Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Busfahrer: „Ich wollte, dass alle in Sicherheit sind“
Lokales Lübeck Busfahrer: „Ich wollte, dass alle in Sicherheit sind“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:10 24.07.2018
Peter Spoth. Sein besonnenes Verhalten rettete vermutlich vielen Fahrgästen das Leben. Quelle: Agentur 54°
Anzeige
Lübeck

Äußerlich sind die Wunden von Peter Spoth (62) kaum noch sichtbar, bis auf ein paar dunkle Flecken auf der Lippe. Die war aufgeplatzt, nach dem Anschlag auf seinen Bus am Freitag. „Und die Nase ist auch nicht gebrochen“, stellt er fest. „Der Arzt meint, das heilt von alleine.“ Doch es sind tiefere Spuren geblieben von jenem Tag, an dem der Deutsch-Iraner Ali D. (34) versuchte, den Bus anzuzünden, dann ein Messer zückte und zehn Menschen verletzte. „Es qualmt immer wieder“, sagt Spoth. „Und ich sehe all die Menschen, die verletzt sind.“ Die Bilder lassen ihn nicht los. „Ich kann nicht sagen, dass ich die Nacht durchschlafe.“

Peter Spoth sitzt in einem Café in Lübeck-Kücknitz, seinem Heimat-Stadtteil, vor sich einen schwarzen Kaffee. Die Sonne scheint und der Busfahrer trägt ein frisches, weißes Hemd. Was für ein Kontrast zu den Bildern, die nach dem Anschlag entstanden. Sie zeigen ihn mit blutverschmiertem Gesicht und blutbespritztem Hemd. 

Anzeige

Was geschah, wird er nie vergessen. „Um 13.15 Uhr bin ich am Freitag am ZOB in Richtung Travemünde losgefahren“, erinnert sich Spoth. Bis zur Solmitzstraße in Kücknitz sei alles normal gewesen. „Der Bus war ziemlich voll. Alle Sitzplätze waren belegt. Einige Leute standen.“ An der Haltestelle vor dem Aldi an der Solmitzstraße habe er noch einen Rollstuhl eingeladen. „Viele Leute sind eingestiegen, auch in der Mitte des Gelenkbusses, das kriege ich dann immer gar nicht so mit.“

Eine entsetzliche Bluttat erschüttert Lübeck: Ein junger Mann entzündet im Bus nach Travemünde seinen Rucksack, schlägt und sticht dann wahllos auf die Fahrgäste ein. Auch der Fahrer wird verletzt. Das Motiv ist unklar.

Spoth fährt wieder los – doch er kommt nur wenige hundert Meter weit. „Plötzlich rannten zwei Damen schreiend nach vorne. Sie riefen: ,Ein Psycho!’ und ,Feuer!’“ Als er in den Innenspiegel blickt, sieht er Flammen in der Mitte des Ziehharmonika-Gelenkes. „Sie waren fast einen Meter hoch.“

Geistesgegenwärtig stoppt Spoth den Bus am rechten Fahrbahnrand. „Ich öffnete alle Türen und rief: ,Alle Fahrgäste verlassen sofort den Bus! Und entfernen sich vom Bus!’“
Spoth beobachtet, wie die meisten Insassen aus dem Fahrzeug flüchten, einige panisch, er hört Schreie. „Ich lief nach hinten, weil da doch noch der Rollstuhlfahrer saß.“ Fahrgäste helfen ihm, den Behinderten hinauszuhieven. Das Feuer wird unterdessen größer. Es lodert schon bis zur halben Bushöhe. „Der Kunststoff des Gelenkes begann zu schmelzen und tropfte auf die Straße.“ Spoth läuft nach vorne und holt den großen Pulver-Feuerlöscher. „Alles war schon ziemlich verqualmt.“ Er schafft es, zwei, drei Löschstöße auf die Brandstelle abzugeben. Da steht plötzlich der Täter vor ihm und schlägt ihm ins Gesicht. „Er hatte wohl einen Gegenstand in der Hand“, vermutet Spoth. Denn der Schlag ist so heftig, dass er rücklings auf das Gesäß fällt. „Ich spürte, wie mir das Blut über das Gesicht lief.“

Mehr zum Thema

Gewalttat in Lübeck: Mutmaßlicher Messerangreifer von Kücknitz schweigt

Videos: Diese Zeugen saßen im Bus und sprechen über das Erlebte

Facebook-Diskussion: Hier sprechen LN-Leser über den Kücknitz-Fall 

Schemenhaft kann er den Täter erkennen, der offenbar noch einmal auf ihn losgehen will. „Er rief: ,Feuer nicht aus’ oder so etwas.“ Es ist gebrochenes Deutsch, der Täter hat einen dunklen Teint und trägt eine dicke Jacke. Spoth richtet den Feuerlöscher auf den Mann, doch in diesem Moment ergreifen beherzte Fahrgäste den Täter und zerren ihn aus dem Bus in die Büsche. „Ich hab dann weiter gelöscht“, sagt Spoth. Es gelingt ihm, die Flammen zu ersticken. „Ich dachte: „So, du hast es geschafft. Und die Leute sind alle raus.“ Umso entsetzter ist er, als er beim Aussteigen die vielen blutenden Verletzten bemerkt. „Es war schrecklich, das zu sehen.“ Polizei und Rettungskräfte sind eingetroffen. Von dem Messer und der Gefahr, in der er selbst schwebte, hat er im Bus nichts mitbekommen.

Er bekommt ein grünes Schild umgehängt, auf dem steht, dass er leicht verletzt ist. „Da hab ich erstmal meine Frau angerufen und ihr gesagt, dass mit mir so weit alles klar ist. Nur das Hemd wäre versaut – und das Unterhemd.“
Noch einmal sei er in den Bus gegangen, um für eine Dame ihre Handtasche zu holen. „Sie hat gesagt, da ist alles drin, Ausweise, Geld und so.“ Er findet die Tasche, bedeckt von Löschpulver, der Henkel abgerissen. „An der Brandstelle sah ich eine grüne Flasche, da muss Spiritus drin gewesen sein. Das hat man auch gerochen.“

Es hätte viel schlimmer kommen können, überlegt er, auch für ihn. „Erst vor einem Jahr hatte ich eine schwere Bypass-Operation am Herz. Das war die größte Sorge meiner Frau.“ Er schweigt einen Moment. „Wissen Sie“, sagt er, „ich bin kein Held. Meine Frau ist für mich ein Held. Ich wollte einfach das Feuer löschen. Und dass die Leute alle in Sicherheit sind. Das war von Anfang an mein Gedanke. Darauf war ich ganz konzentriert. Das ist alles.“

Von Marcus Stöcklin

Anzeige