Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Für neue Töne im Unterricht
Lokales Lübeck Für neue Töne im Unterricht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:12 09.04.2015
Prof. Hans Bäßler (v. l.), Sonderpädagoge Dr. Björn Tischler, Michael Pabst-Krueger (Inklusionsbeauftragter), Kristin Alheit, Studentin Marie-Leann Tangermann, Knut Dembowski und MHL-Präsident Rico Gubler stellen das Inklusionskonzept vor. Quelle: Lena Schüch
Anzeige
Innenstadt

Mit rotem Gehörschutz sitzen die Musikstudenten im Seminarraum und lauschen einem Stück des norwegischen Komponisten Edvard Grieg. Unter den ohrumschließenden Kapseln gelangen die Schallwellen nur noch leise und dumpf ins Hör-Organ. „Ich glaube, am Anfang haben sich Bass und Fagott abgewechselt“, sagt einer der Studenten nach der Hörprobe, aber sicher ist er sich nicht. „Beschulung und Inklusion von hörgeschädigten Schülerinnen und Schülern in Schleswig- Holstein“ heißt etwas sperrig das Seminar an der Musikhochschule Lübeck (MHL), in dem die angehenden Musiklehrer nachfühlen können, wie es ist, von der Welt der Töne zu einem guten Teil ausgeschlossen zu sein. Eine Erfahrung, die sie für die Bedürfnisse von Schülern mit Behinderungen sensibilisieren soll — um im nächsten Schritt ein Konzept dafür zu entwickeln, wie diese trotzdem ihren Fähigkeiten entsprechend am Musikunterricht teilhaben können.

Es ist der „1. Frühjahrs-Campus für Inklusion“ an der MHL, bei dem Psychologen und Pädagogen noch bis zum Sonnabend angehende Lehrer und interessierte Bürger informieren. „Hören und Sehen“ sowie „Emotionale und soziale Entwicklung“ stehen dabei auf dem Stundenplan des bundesweit bisher einzigartigen Inklusionskonzepts. Dieses wird vom schleswig- holsteinischen Ministerium für Soziales mit knapp 100000 Euro gefördert. „Wir haben alle Module des Lehrplans auf ihre Möglichkeiten hin überprüft, wie man in sie sonderpädagogische Elemente und Inklusionsgedanken einbauen könnte“, sagt Hans Bäßler, Professor für Musikpädagogik und Beauftragter für den Studiengang „Musik vermitteln“. „Es soll nicht nur zeitlich begrenzt an wenigen Stellen etwas hinzugefügt werden, sondern im Ganzen gedacht werden.“ Denn so etwas wie eine Einheitlichkeit in Schulklassen gebe es nicht. „Jeder ist auf seine Weise anders“, sagt Bäßler. „Die Frage ist, wie man diese Eigenheiten im Unterricht nutzen kann.“

Anzeige

Das Fach Musik scheint dafür besonders geeignet zu sein: Nicht nur sind Klänge unmittelbar erlebbar und eine ursprüngliche, vorsprachliche Form der Kommunikation. „Musik ist gerade auch ein tolles Mittel, die persönlichen Fähigkeiten auf verschiedenen Ebenen zu entwickeln — sensorisch, kognitiv, aber auch emotional“, sagt Wissenschaftsministerin Kristin Alheit (SPD). Sie lobt das Programm an der MHL als herausragendes Beispiel für die im Lehrerkräftebildungsgesetz geforderte Einbindung der Inklusion in sämtliche Lehramtsstudiengänge. Was als Ziel noch etwas abstrakt klingt, erlebt Knut Dembowski, Musiklehrer sowie Studienleiter am Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holsteins (IQSH) jeden Tag: So berichtet er von Schülern, die Probleme mit dem Lernen haben, aber plötzlich völlig konzentriert alles richtig machen, wenn man ihnen einen E-Bass in die Hand gibt. „Wir als Lehrer müssen uns fragen, wie kann ich dem Kind helfen, den nächsten Schritt zu machen?“, sagt Dembowski. „Ziel eines Musiklehrers ist es, dass der Schüler Erfolg hat und am Ende selbst sagt: ‚Ich kann das, egal, um was es geht.‘“

lsc