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Lübeck Gastronomen in Lübeck fürchten wegen des Coronavirus um ihre Existenz
Lokales Lübeck Gastronomen in Lübeck fürchten wegen des Coronavirus um ihre Existenz
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17:49 17.03.2020
„Die Kleinen trifft es am härtesten“: Malek Demachkie, Barkeeper in der Café Bar. Quelle: Friederike Grabitz
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Lübeck

Malek Demachkie, Barkeeper in der Café Bar an der Ecke Schlumacherstraße/Hüxstraße, befürchtet, dass Lübeck nach der Corona-Krise weniger lebenswert sein wird. Er glaubt, dass viele Gastronomen die Krise nicht überstehen. „Wir haben Glück, weil wir auch einen Cafébetrieb haben. Wir mussten noch nicht schließen.“

Zudem hat die Café Bar genug Platz, um die Sitzeinheiten von 16 auf jetzt sechs zu verkleinern: Die neuen Regelungen schreiben einen Mindestabstand von zwei Metern zwischen den Sitzeinheiten vor. Besonders schwierig, sagt er, sei es, dass nicht absehbar ist, wie lange die Krise dauern wird. Die Kleinen treffe es dabei am härtesten. „Vor allem, wer keine Rücklagen hat, hat kaum eine Chance zu überleben.“ Er hofft nun auf Lösungen von der Stadt.

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Klicken Sie hier auf die Bilderstrecke: So gehen Gastronomen mit der Krise um.

Viele Gäste bleiben weg

Die Bundesregierung hat Gastronomen KfW-Kredite zugesagt. Jun Kang, die Betreiberin des koreanischen Restaurants Onni in der Mühlenstraße, bezweifelt, dass das viel helfen wird. „Schulden sind Schulden, das ist keine Hilfe“, sagt sie. Sie fände es sinnvoller, die Umsatzsteuer während der Krise von 19 auf 10 Prozent zu senken und Immobilienbesitzer zu verpflichten, dass sie die Mieten zeitweilig senken.

Wie in der Café Bar sind auch bei ihr die meisten Gäste weggeblieben. „Das ging los, als es in China anfing. Wir sehen alle asiatisch aus, viele Menschen machen da keinen Unterschied.“ Sie ist für drei feste Angestellte und eine Hand voll freie Mitarbeiter verantwortlich. „Und wir haben eine sehr geringe Gewinnmarge.“

„Corona erinnert mich daran, was wichtig ist“

Die Pandemie hat Kangs Weltbild verändert. „Wir sind technisch so weit, aber machtlos gegen so ein kleines Virus“, sagt sie. „Corona erinnert mich daran, was wirklich wichtig ist. Wir müssen uns gegenseitig helfen. Und ich möchte in Zukunft einfacher leben, keine Billigflüge oder Kreuzfahrten mehr machen.“

Dann zeigt sie die Liste mit den Kontaktdaten aller Gäste, die die Gastwirte seit Sonntag führen müssen, drei Mitarbeitern des Ordnungsamtes, die das Lokal inspizieren. „Wir führen heute überall im Stadtgebiet Kontrollen durch“, sagt einer von ihnen.

Gäste haben Angst

Auch im griechischen Restaurant Pegasus in der Schlutuper Straße waren sie schon. Für Haval Ghati, der hier im Service arbeitet, fühlt sich die Situation „surreal an, wie in einem Weltuntergangsfilm“. Auch in seinem Lokal bleiben die Gäste weg. „Wir leben von älteren Gästen. Die haben Angst, weil sie ja als Risikogruppe gelten“, sagt er.

Viele sagten Reservierungen ab, weil sie Angst hätten, sich bei anderen Gästen anzustecken. „Wir haben ja laufende Kosten und können jetzt nicht kalkulieren, wie viele Lebensmittel wir bestellen“, sagt Ghati. Er selbst hat auch Existenzängste. Er ist Student und auf das Einkommen hier angewiesen.

„Wie im Krieg“

Die Brüder Carlo und Walter Scussel, Inhaber des Eiscafés Venezia in der Königstraße, hatten „den schlechtesten Saisonstart seit 66 Jahren“. Jetzt fürchten sie, dass sie „den ganzen nächsten Winter Nudeln ohne Fleisch essen müssen“. Sie haben Angst, nicht nur um ihre wirtschaftliche Existenz, sondern auch „um unser Land, unsere beiden Länder“, sagt Carlo Scussel.

Die beiden Italiener erzählen, dass in der Region Venezien, wo ihre Familie herkommt, „die Krankenhäuser niemanden mehr aufnehmen. An jeder Kreuzung steht ein Polizeiwagen, und man darf nur mit Passierschein das Haus verlassen. Es ist wie im Krieg.“

Eis in Deutschland ein Lebensmittel

Um das Virus einzudämmen, „müssten wir eigentlich sofort alles schließen“, sagt Carlo Scussel. „Ich würde das auch machen, wenn ich genug Geld auf dem Konto hätte.“ Andererseits gelte Eis in Deutschland, speziell im Norden, „auf jeden Fall als Lebensmittel“.

Möglicherweise werden die Gastronomen diese Wahl bald nicht mehr haben. „Das Kabinett berät zurzeit zum Thema Regelungen für Restaurants“, sagt Max Keldenich, Sprecher des Gesundheitsministeriums. Die Beschlusslage dazu könne sich von Tag zu Tag ändern.

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Von Friederike Grabitz