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Lübeck „Eine Ausbildungsplatz-Umlage stellt größere Gerechtigkeit her“
Lokales Lübeck „Eine Ausbildungsplatz-Umlage stellt größere Gerechtigkeit her“
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11:24 26.11.2013
Kristin Alheit (46, SPD) geht davon aus, dass die Pflegeversicherung teurer wird. Quelle: Foto: Kießler
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Lübeck

Lübecker Nachrichten: Pflege im Minutentakt wird von Pflegekräften wie Pflegebedürftigen beklagt — warum ändert sich daran nichts?

Kristin Alheit: Weil anspruchsvoll organisierte Pflege Geld kostet und die Frage ist, wie viel davon die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die die Pflegeversicherung tragen, zusätzlich aufbringen können. Daher ist mehr Geld für die Pflege nicht gerade populär bei denen, die Pflege im Moment noch nicht selbst benötigen. Wer gute Pflege will, braucht den Mut zu einer Finanzierung, die nicht nur Arbeitnehmer einbezieht.

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LN: Die Vorwerker Diakonie in Lübeck warnt vor akutem Mangel an Pflegefachkräften. Wie dramatisch ist die Situation?

Alheit: Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass nicht jede offene Stelle in dem Bereich sofort wieder besetzt werden kann. Die Arbeitsagentur meldet für Juni 2013 landesweit 416 offene Stellen für Fachkräfte bei 286 Arbeitssuchenden. Das ist regional unterschiedlich, der ländliche Raum hat erheblich größere Probleme als die Städte.

LN: Heimbetreiber rufen nach mehr Ausbildung.

Alheit: Vor allem ambulante Pflegeeinrichtungen nehmen ihre Ausbildungsverantwortung nicht immer wahr. Um größere Gerechtigkeit herzustellen, prüfen wir eine Ausbildungsplatz-Umlage, damit alle Betriebe einen Beitrag leisten.

LN: Ein brisantes Thema: Die Wirtschaft liebt solche Umlagen nicht.

Alheit: Wenn der Fachkräftemangel besteht, weiß ich nicht, was man gegen eine Umlage für nicht ausbildende Betriebe haben soll. Ich empfinde es als schwierig, wenn sich solche Betriebe, die vom Ausbildungsengagement anderer profitieren, beschweren.

LN: Ist es richtig, dass Auszubildende Schulgeld zahlen müssen?

Alheit: Ja. Wer keinen vom Land finanzierten oder vom Arbeitgeber bezahlten Schulplatz hat, muss Schulgeld aufbringen. Unser Ziel ist es, dass keiner mehr Schulgeld zahlen muss. Es ist nicht vermittelbar, dass Auszubildende, die wir dringend brauchen, auch noch Geld mitbringen müssen.

LN: Altenpfleger ist kein Job, der hohes Ansehen genießt, sagen die Beschäftigten. Was können Sie dagegen unternehmen?

Alheit: Ich glaube, anderswo hat Alter an sich ein anderes Ansehen als in Deutschland. Weshalb Berufe, die mit Altwerden zu tun haben, eher kein gutes Image haben. Das lässt sich aber nicht per Gesetz ändern. Kampagnen wie „Zeit spenden“ von Arbeiterwohlfahrt und Sozialverband sind deshalb wichtig. Sie machen den Wert von Pflege zum Thema.

LN: Von einem zum nächsten Fachkräftemangel. Ab 1. August gilt der Rechtsanspruch für Kinder unter drei Jahren. Wird es genug Erzieherinnen und Erzieher geben?

Alheit: Die Nachfrage ist seit Jahren ansteigend und wird es auch in Zukunft sein. Völlig unabhängig vom 1. August. Das Land hat die Ausbildungskapazitäten erweitert. Im Schuljahr 2011/12 konnten wir zum Beispiel rund 1000 angehende Erzieherinnen und Erzieher in Berufsfachschulen einschulen. 2008/09 waren es erst 700. Das Problem ist allerdings, dass gar nicht alle Erzieherinnen in den Beruf gehen. Auch hier ist die gesellschaftliche Anerkennung nicht besonders hoch, die Bezahlung ist nicht gut, es gibt immer noch viele befristete Verträge . . .

LN: Schaffen die Kommunen die Krippenquote?

Alheit: Die Spitzenverbände der Kommunen melden, dass sie im Großen und Ganzen gut aufgestellt sind. Dabei kommt es ja nicht auf eine bestimmt Quote an, sondern darauf, mit dem Angebot den Bedürfnissen von Eltern vor Ort zu entsprechen, die sehr unterschiedlich sein können. Die gerade in den letzten Wochen gestellten Anträge von Kommunen auf finanzielle Förderung von weiteren Kitas machen deutlich, dass alle wissen, wie wichtig der Ausbau und die Verbesserung von Kitas auch nach dem 1. August ist.

Interview: Kai Dordowsky

Steile Karriere
Kristin Alheit (SPD) ist seit dem 12. Juni 2012 Ministerin für Soziales, Gesundheit, Familie und Gleichstellung des Landes. Die 46-Jährige wurde in Kassel geboren, ist verheiratet, hat zwei Kinder und ist seit 1989 in der SPD. Die Juristin arbeitete zwei Jahre als Rechtsanwältin in einer Wirtschaftskanzlei in Frankfurt am Main. Es folgten Stationen im hessischen Finanzministerium und in der Hamburger Finanzverwaltung. Von 2008 bis 2012 war Kristin Alheit Bürgermeisterin von Pinneberg.

LN