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Lübeck „Eine Anerkennung, die mir naheging“ – 50 Jahre Friedensnobelpreis für Willy Brandt
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„Eine Anerkennung, die mir naheging“ – 50 Jahre Friedensnobelpreis für Willy Brandt

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16:00 17.10.2021
Für seine Entspannungspolitik geehrt: Willy Brandt.
Für seine Entspannungspolitik geehrt: Willy Brandt. Quelle: Heinz Wieseler/dpa
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Lübeck

Willy Brandt machte nicht viel Aufhebens von der Sache. „Im Dezember 1971 nahm ich in Oslo den Friedens-Nobelpreis entgegen“, schrieb er in seinen „Erinnerungen“ – „eine Anerkennung, die mir naheging.“ Er zitierte noch kurz aus seiner Rede, dann war er im nächsten Absatz schon wieder bei der UN-Generalversammlung und der KSZE, das war’s.

Er war der vierte Deutsche, dem man diese größte aller Auszeichnungen verliehen hatte. Ludwig Quidde war der erste, es folgten Gustav Streseman und Carl von Ossietzky. Ein Friedensforscher, ein Politiker, ein Publizist. Mit Brandt wurde wieder ein Politiker geehrt. Das ist jetzt fünfzig Jahre her und seitdem keinem Bundesbürger mehr widerfahren. Die „New York Times“ schrieb damals, dem deutschen Kanzler sei es glaubwürdiger als irgendjemandem sonst gelungen, „das Bild eines dem Neonazismus zuneigenden und nach Revanche dürstenden Deutschlands auszulöschen“.

Videos und Podcast

Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung präsentiert ab dem 20. Oktober eine Videoreihe zum Friedensnobelpreis. Der Podcast „10 Minuten Erneuerung“ setzt sich kritisch mit der Auszeichnung auseinander. In „Game Changing: Oslo 1971“ stellen Schülerinnen das friedenspolitische Engagement Willy Brandts vor. Info: www.willy-brandt.de

Beim Nobelinstitut in Oslo lagen drei Schreiben, in denen man ihn vorgeschlagen hatte. Eines stammte von Jens Otto Krag, einem dänischen Sozialdemokraten, Außenminister und Ministerpräsidenten. Ein zweites von einem Geschichtsprofessor aus den USA. Das dritte hatte unter anderem der Präsident der senegalesischen Nationalversammlung unterschrieben.

10. Dezember 1971: Die Vorsitzende des Nobelpreis-Komitees, Aase Lionaes, überreicht Willy Brandt Urkunde und Medaille des Nobelpreises. Die beiden kannten sich schon aus Brandts politischer Arbeit in der Emigration. Sie saß 23 Jahre für die Arbeiterpartei in Norwegens Parlament. Quelle: Db ntb/dpa

Das wurde erst jetzt bekannt, weil die Unterlagen ein halbes Jahrhundert unter Verschluss bleiben müssen. Insgesamt standen 39 Namen auf der Liste, darunter der französische Politiker und große Europäer Jean Monnet und der Schriftsteller Elie Wiesel, der den Preis dann fünfzehn Jahre später erhielt. Monnet, schrieb Egon Bahr später, war von Willy Brandt vorgeschlagen worden.

Einer der Briefe, mit denen der Willy Brandt für den Friedensnobelpreis nominiert wurde. 50 Jahre waren sie unter Verschluss. Quelle: Sigrid Harms/dpa

Man müsse vorsichtig sein bei der Nominierung, sagte der Nobelinstituts-Direktor Olav Njølstad der Deutschen Presse-Agentur. Die Kandidaten müssten ja vorbereitet sein auf das, was auf sie zukommen könnte, auf den Druck, die Aufmerksamkeit. Ob Willy Brandt vorbereitet war? Schwer zu sagen. Andere waren es offenbar nicht. Als Bundestagspräsident Kai-Uwe von Hassel an diesem 20. Oktober 1971 die Sitzung des Parlaments unterbrach und im nüchternen Ton eines Schalterbeamten die Entscheidung des Nobelkomitees verkündete, erhoben sich die Koalitionsabgeordneten von SPD und FDP von den Plätzen. Die Union dagegen blieb fast geschlossen sitzen.

Brandt selbst wirkte wie versteinert in dieser Situation. Er bewegte nur leicht die Finger der linken Hand, brauchte einen Moment, dann stand er auch auf, nickte kurz, in seinem Gesicht kaum eine Regung. „Gefühlsblindheit“ hat die Journalistin und Brandt-Vertraute Wibke Bruns das später einmal genannt.

Im Kanzlerbüro aber, immerhin, umarmte Brandt Egon Bahr, seinen Weggefährten und wohl einzigen Freund in der Politik. „An dem Preis hast du deinen Anteil“, sagte er. „Du musst mitkommen nach Oslo.“ Im Hintergrund liefen unterdessen in jener Zeit die Verhandlungen mit der DDR weiter. Bahr schaffte es schließlich mit Hubschrauber, Flugzeug und Taxi gerade noch von der Vertragsunterzeichung in Berlin zum Galadiner in Oslo, im Smoking und „pünktlich eine Minute vor zwanzig Uhr“.

Willy Brandt war in Oslo für seine Ostpolitik geehrt worden, für die Entspannung. Er, der aus Nazi-Deutschland geflohen war, es bekämpft hatte und sich vom CSU-Verteidigungsminister Franz Josef Strauß anhören musste: „Eines wird man doch aber Herrn Brandt fragen dürfen: Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht? Wir wissen, was wir drinnen gemacht haben.“ Konrad Adenauer sprach perfide von „Herr Brandt alias Frahm“. Und das waren Stimmen aus der offiziellen Politik. In vielen Redaktionen und an vielen Stammtischen ging es noch ganz anders zu. Und jetzt stand Brandt da in Oslo und sagte in seiner Nobelpreisrede: „Ein guter Deutscher kann kein Nationalist sein.“

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Er entwarf einen „Friedenspakt“ für Europa in seiner „Nobel Lecture“ und nahm manches vorweg, was später realisiert werden sollte. Und es stand da einer, der seine Zweifel an den eigenen Positionen nicht verbarg. Sein „Lebensweg“ habe das verlangt, sagte er. „Es gibt mehrere Wahrheiten, nicht nur die eine.“ Als „demokratischer Sozialist“ ziele er auf Veränderung, aber nicht des Menschen, weil das den Menschen zerstöre, sondern die Veränderung menschlicher Verhältnisse. Und Friede sei „mehr als die Abwesenheit von Krieg“, sagte er. Man müsse ihn machen, „im wahrsten Sinne des Wortes“.

Von Peter Intelmann