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Lübeck Rosengang: Keine Probleme mit Feriengästen
Lokales Lübeck Rosengang: Keine Probleme mit Feriengästen
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16:33 07.09.2018
Dagmar und Jochen Edinger sind zum dritten Mal im Rosengang untergekommen. „Es ist wie ein zweites Zuhause.“ Quelle: Lutz Roeßler
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Innenstadt

Extrem eng, mit Rosenranken und Lavendel vor den Haustüren geschmückt: Das ist der Rosengang mit seinen 14 Mini-Häuschen à 40 Quadratmeter Wohnfläche. Vier der Häuser werden als Ferienwohnungen vermietet. Die Gangbewohner sind entsetzt über den Beschluss der Bürgerschaft, ab kommenden Februar alle nicht von der Stadt genehmigten Ferienwohnungen in den Gängen und Höfen zu verbieten. Sie haben ganz andere Erfahrungen mit den Feriengästen gemacht als die Bewohner des Alten Posthofes.

Nette Gemeinschaft, die sich von Touristen nicht gestört fühlt: Marie-Therese Müller (v. l.), Katrin Welter, Gudrun Neuper, Martin Gosch und Leif Baumgarten. Quelle: Lutz Roeßler

Gute Gemeinschaft

„Als ich vor vier Jahren hierher zog, war ich mir nicht sicher, ob ich mit der Enge und Nähe zu den anderen Bewohnern und möglicherweise vielen Touristen, die den Gang besuchen, klarkommen würde“, sagt Regina Kudsk (49). Inzwischen fühle sie sich im Rosengang sehr wohl, „ich schätze das sehr gute nachbarschaftliche Wohnen mit meinen fest hier wohnenden Nachbarn – zurzeit acht – sowie den Feriengästen und Touristen.“

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Keine schlechten Erfahrungen

Wie Regina Kudsk sehen es auch ihre Nachbarn. „Wir möchten uns dagegen aufstellen, dass alle Gäste stören oder sich schlecht benehmen“, sagt Martin Gosch (48). Er habe in den sieben Jahren, die er im Rosengang wohne, „keinen einzigen Feriengast erlebt, der gestört hätte.“ Und auch Katrin Welter (35) sowie Leif Baumgarten (25) bestätigen, dass man höchstens mal erlebt habe, dass die Feriengäste nicht grüßen oder dass jemand nachts die Toilettenspülung auffällig oft betätigt habe. Für Gosch ist es „beschämend, als Stadt, die vom Tourismus lebt, ein solch negatives Signal von Feriengästen zu senden.“

Im Rosengang laden alle sich gegenseitig ein, und wenn einer der Bewohner feiert, werden auch die Feriengäste eingeladen. „Mit einigen kommt man ins Gespräch, gibt Tipps für Restaurants oder Sehenswürdigkeiten, da wird auch mal ein Glas Wein zusammen getrunken“, sagt Regina Kudsk.

Ungläubiges Staunen

Aktuell sind es die gebürtige Lübeckerin Dagmar Edinger (53) und ihr Mann Jochen (50). Sie leben in Neustadt an der Weinstraße und haben schon mehrfach in Dagmars Heimatstadt Lübeck Urlaub gemacht – zum dritten Mal in einem Ferienhaus im Rosengang. „Man erlebt die Altstadt viel intensiver, wenn man hier wohnt, außerdem lieben wir die Idylle in diesem Gang“, sagt Dagmar Edinger. Beim inzwischen dritten Aufenthalt im Mini-Ferienhaus habe sich auch der Kontakt zu den Bewohnern intensiviert. „Als wir die Tür zu unserem Häuschen aufgemacht haben, war’s wie ein zweites Zuhause.“ Umso erstaunter waren Edingers über den Bürgerschaftsbeschluss: „Als wir das vorige Woche im Radio hörten, glaubten wir, wir hätten uns verhört“, sagt ihr Mann.

Irritiert über pauschales Verbot

Auch den Rosengang-Bewohnern ist klar, dass es in anderen Gängen mit größeren Ferienhäusern durchaus anders zugehen kann. Doch den Bürgerschafts-Beschluss können sie in der Form nicht nachvollziehen. „Wir waren überrascht, dass es so schnell und absolut ging“, sagt Gudrun Neuper (53), die seit 2010 hier lebt. Und Martin Gosch „hätte nie erwartet, dass man es pauschal in allen Gängen verbietet“.

Seiner Meinung nach hätte es zunächst eine Datenerhebung geben müssen, wie es wo aussieht und wie Bewohner und Touristen in den jeweiligen Gängen miteinander klarkommen. So, wie die Beschlusslage jetzt war, hält er die Argumente gegen Ferienhäuser in diesen speziellen Quartieren nur für vorgeschoben.

Quote erwünscht

Gosch und seine Nachbarn wollen nicht falsch verstanden werden: „Ich bin nicht der Meinung, dass man überall Ferienwohnungen erlauben sollte. Aber bevor man pauschal alle verbietet, sollte man die wahren Gründe dafür erfahren.“ Einig sind sich die Anwohner, die allesamt zur Miete wohnen, dass es eine Quote für die Ferienhäuser in Gängen und Höfen geben sollte. „Vier von 14, wie bei uns, das ist vollkommen in Ordnung“, findet beispielsweise Gudrun Neuper. Und Regina Kudsk sagt sogar: „Dass nicht alle Häuser dauerhaft vermietet sind, sehe ich bei uns als Pluspunkt. In diesem engen Gang könnte es mit so vielen Bewohnern eher Reibereien geben.“

Die Edingers verabschieden sich in ihr Ferienhäuschen, „wir werden dann mal zu Abend essen“, die Bewohner tauschen noch schnell Geld für ein Gemeinschaftsgeschenk für Gangbewohnerin Marie-Therese Müller aus, die ihren 26. Geburtstag feiert – mit frisch gebackenen Waffeln und den Nachbarn, die sich soeben noch für die Touristen stark gemacht haben.

Sabine Risch