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Lübeck Hochhäuser gegen Wohnungsnot?
Lokales Lübeck Hochhäuser gegen Wohnungsnot?
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21:44 23.01.2018
Mit 14 Stockwerken und 40 Metern Höhe ist das Karavellenhochhaus der „Trave“ eins der größten Gebäude in Lübeck. Ein Hochhaus beginnt ab 22 Metern.  Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
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Lübeck

Vergangene Woche beim Forum des Verbandes norddeutscher Wohnungsunternehmen in Travemünde: Verbandsdirektor Andreas Breitner schlägt den Bau von Hochhäusern mit bezahlbaren Wohnungen vor, um die Wohnungsnot in besonders nachgefragten Städten zu mindern. „Ich plädiere für die Renaissance des Hochhauses“, sagte Breitner. Lübecker Wohnungsexperten, die dabei waren, traf der Vorstoß völlig unvermittelt. „Das ist ein Thema, das polarisiert“, sagt Matthias Rasch, Chef der städtischen Grundstücksgesellschaft „Trave“. Stefan Probst, Vorstand des Lübecker Bauvereins: „Wir wurden vom Vorstoß überrascht.“ Breitner will keine 30-stöckigen Wolkenkratzer, hält aber in Städten wie Hamburg, Kiel, Rostock und Lübeck den Bau von zehn- bis zwölfstöckigen Gebäuden für sinnvoll. Auf dem knapper werdenden Baugrund könnten mehr bezahlbare Wohnungen geschaffen werden, fordert Breitner Länder und Kommunen auf, die Voraussetzungen für den Bau von Hochhäusern zu schaffen.

Bei Verwaltung, Politikern, Wohnungswirtschaft und Mieterverein erntet der Verbandsdirektor einhellige Ablehnung. Sozialsenator Sven Schindler (SPD): „Die Zeit der Hochhäuser ist vorbei.“ In der Hansestadt gebe es genug Flächen für Gebäude mit vier oder fünf Geschossen. Der Breitner-Vorschlag erscheine auf den ersten Blick plausibel, erklärt Bausenatorin Joanna Glogau (parteilos). Tatsächlich würden aber zehn- bis zwölfstöckige Hochhäuser große Abstandsflächen bis zu den nächsten Häusern benötigen. Glogau: „Unter dem Aspekt der Flächeneffektivität wäre eine vier- bis fünfgeschossige Bauweise die bessere Lösung.“

Glogau denkt auch an die Bewohner: „Ein Hochhaus ist gerade für Familien mit Kindern aufgrund des fehlenden ,Bodenkontakts‘ problematisch.“ Nach Einschätzung des Mietervereins „möchten nur wenige Menschen in einem Hochhaus wohnen“. Geschäftsführer Thomas Klempau: „Der Grad an Anonymität ist meist hoch, und die Bilder und Berichte über teils dramatische Folgen von Hochhausbränden tragen nicht dazu bei, diese Wohnform zu favorisieren.“

Aber die langen „Lulatsche“ haben auch Vorteile. Marcel Sonntag, Vorstand der Neuen Lübecker: „Bewohner schätzen die schöne Aussicht, und energetisch sind die Gebäude optimal.“ Nach Angaben der Stadtverwaltung gibt es in Lübeck an die 30 Hochhäuser. Mit 420 Wohnungen und 40 Metern Höhe ist das Karavellenhochhaus eines der größten. „Wir haben keine Probleme, hier und auch im Hochhaus am Kolberger Platz Wohnungen zu vermieten“, sagt „Trave“-Chef Rasch. Die „Trave“ hat aber auch schon Hochhäuser abgerissen – wie das im Pinassenweg. Das Gebäude in der Karavellenstraße stand zur Diskussion. Die Grundstücksgesellschaft entschied sich für eine Modernisierung. Auch der Bauverein hat in sein einziges Hochhaus in der Fregattenstraße viel Geld investiert – eine Pförtnerei geschaffen, die Balkone verglast. Vorstand Probst: „Das mussten wir machen, damit das Haus akzeptiert wird.“

Die großen Wohnungsbaugesellschaften lehnen Breitners Vorschlag unisono ab. Hochhäuser seien teurer im Bau, weil sie zusätzliche Fluchtwege, Aufzüge, einen besseren Brandschutz, eine bessere Statik, eine leistungsfähigere Haustechnik und mehr Parkplätze brauchen. Hochhäuser würden schnell zu sozialen Brennpunkten.

Der Mieterverein bezweifelt, dass sich Hochhäuser „mit einer guten sozialen Durchmischung“ zu bezahlbaren Mieten überhaupt bauen lassen. Geschäftsführer Klempau: „Entweder gibt es den Luxus-Wohnturm für Reiche oder den auf hauswirtschaftliche Effizienz getrimmten Plattenbau.“ Die Linke, die sich für mehr Sozialwohnungen stark macht, kann sich Hochhäuser außerhalb der Altstadt vorstellen. Aber Kreisvorsitzende Katjana Zunft warnt: „Keine Hühnerhaltung.“

Die Hansestadt habe genügend Flächen für die Wohnungsversorgung – auch ohne Zehn- bis Zwölfgeschosser, sagt Bürgermeister Bernd Saxe (SPD). „Das ist aber nicht unser Problem.“ Zu schaffen mache Lübeck das Planungs- und Umweltrecht. Langwierige Verfahren „hindern die Städte und Gemeinden daran, schnelle Lösungen zur Bekämpfung der Wohnungsknappheit herbeizuführen“.

Von Kai Dordowsky