Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Endet der Streit um die Possehlbrücke vor Gericht?
Lokales Lübeck Endet der Streit um die Possehlbrücke vor Gericht?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:25 11.10.2016
Schneckentempo: Der Neubau der Possehlbrücke kommt kaum voran. Die Querung ist seit März 2015 halbseitig gesperrt. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Extrem angespannte Stimmung: Der Neubau der Possehlbrücke könnte die Gerichte beschäftigen. „Wir werden das Projekt jetzt juristisch intensiv begleiten“, erklärt Stefan Klotz, Bereichsleiter Verkehr. Im Bauausschuss gibt er zu: „Wir haben ein Problem mit der Baustelle.“ Das gebe es aber in anderen Städten mit vergleichbaren Großprojekten auch. Fakt ist: „Der Neubau der Possehlbrücke wird länger dauern und teurer werden“, sagt Klotz. Damit bestätigt er einen Bericht der Lübecker Nachrichten vom Sonnabend. Ursprünglich sollte das Thema hinter verschlossenen Türen debattiert werden. Durch den Zeitungsbericht machte Bausenator Franz-Peter Boden (SPD) die Debatte jetzt öffentlich.

„Wir werden das Projekt jetzt juristisch intensiv begleiten.“ Stefan Klotz, Bereichsleiter Verkehr

Aktuelles Datum der Fertigstellung: 14. Juni 2018. Das ist ein halbes Jahr später als zuletzt anvisiert. Eigentlich sollte die Brücke Ende 2017 stehen – pünktlich zur Weihnachtszeit. Zuvor war die Bauverwaltung sogar von Januar 2017 ausgegangen. Allerdings: Auch der neue Termin für Juni 2018 ist nur ein angepeiltes Datum. Für das übernimmt die Baufirma Wayss & Freytag keine Garantie. Die ursprüngliche Bauzeit der Brücke von 20,5 Monaten verdoppelt sich damit nahezu – auf 36,5 Monate.

Die Kosten für das Bauwerk steigen ebenfalls – um 2,14 Millionen Euro. Damit verteuert sich die Possehlbrücke erneut und schlägt mit knapp 15 Millionen Euro zu Buche, inklusive der aufwendigen Leitungsverlegungen. Klotz: „Das sind geschätzte Summen.“ Die Brücke werde teurer, weil die Arbeiten länger dauern. Pro Monat berechne die Baufirma 100 000 Euro.

Das Problem: Die Possehlbrücke ist eine der Hauptverkehrsadern der Stadt. Sie ist seit März 2015 nur in eine Richtung befahrbar. Täglich sind 32500 Autofahrer und 3200 Radler von der Baumaßnahme betroffen. Zu Hauptverkehrszeiten staut sich der Verkehr aus Lübecks Straßen. Der Hintergrund: Die Possehlbrücke von 1956 ist marode. Sie ist zur Hälfte abgerissen. Der Neubau sollte daneben errichtet werden. Noch ist kaum etwas davon zu sehen.

Unzufrieden reagieren die Politiker. „Wie genau kommen die sechs Monate Bauverzögerung zustande?“, will Christopher Lötsch (CDU) wissen, Vorsitzender des Bauausschusses. Die Arbeiten dauerten länger, weil Stadt und Baufirma uneins seien, wie gebaut werden solle. „Die Baumaßnahme wird immer wieder überplant“, so Klotz. Das Hauptproblem ist der Baugrund. Denn die marode Brücke steht auf wackeligem Untergrund. „Gab es kein Baugrundgutachten?“, fragt Karsten Mihr (BfL) erstaunt. „Wenn Ihnen jemand sagt: ,Das ist so nicht baubar', dann muss man gemeinsam eine Lösung finden“, so Klotz. Ansonsten könnte es Stillstand auf der Baustelle geben. „Und das kostet richtig.“

Klotz verteidigt sich: „Wir sind in Lübeck ganz schön verwöhnt.“ Bei den meisten Bauvorhaben würden Kosten und Fertigstellung eingehalten. Er stellt sich vor seine Leute: „Es ist nicht so, dass die Bauverwaltung überfordert ist.“ Er wehrt sich gegen den Vorwurf, dass es eine „Kostenexplosion“ bei der Possehlbrücke gebe. Es handle sich um eine Kostensteigerung um zwölf Prozent. „Das ist viel Geld – aber ein Drama ist es nicht“, so Klotz. Als Beispiel für eine Kostenexplosion nennt er das Hansemuseum. Das war ursprünglich mit 14 Millionen Euro kalkuliert, hat dann aber am Ende knapp 50 Millionen Euro gekostet. Allerdings: Das Museum hat die Possehlstiftung finanziert, die Stadt hat keinen Cent bezahlt. Zur Erinnerung: Die Possehlbrücke sollte zu Anfang 6,8 Millionen kosten, statt jetzt fast 15 Millionen Euro.

Angesichts eines drohenden Rechtsstreites fragt Mihr: „Haben Sie das Bauprojekt nicht im Vorfeld juristisch begleitet?“ Die Vergabe werde rechtlich begleitet, so Klotz. Zudem würde die Korrespondenz von Juristen geprüft. Aber jetzt lasse die Stadt den gesamten Bauverlauf von Juristen prüfen, das habe die Baufirma auch gemacht. Ulrich Pluschkell (SPD): „Ich habe das ungute Gefühl, dass die Bauverzögerung im Interesse der Firma ist.“

 Josephine von Zastrow