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Lübeck Eltern in Angst vor einem Rottweiler
Lokales Lübeck Eltern in Angst vor einem Rottweiler
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18:27 25.11.2013
Leonie Wöltchen mit Tochter Tompte und Boxermis Emma Quelle: Heiko Pump
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Es ist eine typische Vorstadtidylle. An den Straßen stehen kleine Siedlungshäuser aus den 50er und 60er Jahren, davor und dahinter sieht man liebevoll gepflegte Gärten, in denen Kinder spielen. Auf den Grundstücken parken meist Familienautos. Hier kennt man sich, hier spricht man mit den Nachbarn am Gartenzaun. In der Siedlung nahe der Kronsforder Landstraße scheint die Welt noch in Ordnung.

Doch für die junge Familie Wöltjen hat diese Idylle einen Knacks bekommen. Leonie Wöltjen und ihr Mann Holger fürchten um das Wohl ihrer drei Kinder im Alter von acht und fünf Jahren sowie sechs Monaten. Auslöser ist ein Rottweiler aus der Nachbarschaft, drei Jahre alt, etwa 60 Zentimeter groß und locker 50 Kilogramm schwer.

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Der stattliche Rüde sei im April vergangenen Jahres plötzlich ohne erkennbaren Grund auf die fünfjährige Tochter losgegangen und habe sie zu Boden gestoßen, schildert die Familie. Trotz Leine sei der Hund nur mit Mühe vom erwachsenen Sohn des Halters gebändigt worden. „Der Hund stand zähnefletschend über meiner Tochter“, erzählt die beunruhigte Mutter. Die Wöltjens forderten daraufhin, dass der Rottweiler einen Maulkorb tragen solle. Als der Besitzer dies ablehnte, erstatteten die Wöltjens Anzeige.

Zur jungen Familie gehört auch „Emma“. „Emma“ ist ein quirliger junger Boxermischling und die beste Freundin des Rottweiler-Rüden. Beide Hunde sind oft gemeinsam mit ihren Besitzern spazieren gegangen und haben miteinander gespielt. Das ist nun vorbei. Im vergangenen November, erzählen die Wöltjens, sei der Rüde plötzlich in ihrem Garten aufgetaucht und habe sich knurrend auf die Tochter Jola zubewegt. Das verängstigte Mädchen habe sich nur knapp in das Haus retten können. Die Wöltjens erstatteten daraufhin erneut Anzeige.

Dass der Hund ein Problem mit kleinen Kindern hat, wird auch von seinem Herrchen nicht bestritten. Das Tier reagiere oft eifersüchtig und knurre schon mal, erzählt sein Halter den LN. Er würde deshalb auch seinen Enkelkindern immer raten, nicht zu dicht an den Hund heranzugehen. Gefährlich sei sein Hund aber auf keinen Fall. Und gebissen habe der Rottweiler auch noch nie jemanden.

Im ersten Fall wurde das Verfahren bereits eingestellt. Es sei nicht nachzuweisen, ob sich der Hund entsprechend der Gesetzeslage gefährlich verhalten habe, teilte die Behörde mit. Hier stünde Aussage gegen Aussage — und ohne Zeugen gebe es keine Möglichkeit für eine Ordnungsmaßnahme. „Dennoch haben wir den Vorfall ernst genommen und den Halter auf seine Pflichten im Umgang mit dem Hund hingewiesen“, erklärt Reinhard Rocksien vom Amt für Umwelt, Sicherheit und Ordnung. Sprich: Hunde sind so zu halten und zu führen, dass von ihnen keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit ausgeht.

Die Wöltjens verstehen die Welt nicht mehr. „Sollen wir erst warten, bis der Hund unsere Tochter erneut anfällt und dann auch noch die Kamera zücken?“, fragen sie. „Wir verstehen die Sorgen der Eltern, müssen uns aber an die Gesetze halten“, erklärt Rocksien. Die Beweisplicht gilt auch für den Fall aus dem November. „Hier haben wir mögliche Zeugen aufgefordert, ihre Beobachtungen und Erfahrungen mit dem Hund zu schildern“, sagt Rocksien. Erst dann könne man entscheiden, ob es sich um einen Verstoß im Sinne des Gefahrhundegesetzes oder um eine Ordnungswidrigkeit gehandelt habe, sagte der Amtsleiter.

Immer wieder kommt es zu Streitigkeiten im Zusammenhang mitHunden. Das Amtsgericht hat dazu allerdings keine genauen Zahlen registriert. Zuletzt sorgte ein Jogger für Schlagzeilen, der am Ostseestrand auf einen jungen Labrador und dessen Frauchen losging. Was sollten Hundehalter also tun, um Streit zu vermeiden? „Halter sollten ihre Hunde nur an den dafür ausgeschriebenen Flächen frei laufen lassen, ansonsten gehört ein Hund grundsätzlich an die Leine“, rät Hundeexpertin Dagmar Freitag vom „MenschHundTeam“ aus Israelsdorf. Ein Hund muss gehorchen. Wenn er von seinem Halter zurückgerufen wird, hat er zu kommen und sollte sich neben ihn setzen, bis er das Kommando bekommt, wieder frei zu laufen. „Dieses Verhalten lässt sich trainieren“, so die Hundeexpertin. Dennoch gebe es nie eine einhundertprozentige Sicherheit im Umgang mit Hunden. Die Expertin ist selbst zweifache Mutter und weiß, wie besonders Kinder sich gegenüber Hunden verhalten sollten. „Grundsätzlich sollen Kinder keine fremden Hunde einfach anfassen, auch wenn der Wunsch noch so stark ist“, sagt sie. „Erst wenn der Besitzer sein Okay gibt, ist eine Berührung erlaubt.“ Trifft man auf einen freilaufenden Hund, etwa beim Joggen, sollte man stehen bleiben und sich wegdrehen, nie frontal auf den Hund zugehen und auch den Augenkontakt meiden. „Das versteht ein Hund als Bedrohung“, erklärt die Hundetrainerin.

Hintergrund
Rottweiler wurden früher zur Bewachung des Viehs eingesetzt, vorzugsweise im baden-württembergischen Landkreis Rottweil, daher auch der Name. Später wurde die Rasse auch als Polizeihund zugelassen. Privatpersonen und Firmen halten Rottweiler aufgrund ihrer stattlichen Erscheinung gern als Wachhunde. Sie gelten als aufmerksam, gehorsam, selbstbewusst und kinderlieb.


Als Gefahrhund gilt ein Rottweiler in Schleswig-Holstein nicht, anders als zum Beispiel in Bayern. Bei uns gelten Pitbull-Terrier, American Staffordshire-Terrier, Staffordshire-Bullterrier und Bullterrier und ihre Kreuzungen als Listenhunde oder sogenannte Kampfhunde, die nur unter strengen Auflagen gehalten werden dürfen.


Jede andere Hunderasse wird grundsätzlich zunächst als harmlos betrachtet. Erst wenn ein Hund gegen das Gefahrhundegesetz verstößt, kann er vom Ordnungsamt als gefährlich eingestuft werden und können Auflagen für sein Halten erlassen werden. Das trifft zu, wenn es sich um ein nachweislich angriffslustiges Tier handelt, der Hund einen Menschen oder Tiere gebissen hat oder außerhalb des Grundstücks wiederholt Menschen gefährlich wird.

149 Hundebisse gegenüber Menschen gab es laut Statistik 2012 in Schleswig-Holstein, davon drei in Lübeck. 138-mal wurden andere Hunde gebissen und das Amt eingeschaltet. In 32 Fällen wurden andere Tiere gehetzt oder gerissen. Bei den Bissen gegenüber Menschen waren Mischlinge 20-mal beteiligt, Schäferhunde ebenfalls 20-mal und Rottweiler 7-mal. In 32 Fällen kam es zum Wesenstest, den alle Hunde bestanden haben.

Heiko Pump