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Lübeck Fünfmal so viele Unfälle: Streit um Fahrradstraße zur Uni
Lokales Lübeck Fünfmal so viele Unfälle: Streit um Fahrradstraße zur Uni
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20:47 29.03.2014
In der Dorfstraße werden Autofahrer zwar deutlich auf die Fahrradstraße hingewiesen, aber nicht auf die geänderte Vorfahrt-Regel. Quelle: Lutz Roeßler
St. Jürgen

Das Fazit der Polizei fällt deutlich aus: „Es sollte zur alten Regelung zurückgekehrt werden“, sagt Rainer Dürkop, Leiter des Bereichs Verkehrssicherheit. Im Oktober 2010 ist die Dorfstraße in St. Jürgen versuchsweise zur Fahrradstraße umgewidmet worden, jetzt haben Drahtesel auf den 900 Metern Vorfahrt. Jedoch ist seitdem auch die Zahl der Unfälle zwischen Autos und Radfahrern deutlich in die Höhe geschnellt. Bis Ende 2013 registrierte die Polizei im Probe-Zeitraum 18 Unfälle mit zwölf Verletzten, bei einem Zusammenstoß gab es sogar einen Schwerverletzten. Von 2008 bis zum Testbeginn waren es insgesamt lediglich vier Kollisionen mit zwei Verletzten.

Als besondere Brennpunkte haben sich dabei die Kreuzungen zur Kalkbrenner- (Anstieg von zwei auf neun Kollisionen) und zur Billrothstraße (null auf fünf) hervorgetan. „Von der Statistik war ich selbst erschrocken“, sagt Dürkop. Angesichts der Zahlen wertet die Polizei den Fahrradstraßen-Versuch in St. Jürgen als gescheitert. Das Problem liege in der Beschaffenheit des Viertels. Das gesamte Gebiet sei als Tempo-30-Zone ausgewiesen, überall greife die Regel „Rechts vor links“. Dürkop: „Aber ausgerechnet in der Dorfstraße wird davon abgewichen.“ Radfahrer haben dort aus beiden Richtungen generell Vorrang. „Die Systeme beißen sich in diesem Fall.“

Die Stadt wehrt sich gegen den Vorwurf, eine einst verhältnismäßig sichere Straße gefährlicher gemacht zu haben. „Wir machen den Erfolg der Fahrradstraße nicht an den Unfällen fest“, sagt Stadtsprecher Marc Langentepe. Insgesamt sei der Trend wesentlich positiver: Das Zweirad-Aufkommen habe sich seit Oktober 2010 von einst täglich 226 Bikern auf jetzt 1095 erhöht. „Die Dorfstraße ist zur Einflugschneise zur Universität und Fachhochschule geworden“, sagt Langentepe. Dies könnte natürlich auch eine mögliche Erklärung für steigende Unfallzahlen sein. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) sieht jedenfalls auch keinen Anlass dafür, in der Dorfstraße wieder zur alten Regel zurückzukehren. „Es war die richtige Entscheidung, den Fahrradverkehr zu fördern“, sagt Lübecks stellvertretender Vorsitzender Rolf Hagen.

Dass die vorherige Regelung für alle sicherer war, findet Langentepe nicht. „In den meisten Fällen waren die Autofahrer an den Unfällen schuld“, sagt er. Die Tafeln an den Einmündungen zeigen schließlich die Fahrradstraße an. Allerdings weisen die Schilder nicht auf die geänderte Vorfahrt-Regel hin. Die Verwaltung werde die Meinung der Polizei zur Kenntnis nehmen, „der Versuch bis Ende April wird aber nicht abgebrochen“. Darüber hinaus gibt es noch keine eindeutige Entscheidung. „Zurück zu den Wurzeln wäre das falsche Signal“, sagt Rolf Hagen.

Sowohl die Stadt als auch der ADFC überlegen daher, wie sich die Situation verbessern lässt. „Vielleicht können wir die Kreuzungen optimieren“, sagt Langentepe. Hagen schlägt „noch deutlichere Schilder“ für Autofahrer vor oder Bodenwellen an den Einmündungen. Das wird aber laut Stadtsprecher an den Kosten scheitern: „Wenn das Geld da wäre, hätten wir die Dorfstraße schon damals baulich verändert.“ So gab es 2010 bloß 30 Blumenkübel und an fünf Stellen Fahrbahnverengungen, damit die Autos wirklich nicht schneller als Tempo 30 fahren (die LN berichteten).

Nichtsdestotrotz bleibt Polizist Dürkop bei seiner Auffassung, das „Rechts vor links“-System sei für alle das Beste. „An diese Regel sind alle seit der Fahrschule gewöhnt“, sagt er. Unterstützung bekommt der Hauptkommissar vom ADAC. „Wenn etwas nicht funktioniert, sollte man dazu stehen und den Versuch beenden“, sagt Sprecher Ulf Evert. Er sei kein Gegner von Fahrradstraßen, aber es gehe um die beste Lösung für alle Verkehrsteilnehmer. „Es sollte nicht aus Ideologie entschieden werden.“

Radeln in Lübeck

1989 entstand die erste Fahrradstraße in der östlichen Altstadt parallel zur Königstraße. Inzwischen wurde das System auf 30 Altstadtstraßen ausgeweitet. Weitere Straßen sind in St. Gertrud, St. Lorenz, St. Jürgen und Travemünde geplant.
Auf Fahrradstraßen sind Autos verboten oder nur bedingt zulässig. Weiteres Kriterium ist dann Tempo 30. Die Mindestlänge für Fahrradstraßen beträgt 400 Meter, außerdem müssen sie nach der Ausweisung von mindestens 500 Radlern pro Tag genutzt werden.

Peer Hellerling

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