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Lübeck Gotik mit Waschmaschinen
Lokales Lübeck Gotik mit Waschmaschinen
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18:17 03.02.2018
Der Denkmalpfleger Florian Scharfe (l.) und der Archäologe Manfred Schneider im Keller des Hauses Schüsselbuden 2. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
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Lübeck

Der Blick des Archäologen Manfred Schneider richtet sich auf den Boden. „Mit Sicherheit“, sagt er und zeigt auf den Belag aus Kalksandstein, „steckt unter diesen Gotlandplatten alles, was das Archäologenherz höher schlagen lässt.“ Mit einem Keller begann 1986 seine Laufbahn. Auf dem Grundstück Schüsselbuden 6 half er damals, einen romanischen Keller auszugraben. Heute sind dessen Überreste als besondere Attraktion in das 2014 gebaute Ulrich-Gabler-Haus integriert.

Der Keller, in dem Schneider jetzt steht, ist mehr als ein Überrest. Es ist ein etwa 30 mal 15 Meter großer, bis zu vier Meter hoher Raum unter einem dreischiffigen Gewölbe, das aussieht wie das Innere einer kleineren gotischen Kirche. Anders als im Inneren einer gotischen Kirche stehen unter diesem Gewölbe allerdings keine Altäre und Heiligenstatuen, sondern Waschmaschinen, Edelstahlspülen, leere Kartons, geschlossene Kartons, Kartons, aus denen Schläuche ragen, Holzpaletten, Rohre, eine Leiter. Das Licht kommt nicht durch bunte Fenster von außen, sondern aus Neonröhren, deren Fassungen unter den Kreuzrippen befestigt sind.

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Der größte gotische Keller Lübecks ist ein Lagerkeller des Küchen- und Waschmaschinenhändlers Schubert am Schüsselbuden. Und zu einem ähnlichen Zweck ist er vor 700 Jahren auch gebaut worden. „Herr Schubert macht nichts anderes als seine vielen Vorgänger“, sagt Schneider: „Er nutzt ihn als Kaufkeller.“ Schneider ist Leiter des Bereichs Archäologie und Denkmalpflege der Stadtverwaltung. In den letzten Jahren hat er viel mit Kellern zu tun gehabt. Bei Grabungen im Gründungsviertel von 2009 bis 2014 konnten die Forscher mehr als 40 Holzkeller aus den ersten Jahrzehnten nach der Stadtgründung 1143 nachweisen. Einer davon wird gerade von den Freiwilligen der Jugendbauhütte rekonstruiert.

Klicken Sie hier, um mehr Bilder von Lübecks größtem mittelalterlichen Keller zu sehen. 

Trotz seiner Einzigartigkeit ist über die Geschichte des um 1300 gebauten Prachtkellers am Schüsselbuden noch nicht viel bekannt. „Zu diesem Haus haben wir keine archäologischen Untersuchungen“, sagt Schneider. „Gibt es einen romanischen Vorgänger? Das wissen wir nicht. Auch die Nutzungsgeschichte kennen wir nicht.“ Bekannt ist, dass er längere Zeit als Weinkeller genutzt wurde. In den 20er Jahren habe es einmal eine Anfrage gegeben, ob der Keller als Gastwirtschaft genutzt werden dürfe, berichtet Florian Scharfe, Mitarbeiter der Denkmalpflege. Er ist froh, dass es dazu zumindest nicht über längere Zeit gekommen ist. „Das hier ist die beste Nutzung, die es gibt“, sagt er. „Im Gegensatz zu einer gastronomischen Nutzung mit einer Temperatur von 22 Grad.“ Scharfe zeigt auf Stellen an den Gewölberippen, wo der Backstein stark angefressen aussieht. Solche Schäden entstehen, wenn die Temperatur ein paar Jahre lang zu hoch ist und Salz aus dem Backstein austritt.

Die Keller sind ein wichtiges Zeugnis der Wirtschaftsgeschichte. Sie berichten davon, dass Lübecker Kaufleute schon früh große Mengen an Waren lagerten. Der gotische Keller am Schüsselbuden könnte so etwas wie eine unterirdische Markthalle gewesen sein, in der ein großer Händler seine Ware zum Weiterverkauf präsentierte – unter optimalen Lagerbedingungen bei konstanter Temperatur um acht Grad.

Als in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 die Bomben auf die Lübecker Altstadt fielen, suchten viele Bewohner Zuflucht in ihren Kellern – von denen manche viel älter waren als die Häuser, die darauf standen. Tatsächlich blieben die meisten Keller heil, selbst dort, wo viele Häuser niederbrannten. Erst nach dem Krieg wurden sie zerstört. Dem gotischen Keller am Schüsselbuden blieb dieses Schicksal erspart.

Von Hanno Kabel