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Lübeck Gegen den IS-Terror: Lübecks Kurden demonstrieren
Lokales Lübeck Gegen den IS-Terror: Lübecks Kurden demonstrieren
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15:44 03.09.2018
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Lübeck

Die kurdische Gemeinde in der Hansestadt will ein Zeichen gegen den Terror des „Islamischen Staates“ (IS) in der syrischen Grenzstadt Kobane setzen. Seit Mitte September wird die Stadt von IS-Milizen belagert, seither leisten die Eingeschlossenen Gegenwehr. „Die Lage ist sehr bedrohlich“, sagt Mehmet D. Der 24-Jährige ist Teil der Lübecker Kurden, Sonnabend um 14 Uhr wollen sie am Zob demonstrieren und von dort aus weiter zum Markt am Rathaus marschieren. Bei den Behörden sind 500 Teilnehmer angemeldet, D. hofft auf mindestens 300.

„Es geht nicht nur darum, die kurdische Stimme zu erheben“, sagt der Muslim. Vielmehr müsse ganz Europa aufgeweckt werden, weil alle durch den IS bedroht seien. „Wenn jetzt nichts geschieht, dann ist der Terror bald auch vor unserer Haustür.“ Das Motto der Lübecker Kundgebung lautet „Halte stand Kobane — Halte stand Rojava!“. Rojava wird auch Westkurdistan genannt und bezeichnet die kurdische Region zwischen Syrien und der Türkei.

Die Lübecker Gemeinde steht in Kontakt mit Verwandten und Freunden im Krisengebiet, gleichzeitig informieren sie sich über die Medien und Facebook über die Lage in Kobane. Omer Majet musste selbst vor zwei Monaten aus Damaskus flüchten, „es gab nur die Wahl zwischen Diktator Assad und dem IS“, sagt er. Die dritte Option sei der Tod gewesen. Milizen des IS hätten seinen Bruder und den Neffen umgebracht. D. und Majet finden, dass es an der Zeit sei, dass die Weltgemeinschaft endlich handle. „Die jetzige zurückhaltende Taktik kostet Menschenleben“, sagt D. „Das ist unterlassene Hilfeleistung.“

Die Sicherheitsbehörden haben ein waches Auge auf die geplante Kundgebung. Grund sind unter anderem die in der Hansestadt stark vertretenen Salafisten. Laut Landesverfassungsschutz-Chef Dieter Büddefeld befinde sich hier „einer der vier regionalen Schwerpunkte der Szene“. Insgesamt gebe es im Norden derzeit 210 Salafisten. Büddefeld: „Vor dem Hintergrund der bundesweiten, gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Salafisten in der vergangenen Woche betrachten wir diese Situation besonders aufmerksam.“ In Hamburg war es zuletzt bei Kurden-Protesten zu Krawallen mit vermutlich salafistischen IS-Sympathisanten gekommen.

Dementsprechend vorbereitet will die Polizei auftreten. Zwar gehen die Beamten laut Behördensprecherin Anett Dittmer „von einem friedlichen Versammlungsverlauf aus“, dennoch wolle man bei Bedarf „Teilnehmer und mögliche Gegendemonstranten auseinanderhalten“. Innensenator Bernd Möller (Grüne) glaubt an einen ruhigen Verlauf, „auszuschließen sind Krawalle jedoch nicht“. Brenzlig könnte es am Markt werden, laut Verfassungsschutz planen Salafisten zeitgleich eine Koranverteilung vor dem Rathaus. „Bei einem Zusammentreffen von Kurden, nationalistischen Türken und Salafisten können spontane Ausschreitungen momentan nicht ausgeschlossen werden“, sagt Büddefeld. Die Bundespolizei steht vor einem zusätzlichen Problem: Sie muss sich zeitgleich im Hauptbahnhof um Fußballfans aus Halle kümmern, die nach Kiel wollen.

Lübecks Kurden hoffen, dass es ähnlich ruhig bleibt wie in Düsseldorf. Am Sonnabend hatten 20 000 Menschen verschiedenster Religionen und Nationen friedlich gegen den IS protestiert. „Die Menschen in Kobane sitzen in einer dunklen Höhle“, sagt Omer Majet. „Für sie sind wir ein Licht der Hoffnung.“

Umkämpfte Stadt

5400 Menschen aus der syrischen Grenzstadt Kobane haben nach Schätzungen des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen in der nordirakischen Kurdenregion Dohuk Zuflucht gesucht. Die Zahl soll in den kommenden Tagen noch einmal um bis zu 15 000 steigen. Die Terror-Miliz „Islamischer Staat“ (IS) belagert die Stadt von drei Seiten, die Türkei will keinen Fluchtkorridor schaffen.
Der IS hat in weiten Teilen des Nord- und Westiraks sowie im Nordosten Syriens ein Kalifat ausgerufen. Mehr als 600 000 Muslime, Christen und Jesiden im Irak flohen bislang vor dem Terror.

Peer Hellerling