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Lübeck Eine Testfahrt mit dem Elektroboot
Lokales Lübeck Eine Testfahrt mit dem Elektroboot
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11:09 21.04.2018
Selbst steuern auf der Obertrave: Mit gemächlichen sechs Stundenkilometern führt eine Tour mit dem neuen Elektroboot einmal um die Altstadt herum. Sechs Personen können mitfahren, eine Stunde Fahrtzeit kostet 39 Euro. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen
Innenstadt

Langsam lässt Paul Witt (35) das Elektroboot an der Lachswehr ins Wasser gleiten. Die erste Tour auf der Trave beginnt ausnahmsweise am Anleger des Lübecker Motorboot-Clubs und nicht am neuen Steg an der Obertrave. Lachswehr-Hafenmeister Matthias Preuße leiht den Betreibern seine Slipanlage, mit der die Boote ins Wasser gelassen werden können.

Frischer Wind an der Obertrave: Der Steg des neuen Elektroboote-Verleihs „Boat Now“ ist fertig. Seit Donnerstag ist das erste Boot auf dem Wasser. Bevor es Mitte Mai den offiziellen Startschuss gibt, haben die Betreiber die LN eine Runde zur Probe fahren lassen.

„Jetzt geht es los“, sagt Sören Koch. Der 26-Jährige managt den neuen Verleih. Ein, zwei schnelle Schritte über eine Stufe, dann sind Witt und Koch schon auf dem Boot, nehmen auf großzügigen Lederbänken Platz. Auch hinter dem Steuer sitzt der Fahrer komfortabel auf Leder. Der Sitz ist heiß von der Sonne, und die knallt auf den Kopf. „Theoretisch könnten wir auch einen Sonnenschutz befestigen, aber der würde das Einsteigen erschweren“, erklärt Koch.

Die Betreiber öffnen sich eine Limonade. Anderthalb Jahre Vorplanungen und Abstimmungen mit der Hafenbehörde liegen hinter ihnen, das Projekt nimmt endlich Gestalt an. Das feiern sie. Bevor die Fahrt losgeht, gibt Witt eine kurze Einweisung. Wer das Elektroboot selbst steuern will, braucht nämlich keinen Bootsführerschein. Einzige Voraussetzung: 18 Jahre alt sein – und nüchtern. Das Boot kann bis zu 15 Kilometer die Stunde fahren, die Betreiber wollen es für den Verleih allerdings auf sechs Stundenkilometer drosseln. Bootshändler Witt erklärt: „Wie beim Autofahren gilt das Rechtsfahrgebot.“

Steuerknüppel nach vorne schieben heißt Gas geben. Steuerknüppel nach hinten heißt bremsen. Lenken sollte man behutsam. Und Acht geben auf Gegenverkehr. Das klingt einfach.

Wir gleiten los. Vogelgezwitscher. Nur ein leises Surren des Antriebs ist zu hören. Das Boot wird elektrisch betrieben. „Es kann mit einem speziellen Akku bis zu 16 Stunden durchfahren“, sagt Witt stolz. Die ersten Lenkversuche wollen dem Laien noch nicht so ganz gelingen, es dauert ein paar Anläufe, bis ein Gefühl fürs Steuern entsteht.

Der Gegenverkehr auf dem Wasser ist an diesem Nachmittag übersichtlich. Ein Stand-up-Paddler, ein Fahrgastschiff, zwei Kanufahrer. Ein Schwan, zwei Enten. Kurz vor der Dankwartsbrücke eine Gruppe Ruderer, die ebenfalls noch ein wenig unbeholfen auf dem Wasser wirkt. Das Boot passt locker durch das Stück unter der Brücke. Was aber, wenn es an einem der Holzpfähle hängen bleibt? „Wenn die Fahrer irgendwo gegensteuern, haften sie für den Schaden“, sagt Witt. Ein E-Boot habe einen Wert von 15 000 Euro. Zehn davon haben die Betreiber für den Verleih angeschafft. Auf der Zielgeraden zum Anleger an der Obertrave klingelt das Telefon von Sören Koch. Erste Buchungsanfragen, jemand will eine Fahrt für den Geburtstag reservieren. Eine Stunde kostet 39 Euro. Der Laden scheint zu laufen.

Während sich erste Kunden auf das Angebot freuen, ist die Nachbarschaft an der Obertrave skeptisch.

Bootstourenanbieter wie Stühff und der Amphibienbus „Trave-Splash“ äußerten sich besorgt (die LN berichteten). Die Sicherheit auf dem Wasser sei durch das erhöhte Verkehrsaufkommen gefährdet. Die Betreiber von „Boat Now“ erwiderten, es gebe für alle genug Platz auf dem Wasser. „Trotzdem reagieren wir auf die Kritik“, sagt Witt. So würde das Personal des Bootsverleihs nun an einer Sicherheitsschulung teilnehmen. „Wir sind inzwischen auch in Gesprächen mit den Barkassenbetreibern“, sagt Witt. Mit Touren-Anbieterin Gabriele Stühff habe er sich beispielsweise über potenzielle Gefahrenstellen auf dem Wasser ausgetauscht. Skeptisch bleibe hingegen Amphibienbus-Inhaber Helge Gabriel. Lübecks Tourismuschef Christian Martin Lukas begrüßt den neuen Verleih. Es sei eine zusätzliche Freizeitaktivität auf dem Wasser und ermögliche eine individuelle Entdeckungsreise rund um die Altstadtinsel.

 Von Saskia Bücker