jahr (Stand 26. September) schon auf der Vogelfluglinie zwischen Hamburg und Kopenhagen entdeckt. Die Zahl der Flüchtlinge ist damit 2014 enorm gestiegen, im gesamten Vorjahr waren es lediglich 700 Personen und 2010 noch etwa 500. „Und drei Monate liegen noch vor uns“, sagt Gerhard Stelke von der Bundespolizeiinspektion in Kiel.
Die Länder, aus denen die Aufgegriffenen kommen, haben sich seit 2010 stark gewandelt. „Früher waren es überwiegend Afghanistan und Irak“, sagt Stelke. Seit Sommer 2013 haben jedoch Eritrea und Syrien das Spitzenfeld erobert. Das afrikanische Land gehört zu den ärmsten der Welt, in dem anderen wiederum herrscht Bürgerkrieg.
„Wir konnten uns vier Tage in einem Lkw auf einer Fähre nach Italien verstecken.“
Hassan Hussaeni (18)

Cosima Künzel