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Lübeck Ein ganz normales Paar – seit 35 Jahren
Lokales Lübeck Ein ganz normales Paar – seit 35 Jahren
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19:16 18.08.2018
Als Rainer Kolbow und Joachim Biegus sich kennenlernten, war ihre Liebe für sie das Normalste der Welt. Nicht aber für andere. Quelle: Agentur 54°
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Lübeck

Es gab einen Klingelknopf. Sonst kam man nicht rein. Ins „Chapeau Claque“. Die Bar in der Hartengrube war der Schwulen-Treff. Ab und an ging Rainer Ingvar Kolbow dorthin. Wie im September 1983. Der damals 32-jährige Steward bei der Lufthansa hatte sich gerade in Wiesbaden eine Wohnung genommen. Er hatte noch ein bisschen Urlaub, deshalb reiste er in seine Heimat. Er drückte den Klingelknopf, trat ein in diesen Schutzraum für Menschen, die anders waren, als das Gesetz es erlaubte. Denn damals war Schwulsein per Paragraph strafbar. Er traf eine Freundin. Die hatte den 30-jährigen Joachim Biegus an ihrer Seite. „Wir wurden einander vorgestellt – da war es schon geschehen“, erinnert sich Biegus.

Liebe auf den ersten Blick? „Ja – das hab ich nur einmal erlebt“, sagen beide unisono. Und dabei ist es geblieben. Bis heute. 35 Jahre lang. Erst war es eine Fernbeziehung. Dann flog Kolbow nur noch Langstrecken und zog nach Lübeck. Denn Biegus hatte bei Dräger seinen Job. Sie kauften sich zusammen ein Haus in einem lübschen Gang, dort wohnen sie heute noch. Jetzt sind sie Rentner. Kolbow 67 Jahre, Biegus 65 Jahre alt.

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Ein Geheimnis aus der Liebe zum anderen haben sie nicht gemacht. „Wir haben uns nie versteckt“, sagt Kolbow. Aber: „Wir haben es auch niemanden auf die Nase gebunden“, sagt Biegus. Händchenhaltend sind sie nicht durch die Stadt gegangen. Damals nicht. Und heute auch nicht. „Das war nicht unser Ding.“ Und was haben die Kollegen bei der Arbeit gesagt? „Böse Zungen behaupten, dass Schwulsein eine Einstellungsvoraussetzung bei Lufthansa war“, sagt er und lacht verschmitzt. „Bei mir wussten das auch alle“, meint Biegus. Es war einfach so. Punkt.

Keine Konflikte mit der Gesellschaft

Und die Familie? „Meine Mutter hatte zunächst Schwierigkeiten damit“, gibt Kolbow zu. Der Grund: „Keine Enkelkinder.“ Denn Kolbow ist Einzelkind. Aber, das habe sich gelegt. Für seine Oma indes „war das nie ein Thema“. Und bei Biegus? Da war es genau andersherum. „Meine Mutter sagte: ,Das wusste ich schon immer’.“ Der Vater indes musste schlucken. „Da gab es einen Brausewind – doch der hat sich wieder gelegt“, sagt Biegus. Vielleicht liegt es auch daran, dass nicht Biegus selbst seine Liebe dem Vater offenbarte – sondern ein Ex-Freund von ihm. Eine schwierige Situation. Biegus war damals verlobt. „Jeder sollte sein Outing selbst bestimmen“, macht Kolbow klar.

Mit der Gesellschaft sind die beiden nie in Konflikt geraten. Viel mehr aber mit sich selbst. „Wir hatten beides ausprobiert im jugendlichen Alter“, sagt Kolbow. „Ich war eben schon einmal verlobt – und hatte auch eine Freundin mit Kind“, gibt Biegus zu. „Ich wusste nicht, wo ich hingehörte.“ Da war er etwa 21 Jahre alt. Drei bis fünf Jahre dauerten die inneren Stürme. „Schrecklich“, sagt er rückblickend. „Dann hab ich mich entschieden.“ Auch Kolbow kam an diesen Punkt: „Dann musst du dich entscheiden.“ Das sei nicht nur für ihn wichtig gewesen, sondern auch fair gegenüber dem Partner.

Geheiratet haben sie am 23. November 2017

Politisch gekämpft haben sie beiden nie. „Wir haben unsere Ideen immer im kleinen Kreis behalten“, sagt Kolbow. Dabei sind 80 bis 90 Prozent ihrer Freunde heterosexuelle Paare. Ihre Freundeskreis ist harmonisch. „Wenn das überall so wäre, wäre die Welt friedlicher“, meint Kolbow. Beim Christopher Street Day (CSD) schauen die Beiden aber vorbei. Irgendwo am Rande. Denn: „Das Schrille mögen wir nicht so“, sagt Biegus. Und Kolbow meint: „Das ist nicht meine Welt.“ Dennoch: „Es ist natürlich toll, was die alles erreicht haben.“

Denn erst ab 1994 ist die Liebe zum gleichen Geschlecht in Deutschland nicht mehr verboten. 2001 kam die eingetragene Lebenspartnerschaft. „Wir waren die fünften in Lübeck, die das gemacht haben“, sagt Biegus. Und geheiratet haben sie auch. Gleich nachdem es möglich wurde – am 23. November 2017. Jetzt können schwule und lesbische Paare auch Kinder adoptieren. Dafür sind Kolbow und Biegus zwar zu alt. Aber wäre es früher möglich gewesen, wäre es ein Thema gewesen. Dafür haben sie Neffen. Für die sind ihre schwulen Onkels kein Problem. Gefragt haben sie natürlich. Die Antwort war einfach: „Die beiden Onkels haben sich genauso lieb wir Mama und Papa“, sagt Kolbow. Damit war die Sache erledigt. Gefragt werden die beiden oft, wer Mann, wer Frau in der Beziehung sei. Eine komische Frage aus ihrer Sicht. „Es ergänzt sich“, sagt Kolbow. Während Biegus fürs Handwerkliche zuständig ist, „bin ich der Quatscher“, sagt er und lacht. Und er verrät das Geheimnis einer langen Beziehung: Ehrlichkeit, Reden – und nie im Bösen auseinander gehen. Wie würde er seine Beziehung charakterisieren? „Glücklich – und normal.“

Von Josephine von Zastrow

18.08.2018
18.08.2018
18.08.2018
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