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Lübeck Erbpacht-Grundstücke: Jetzt auch Ärger in Karlshof
Lokales Lübeck Erbpacht-Grundstücke: Jetzt auch Ärger in Karlshof
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20:10 04.01.2017
Diskutieren über die kräftige Erbpacht-Erhöhung in Karlshof: Harald Rentsch (v. l.), Elke Kondziella, Renate Nagelpusch und Manfred Prüß.
Diskutieren über die kräftige Erbpacht-Erhöhung in Karlshof: Harald Rentsch (v. l.), Elke Kondziella, Renate Nagelpusch und Manfred Prüß. Quelle: Lutz Roessler
St. Gertrud

Große Unsicherheit in Karlshof: Kann ich mein Haus behalten oder nicht? Diese Frage stellen sich die Erbpächter dort. Gut 100 Lübecker haben ein Häuschen aus den 20er-Jahren, das auf einem Grundstück der Stadt steht. Ein Drittel davon sind Familien. Das Problem: Die Stadt erhöht die Pacht. Teilweise müssten die Erbpächter 8000 Prozent mehr zahlen – oder sie kaufen das Grundstück. Doch der Preis ist ebenfalls kräftig gestiegen: Ein Grundstück kostet fast drei Mal so viel wie 2008. Jetzt haben sich die Pächter rund um die Straße Steinkrug zusammengetan und wollen sich der Initiative in der Gärtnergasse anschließen.

„Wir sind empört und entsetzt“, macht Manfred Prüß seinem Ärger Luft. Der 63-Jährige hat das Haus 1989 gekauft und einen Erbpachtvertrag von 1927 übernommen. „Das Haus war unsere Altersabsicherung – und jetzt das.“ Für 870 Quadratmeter zahlt er 111 Euro im Jahr. Nach Ende des Vertrages sollen es 6114 Euro sein. „Eine moderate Erhöhung könnte ich verstehen“, so Prüß. Aber vor allem: In seinem Vertrag steht, dass die Stadt alle fünf Jahre die Pacht anpassen kann. Hat sie aber über Jahrzehnte nicht getan. „Da haben viele Mitarbeiter gepennt“, sagt Prüß. Jetzt hat er das Nachsehen: „Ich bin der schwächere Vertragspartner.“

Ähnlich reagiert Marion Tiedemann. „Es ist kein gutes Gefühl“, sagt die 63-Jährige. „Ich will in dem Haus leben bleiben.“ Sie wohnt seit 1987 in einem Siedlungshäuschen, hat es damals gekauft. Für das knapp 700 Quadratmeter große Grundstück zahlt sie 60 bis 70 Euro Pacht im Jahr. „Ich weiß, das ist nicht viel“, gibt sie zu. Aber die satte Preiserhöhung hat sie geschockt. „Die Stadt ist raffgierig“, so ihr Eindruck. Wenn Marion Tiedemann sich bis Ende 2017 entscheidet und den Vertrag vorzeitig verlängert, dann zahlt sie ab sofort 3360 Euro durch die neue Mischzinsregelung.

Bleibt alles wie bisher, dann müsste sie nach Vertragsende mehr als 5273 Euro an jährlicher Pacht zahlen. Denn dann werden die Grundstückspreise wieder gestiegen sein. Sie tendiert zur Mischzinslösung. Doch: „Was ist in 30 Jahren? Dann bin ich 93 Jahre alt.“ Und kaufen? Kommt für Marion Tiedemann gar nicht in Frage: „Ich habe keine Erben.“

Anders sieht das bei Renate Nagelpusch aus. „Um Schlimmeres abzuwenden“, will die 64-Jährige das Grundstück erwerben. Es gehörte ihren Großeltern, sie hat es 1974 mit ihrem Mann übernommen – samt Erbpachtvertrag von 1927. Der läuft noch bis 2028. Sie zahlt 65 Euro Pacht im Jahr für 515 Quadratmeter. Nach Vertragsende soll die Pacht auf 4258 Euro steigen. „Wenn ich das zehn Jahre lang zahle, dann sind das auch schon 50 000 Euro“, hat sie ausgerechnet. Jetzt will Renate Nagelpusch einen Kredit aufnehmen – und das Grundstück kaufen. Allerdings für wesentlich mehr Geld als noch vor zehn, 20 Jahren. Die Stadt hatte ihr das Grundstück 1999 für 66048 Mark angeboten. „Hätten wir das mal bloß gemacht“, sagt Renate Nagelpusch. „Aber dazu waren wir nicht in der Lage.“ 2008 wollte die Stadt dann knapp 46000 Euro für das Grundstück haben. Heute sind es 117095 Euro.

So sieht es auch für Elke Kondziella aus. „Ich möchte versuchen zu kaufen – schaffe das aber allein nicht“, sagt die 52-Jährige. Sie will in ihrer Familie eine Lösung finden. Denn Elke Kondziella würde gern ins Haus investieren, damit es weniger Energie verbraucht. Doch die Banken finanzieren das nicht, wenn der Erbpachtvertrag nur noch zehn Jahre läuft. Für sie ist die Kaufpreis-Steigerung bitter: Für das 827 Quadratmeter große Grundstück sollte sie 1999 umgerechnet 5300 Euro zahlen. 2008 waren es 62800 Euro – nun sind es knapp 165000 Euro. Elke Kondziella hofft, dass die Stadt das Areal in Bau- und in Gartenland aufteilt – und der Kaufreis dadurch sinkt. Harald Rentsch, Chef des Siedlerbundes Karlshof: „Diese enorme Steigerung wundert mich.“

Komplizierte Materie

960 Erbpachtverträge laufen bis 2045 aus. Allein 675 enden bis 2027. Wer jetzt kauft, muss den heutigen Bodenwert zahlen plus zehn Prozent. Wer pachten will, der zahlt vier Prozent des Bodenwertes als Erbpacht – nach Ablauf des Vertrages. Wer 2017 seinen Vertrag vorzeitig verlängert, der kann vom günstigeren Mischzins profitieren. Ein Arbeitskreis aus Stadt, Politik und Initiativen diskutiert aktuell eine stufenweise Anhebung des Erbpachtzinses.

 Josephine von Zastrow