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Lübeck JVA-Geiselnahme: Daniel P. wurde beim Essen überwältigt
Lokales Lübeck JVA-Geiselnahme: Daniel P. wurde beim Essen überwältigt
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18:49 18.06.2019
Nach erfolgtem Zugriff verließen die Einsatzkräfte nach und nach die JVA Lübeck. Quelle: Holger Kröger
Lübeck

Nach dem glücklichen Ende einer mehrstündigen Geiselnahme im Gefängnis von Lübeck laufen die Ermittlungen auf Hochtouren, wie es überhaupt zu dem Verbrechen kommen konnte. Sicher ist bislang nur, wie die Polizei den Geiselnehmer Daniel P. um 20.07 Uhr, nach rund sechs Stunden, schließlich überwältigen konnte: beim Essenfassen.

Gaben in einer Pressekonferenz in Kiel Auskunft zur Geiselnahme und zum Polizeieinsatz: Norbert Trabs, Leiter der Polizeidirektion Lübeck (l.), und Michael Wilksen, Landespolizeidirektor. Quelle: Carsten Rehder/dpa

Geiselnehmer bestellte zwei Döner

Der Hunger quälte den 36-jährigen Rumänen offenbar so sehr, dass er zwei Döner und Mineralwasser bestellte. Er bastelte aus Kabeln ein Seil, wollte damit den Essenskorb in das Büro im zweiten Stock der JVA heraufziehen, in dem er sich mit einer 32-jährigen Anstalts-Psychologin verbarrikadiert hatte. Diesen Moment habe man für den Zugriff genutzt, sagt Lübecks Polizeichef Norbert Trabs. Der Täter sei abgelenkt gewesen, habe beide Hände am Seil gehabt.

Klicken Sie hier, um weitere Eindrücke von dem Einsatz zu sehen, bei dem Spezialkräfte der Polizei am Montagabend einen Geiselnehmer in der JVA Lübeck überwältigt haben.

Das Messer – ein Küchenmesser aus einer Anstaltsküche mit zwölf Zentimeter langer Klinge –, mit dem er die Frau bedroht hatte, konnte er in diesem Moment nicht benutzen. Sofort warfen die Spezialisten der Polizei drei „Irritationskörper“ durch das Fenster in den Raum hinein, laut knallende Blendgranaten also. Hinter dem Täter brachen andere Polizisten die von Daniel P. mit Möbelstücken verrammelte Bürotür auf. Der Rumäne wurde überwältigt, er habe dabei „leichte Schrammen davongetragen“, sagt Landespolizeidirektor Michael Wilksen. Die Geisel blieb bei diesem Angriff unverletzt, konnte noch am Abend zu ihrer Familie zurückkehren. „Wir haben alle aufgeatmet, als diese Meldung kam“, sagt Wilksen.

Forderung: Ausreise nach Rumänien

Von der Polizei-Einsatzzentrale in Kiel aus waren zuvor die Verhandlungen mit dem 36-Jährigen geführt worden. Der Rumäne verlangte demnach ein Entlassungsschreiben mit den Unterschriften des Lübecker Bürgermeisters und der Anstaltsleitung. Damit, so glaubte er offenbar, könne er sich dann unbehelligt nach Rumänien absetzen. Ein gefaktes Papier war ihm daher ebenfalls neben die Döner in den Essenskorb gelegt worden, den er schließlich ins Büro nach oben ziehen wollte, berichten die beiden Polizisten.

Spezialkräfte aus Hamburg

Man habe von Anfang an auf eine Verhandlungslösung gesetzt, aber auch solche Zugriffsszenarien vorbereitet, sagt Wilksen. Man habe auf jeden Fall verhindern wollen, dass der Geiselnehmer den Ort mit der Geisel verlässt. Und: Wäre es zu einem schweren sexuellen Übergriff auf die Geisel gekommen, hätte man sofort zugegriffen. Diese Gefahr habe die Polizei sehr ernst genommen. Daniel P. ist wegen eines schweren Sexualdelikts vorbestraft. Am Ende standen dafür 330 Polizisten rund um die JVA bereit. Auch Hamburg und Niedersachsen hatten Spezialkräfte zur Unterstützung nach Lübeck gesandt.

Nach wie vor unklar ist, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass sich der Straftäter mit der Psychologin alleine in ihrem Büro in der Abteilung für Sozialtherapie treffen konnte und warum keine Bewacher in der Nähe waren. Das werde alles erst ermittelt, sagen Trabs und Wilksen. Die JVA Lübeck war in den letzten Jahren mehrfach in die Schlagzeilen geraten.

Nicht die erste Geiselnahme

Am Heiligabend 2014 hatten vier Männer einen Justizvollzugsbeamten in ihre Gewalt gebracht, um ihre Flucht aus dem Gefängnis zu erzwingen. Der Versuch scheiterte. Im Juli 1997 hatte ein Mann in der JVA einer Sozialpädagogin nach einem Gespräch in ihrem Büro plötzlich ein selbst gebasteltes Messer an den Hals gehalten und sie rund fünf Stunden in seiner Gewalt behalten.

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Geiselnehmer wurde verlegt

Außerdem gelang immer wieder Straftätern bei Ausgängen die Flucht, weil sie nicht ausreichend bewacht worden waren. Die Polizei will sich noch nicht zum Ablauf der Geiselnahme äußern, verweist aufs für die Gefängnisse zuständige Justizministerium. Sollte man Erkenntnisse über strukturelle Mängel in der JVA Lübeck entdecken, werde man aber sofort das Gespräch mit Anstalt und Ministerium suchen, sagt Wilksen. Der Geiselnehmer wurde derweil in ein anderes Gefängnis außerhalb Schleswig-Holsteins verlegt.

Das Justizministerium will Konsequenzen prüfen

Im Justizministerium wartet man allerdings noch auf den Bericht der JVA-Leitung über die Geschehnisse, sagt Ministeriumssprecher Oliver Breuer. Nur so viel sei bislang bekannt: Der Täter war in einer Wohngruppe der sozialtherapeutischen Abteilung untergebracht. Die Psychologin sei für den Täter „nicht originär zuständig“ gewesen, habe ihn aber aus Gruppengesprächen gekannt. Er habe sie während der Geiselnahme mit ihrem Lebensgefährten telefonieren lassen. Bis 2023 hatte das Landgericht Flensburg Daniel P. ins Gefängnis geschickt. Die Therapie sollte ihn auf ein späteres, straftatenfreies Leben außerhalb der JVA vorbereiten. Die Wohngruppen seien nach außen hin abgeschlossen. Im Inneren könnten sich die Häftlinge allerdings relativ frei bewegen – und es gebe dort zeitweise auch Zugang zu einer Küche.

Ob das Gewaltpotenzial des 36-Jährigen falsch eingeschätzt wurde, oder warum es sonst zu der Geiselnahme kommen konnte, sei „eine der großen Fragen, die wir uns hier jetzt stellen“, sagt Breuer. Wenn man die Antworten kenne, werde man über Konsequenzen beraten. CDU-Justizministerin Sabine Sütterlin-Waack muss derweil am Mittwochmittag in einer Sondersitzung des Innen- und Rechtsausschusses schon einmal Rede und Antwort zu dem Vorfall stehen.

Wolfram Hammer

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