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22:28 28.02.2018
Peter Harry Carstensen (von links), Christiane Heuermann und Robert Habeck beim Hansetalk.
Peter Harry Carstensen (von links), Christiane Heuermann und Robert Habeck beim Hansetalk. Quelle: Lutz Roeßler
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„Es wurde Zeit, dass wir uns wieder um unsere Heimat kümmern“, sagte der frühere Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (70, CDU) gestern auf dem Podium im Hansemuseum. Viele Schüler wüssten heute nur noch wenig über die Region, in der sie groß werden. Gemeinsam mit Robert Habeck (48), Noch-Umweltminister in Schleswig-Holstein und neuer Bundesvorsitzenden der Grünen, und der Lehrerin Christiane Heuermann (51), die Küstenprodukte vertreibt, diskutierte er gestern auf Einladung der LN und des Europäischen Hansemuseums vor rund 200 Gästen.

Man habe sich den Heimat-Begriff aus der Hand nehmen lassen, so Carstensen. Auch Habeck bezeichnete die Debatte als „völlig richtig“. Wer sich geborgen fühle, der müsse nicht über Heimat reden. Für die aber, die auf der Suche seien, sei es ein großes Thema. „Wir leben in einer Zeit des massiven Umbruchs.“ Das betreffe beispielsweise die Trump-Ära in den Vereinigten Staaten und den Austritt Großbritanniens aus der EU. Aber auch den Bau der 380-kV- Trasse nahe Bad Schwartau, merkte er an, nachdem ihn einige Kritiker vor der Veranstaltung mit Flyern begrüßt hatten.

Najibullah Ahadzai ist im Jahr 2015 wie viele andere aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. „Heimat ist ein Gefühl. Mein Herz ist hier ganz sicher“, sagte er. Doch er hat einen Negativbescheid bekommen und Angst vor der Abschiebung. „Ist es richtig, das Recht auf eine neue Heimat zu begrenzen?“, fragte der stellvertretende LN-Chefredakteur Lars Fetköter, der den Abend zusammen mit LN-Kulturchefin Petra Haase moderierte, mit Blick auf die Obergrenze, die im schwarz-roten Koalitionsvertrag ausgehandelt wurde. „Als Politiker muss man sagen: Es muss Regeln geben“, antwortete Habeck. „Aber als empathisches Wesen bleibt einem der Satz im Hals stecken.“

Es reiche allerdings nicht, eine Obergrenze festzulegen. „Wir müssen die tiefergehenden Probleme angehen“, erklärte der Grünen-Politiker. Dabei gehe es beispielsweise darum, Regionen zu stabilisieren. „Das Gefühl von Mangel ist in manchen Städten im östlichen Deutschland, aber auch in ländlichen Regionen sehr groß“, bekräftigte Heuermann, die sich bereits in ihrer Examensarbeit mit dem Titel „Von der Last, ein Deutscher zu sein“ vor 30 Jahren mit dem Heimat-Begriff beschäftigte. Dafür müsse auch Geld in die Hand genommen werden, forderte sie. Ihrer Ansicht nach war die Unordnung während des großen Flüchtlingsstromes für viele Menschen das Schlimmste. „Da muss nachgeordnet werden, da ist die Politik gefragt.“

Hier können Sie unsere Live-Übertragung vom HanseTalk in voller Länge ansehen:

Ob ein von Horst Seehofer (CSU) geführtes Heimatministerium da hilfreich sein kann, blieb allerdings unbeantwortet. Habeck fürchtet, dass es sich bei dem von der Großen Koalition in Berlin entwickelten Konzept eher um ein Ministerium für Innere Sicherheit handeln könnte. „Das wäre eine Verballhornung der Debatte“, warnte er. Auch Carstensen war skeptisch. Er könne sich unter so einem Ministerium nichts vorstellen, bekannte der CDU-Mann.

Heuermann appellierte schließlich an die Zuhörer im Saal „La Rochelle“ des Hansemuseums, sie sollten in den Familien miteinander sprechen. „Das Schweigen muss aufgebrochen werden.“ Kinder und Enkel sollten Fragen stellen, Eltern und Großeltern sollten sich trauen zu antworten. Hilfreich sei es auch immer, aus dem eigenen Land herauszutreten. Dann sei man selbst der Fremde. „Das sollte jeder mal erleben.“

Von Julia Paulat