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Lübeck Ein Schweinchen namens „Henriette“
Lokales Lübeck Ein Schweinchen namens „Henriette“
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20:10 22.10.2016
Die kleine Wildsau, die jetzt zufrieden das kleine Gehege in Christoph Benetts Garten durchstreift, hat einen harten Kampf hinter sich: Vor eineinhalb Wochen hatte eine Frau den Frischling hilflos neben einer Pferdekoppel liegend gefunden. Quelle: Wolfgang Maxwitat
St. Gertrud

Die Bisswunden an den Vorderläufen sind gut verheilt. Stadtjäger Christoph Benett schaut lächelnd auf seinen kleinen, grunzenden Schützling herunter.

Mehrere Tage lang musste der 42-Jährige um das Leben des Frischlings bangen. „Plötzlich bekam sie Fieber“, erzählt Benett. „Eine Zeit lang sah es gar nicht gut aus, aber wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben.“

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Die kleine Wildsau, die jetzt zufrieden das kleine Gehege in Christoph Benetts Garten durchstreift, hat einen harten Kampf hinter sich: Vor eineinhalb Wochen hatte eine Frau den Frischling hilflos neben einer Pferdekoppel liegend gefunden. Ein Tierarzt kann ihre Wunden später eindeutig zuordnen: Ein Hund hatte sie gebissen.

Die Frau informiert das Lübecker Tierheim, die wiederum vermittelten das kleine Wildschwein an Christoph Benett.„Wir können kurzzeitig improvisieren, sind aber nicht darauf ausgerichtet, Wildtiere dieser Größe auf Dauer zu versorgen“, erklärt Tierpflegerin Jennifer Wreth (28). Deswegen gibt es die Zusammenarbeit mit der Kreisjägerschaft, mit deren Unterstützung Benett solche Tiere gesund pflegt.

Die kleine Auffangstation betreibt der Stadtjäger auf dem eigenen Grundstück in Israelsdorf. Dort musste „Henriette“ – so hat Benett seinen tierischen Patienten genannt – erstmal in den „Quarantäne-Stall“. Der umfunktionierte Kaninchenstall ist mit Stroh und einer Rotlicht-Lampe ausgestattet und imitiert in seiner Enge und Wärme den Wurfkessel der Wildsauen.

Quelle: Wolfgang Maxwitat

Darin sollte sich der Frischling erholen. Erst sah es gut aus, doch dann kam das Fieber: „Der Tierarzt machte uns nicht viel Hoffnung“, erzählt Benett. Doch „Henriette“ hat gekämpft und sich erfolgreich an das Leben geklammert.

Jetzt gräbt sie mit ihrem kleinen Rüssel die Erde nach Würmern um, flitzt von einer Ecke des Geheges, das sie sich mit ein paar aufgeregten Hühnern teilt, in die nächste. Zwischenzeitlich freut sie sich auf ihre Mahlzeiten, die aus Kastanien, Mais und Kürbis bestehen. Henriette hat großes Glück gehabt, denn ohne Hilfe hätte sie in der Natur nicht überlebt.

Mindestens vier Hundeangriffe auf Frischlinge habe es in diesem Jahr gegeben, berichtet Benett. Und mittlerweile sei er es Leid, die Halter auf die Regeln anzusprechen. „Weil ich kaum ein Einsehen erwirken kann“, meint er kopfschüttelnd. „Außerdem bin hier nicht der Wald-Sheriff und möchte auch nicht so auftreten.“„Die meisten Halter, die ihren Hund im Wald frei laufen lassen, sagen ’mein Hund hört’, aber im Ernstfall stimmt das selten“, ergänzt Jennifer Wreth. Mindestens zwei Mal pro Monat bekommt das Tierheim deswegen Wildtier-Neuzugänge. In der Regel Igel, Marder oder Eichhörnchen. „Und die Dunkelziffer ist natürlich noch viel höher“, so die Tierpflegerin.

Im schlimmsten Fall muss der Jäger die verwundeten Tiere erlösen, doch das ist nicht immer so: „Viele denken, dass die Stadtjäger diese Tiere generell erschießen“, berichtet Wreth. Doch das stimme nicht. „Wenn ein Tier durch Einwirkung des Menschen verwundet worden ist, aber eine reelle Überlebenschance hat, versucht man es im Sinne des Tierschutzes zu retten.“

So wie bei „Henriette“. „Wäre sie von ihrer Mutter gebissen worden, was in Rotten nun einmal vorkommt, hätten wir nicht eingegriffen, denn dieses Vorgehen ist Teil der Natur“, erklärt Benett.

Für „Henriettes“ Zustand ist hingegen ein Mensch verantwortlich – und so ist es auch ein Mensch, der sich von nun an um sie kümmert.

In ein paar Wochen wird die kleine Wildsau aus ihrer Wohngemeinschaft mit den Hühnern in ein etwa 1000 Quadratmeter großes Refugium auf Benetts Grundstück umziehen. „Denn Auswildern“, so der Stadtjäger, „kann man sie nicht mehr.“ Als Frischling ohne Rotte hätte „Henriette“ in der Natur keine Chance – und später, als ausgewachsene Wildsau, wird sie sich schon zu sehr an den Menschen und das Leben in Israelsdorf gewöhnt haben.

 Luisa Jacobsen