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Lübeck Experte: „So gelingt die Verkehrswende in Lübeck“
Lokales Lübeck Experte: „So gelingt die Verkehrswende in Lübeck“
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10:00 18.02.2020
Vorbildlich aus Sicht des Verkehrsforschers: Radfahrer fahren an der Travemünder Allee über die Einmündung zur Straße Am Gertrudenkirchhof, bleiben auf dem Niveau des Radweges. Die Autofahrer müssen über einen kleinen Buckel. Quelle: Agentur 54°
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Lübeck

Zu viel Platz für Autos, zu wenig Platz für Menschen: Der Verkehrsforscher Prof. Heiner Monheim forderte auf einer Veranstaltung der Unabhängigen, dass Lübeck beim Thema Verkehrswende mutiger werden müsse. „Die Stadt kann bei anderen Städten lernen“, sagte Monheim vor rund 100 Besuchern im Rathaus.

Prof. Heiner Monheim erklärte auf einer Veranstaltung der Unabhängigen, wie Lübeck die Verkehrswende gelingen kann. Quelle: HFR/Unabhängige

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Als schnelle Maßnahmen, die auch nicht viel Geld kosten, schlug der ehemalige Stadt- und Regionalplaner 300 bis 500 Fahrradstraßen in der Hansestadt vor. Dafür brauche es nur neue Verkehrsschilder. Die Maßnahme könnte sofort umgesetzt werden. Aktuell hat Lübeck drei Fahrradstraßen, auf denen die Radfahrer Vorrang vor den Autos haben. Monheim: „80 Prozent alles Haushalte besitzen ein Fahrrad. 80 Prozent der Menschen haben Angst, in der Stadt Fahrrad zu fahren. Diese Menschen müssen wir zu Alltags-Radfahrern machen.“

Drei Fahrradstraßen zählt die Hansestadt bisher. Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim fordert Hunderte. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Monheim, der in Malente lebt, beschrieb Lübeck als eine Stadt der zugeparkten Gehwege und schlug 1000 bis 2000 verkehrsberuhigte Bereiche vor, in denen Menschen auf der Fahrbahn gehen dürfen. Die Hansestadt brauche auch viel mehr „hochattraktive Fußgängerbereiche“ – nicht nur in der Innenstadt. Monheim forderte in seinem Vortrag 20 Flaniermeilen. „Die Einzelhändler müssen endlich kapieren, dass total zugeparkte Straßen keine Orte zum Flanieren sind.“

Die Umgestaltung der Beckergrube zum Theaterplatz sei richtig, sagte Monheim, aber das müsste die Stadt systematisch betreiben: „Beckergruben gibt es 40 Mal in Lübeck.“

Der Verkehrsexperte

Prof. Heiner Monheim wurde in Aachen geboren und lebt heute in Malente. Von 1971 bis 1985 war er Referatsleiter Infrastruktur in der Bonner Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung (BfLR) des Bundesministeriums für Raumordnung und Bauwesen. Von 1985 bis 1995 arbeitete er als Referatsleiter Verkehrsberuhigung und Stadtverkehr im Landesministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr in Nordrhein-Westfalen. Von 1995 bis 2011 war Monheim Professor für Geografie, Raumentwicklung und Landesplanung an der Universität Trier. Der Verkehrsexperte analysierte die Verkehrskonzepte zahlreicher Kommunen – darunter Berlin, Dresden, Düsseldorf und Lübeck. Monheim hat zahlreiche Bücher veröffentlicht.

Die „grässlichen Einfallstraßen“ seien überdimensioniert, für 24 000 Fahrzeuge würden zwei Spuren reichen, erklärte der Verkehrsforscher, die Kreisel Lindenteller und Mühlenteller seien zu groß, und überall in der Stadt sollte Tempo 30 gelten. Monheim: „In Baden-Württemberg gibt es innerorts fast keine Straßen mehr mit Tempo 50.“

Kreuzungen auf Gehweg-Niveau anheben

Der Vorrang für Autos könnte beseitigt werden, „indem ganze Kreuzungen auf Gehweg-Niveau angehoben werden“, erklärte der frühere Stadt- und Regionalplaner, „und an jeder Kreuzung müssten mindestens vier, besser noch acht bis zwölf Bäume stehen.“

Monheim forderte auch einen anderen Nahverkehr mit kleinen Quartiersbussen statt großer Gelenkbusse. „Ein erfolgreicher ÖPNV braucht zehn Mal mehr Haltestellen, als heute vorhanden sind“, sagte der 73-Jährige. „Die Anschlüsse von Bahn an Bus sind grottenschlecht“, kritisierte der Verkehrsforscher und forderte, dass Politiker und Verwaltung dem Verkehrsverbund Nah SH Beine machen müsse.

Den meisten Menschen ist der ÖPNV zu kompliziert

Den meisten Menschen sei der ÖPNV mit seinen vielen Tarifen viel zu kompliziert, sagte Monheim und sprach sich für ein Bürgerticket nach dem Vorbild von Semestertickets für Studierende aus. „Der Bürgermeister ordert beim Stadtverkehr 100 000 Jahrestickets, die günstig sind“, schlug der 73-Jährige vor, „die Menschen brauchen keine Automaten mehr und können nichts mehr falsch machen.“

Unternehmen müssen Alternativen zum Auto fördern

Monheim nahm für eine Verkehrswende auch die Unternehmen in die Pflicht. „Die müssen sich Gedanken machen, wie ihre Beschäftigten zur Arbeit kommen.“ 70 bis 80 Prozent einer Belegschaft könnte ohne Auto zur Arbeit kommen, wenn es Jobtickets, Duschen, gesicherte Fahrrad-Abstellräume und Umkleideräume gebe. Die Stadt müsste drei bis vier hauptamtliche Mobilitätsberater einstellen, die den Unternehmen helfen.

„Wir wollen die Verkehrswende jetzt und nicht langwierige Prozesse abwarten“, sagt Detlev Stolzenberg, Fraktionschef der Unabhängigen. Die Fraktion werde im Frühsommer eine Verkehrsschau mit Monheim organisieren, zu der Entscheider aus Politik und Verwaltung eingeladen würden.

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