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Lübeck Handys aus! Postkarten statt SMS
Lokales Lübeck Handys aus! Postkarten statt SMS
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08:36 08.05.2014
Jana Nitsch (29, l.) und Julia Jankowsky (44) wollen die Postkarte wiederbeleben. Einen Briefkasten für die handgeschriebenen Kurznachrichten haben die Tintenpoeten schon organisiert. Quelle: Lena Schüch
Lübeck

Ein gelber Kasten steht schon bereit; er wartet darauf, befüllt zu werden mit bunten Postkarten. Ein Segelschiff, das in den Bäumen hängt; ein Chamäleon, das einen Stift hält; ein Fisch mit Brief im Mund: Zehn Lübecker Künstler haben sich bereit erklärt, Bilder für die Postkarten zu malen, die für das große Projekt in den Umlauf gebracht werden sollen: Postkarten statt SMS — so lautet das Motto.

Im digitalen Zeitalter ist das fast schon eine Reise zurück in die Zeit, als das Internet noch nicht eines der wichtigsten Kommunikationsmittel war. „Es ist ein Projekt zur Wiederentdeckung der Langsamkeit und der Handschrift“, sagt Jana Nitsch. Es war ihre Idee, in Lübecks Kneipen ein Wochenende auszurufen, in der das Analoge wieder Vorrang hat. Und einen Namen für die Postkartenoffensive gibt es auch schon: „Tintenpoeten“.

Erst wenige Wochen ist es her, da besuchte Jana Nitsch die Kneipe Gang 56 in der Marlesgrube. „Dort kamen drei Mädchen herein, die feiern wollten“, sagt die 29-Jährige. „Tatsächlich saßen sie dann aber nur mit ihren Smartphones am Tisch und haben kein Wort miteinander geredet.“ Eine Szene, die die Goldschmiedin, die ein Atelier in der Kanalstraße betreibt, zum Nachdenken brachte. Zu gut kennt sie es schon aus dem Bekanntenkreis, dass ihr Gegenüber irgendwo zwischen Facebook und Whatsapp im mobilen Telefon abgetaucht ist, wenn sie eigentlich etwas Wichtiges mitteilen möchte. „Schon zum neuen Jahr hatte ich mir vorgenommen, mehr Briefe und Postkarten zu schreiben“, sagt Nitsch. „Und langsam wuchs die Idee in mir: Warum nicht mal einen Abend in der Kneipe nur Postkarten statt SMS schreiben?“

Dass sich der Gedanke bald zu etwas Größerem entwickeln würde, war da noch nicht abzusehen. Inzwischen ist klar: Nicht nur hat die Possehl-Stiftung den Großteil der Finanzierung für Druckkosten und Briefmarken gesichert. Auch andere Lübecker Geschäfte sagten ihre Unterstützung zu. Der Verlag Leuchtturm 1917 hat sich bereit erklärt, Adressbücher mit dem Tintenpoeten-Logo zu erstellen. Denn das Logo war eines der ersten Dinge, die Jana Nitsch zusammen mit der Grafikdesignerin Julia Jankowsky in Angriff nahm, um den Postkarten und Handzetteln einen besonderen Stempel aufzudrücken. Über Jankowsky kam auch der Kontakt zu den Postkarten-Künstlern zustande. „Wir haben denen bei den Motiven ganz freie Hand gelassen“, sagt die 44-Jährige. „Jetzt sind sehr unterschiedliche Postkarten herausgekommen, ein bunter Mix.“

Nach mehreren erfolgreichen Testläufen, bei denen Nitsch durch die Innenstadt tingelte, Postkarten verteilte und auf viele begeisterte analoge Schreiber traf , laufen nun die Vorbereitungen für das Pilotprojekt am 13. und 14. Juni: An dem Wochenende bekommen die Lübecker in bisher 14 Kneipen und Cafés, unter anderem der Colestreet, dem Pannekoke oder dem Tonfink, zu ihrem Getränk eine frankierte Postkarte dazu. Die können sie dann ganz gemütlich bei ihrem Bier, Wasser oder Wein schreiben — Handys dürfen ausbleiben. „Das werden Kurznachrichten, an denen sich der Empfänger haptisch und visuell erfreuen kann“, sagt Nitsch. Die geschriebenen Postkarten können dann direkt in die extra vor Ort aufgestellten Postkästen eingesteckt werden. Ehrenamtliche Boten holen die Kästen anschließend ab, um die Fracht gesammelt zur Post zu bringen. „Das ist dann eine Win-Win-Situation für alle“, sagt Nitsch. „Die Künstler und Kneipen können Werbung für sich machen, und die Freunde erhalten eine besondere Postkarte.“ Weder sie noch Jankowsky ziehen aus dem Projekt Profit. Nitsch: „Es geht einfach darum, schöne Dinge wiederzubeleben.“

Post zum Hansetag
Einen Vorgeschmack auf die Postkartenaktion gibt es zum Hansetag vom 23. bis 25. Mai. Dann wird ein Transportfahrrad in der Stadt unterwegs sein, an dem man Postkarten aussuchen, schreiben und versenden kann.



Wer den „Tintenpoeten“ helfen möchte, schreibt eine Karte mit seiner Telefonnummer an: Schmuckatelier Nitsch, Kanalstraße 26-28, 23552 Lübeck.

Lena Schüch