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Lübeck S.O.S. – Immer mehr Wildvögel im Lübecker Tierheim
Lokales Lübeck S.O.S. – Immer mehr Wildvögel im Lübecker Tierheim
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10:36 16.08.2019
Tierpflegerin Aysin Matthiesen hat einen jungen Mauersegler auf ihrer Handfläche. Quelle: Wolfgang Maxwitat
Kücknitz

Gebäudenischen in altem, ehrwürdigem Gemäuer liebt er zur Brutzeit, der Mauersegler. Deshalb verwundert es gar nicht, was Tierpflegerin Aysin Matthiesen erzählt. „Dieser Jungvogel ist in diesem Jahr inzwischen Nummer acht; ihn hat man hilflos auf dem Boden im Hofcafé in der Wahmstraße gefunden und hat ihn dann zu uns gebracht“, sagt sie. Jetzt wird er im Tierheim aufgepäppelt, um dann nach ein paar Wochen wieder in die Freiheit entlassen zu werden. Denn nur zur Brut begibt sich der Mauersegler auf festen Boden. Die übrige Zeit seines Lebens verbringt er in der Luft, vermag sogar im Fliegen zu schlafen.

Lübecker Tierheim erreicht Kapazitätsgrenzen

Dass das achtköpfige Team der Tierpflegerinnen und -Pfleger im Resebergweg 20 auch immer mehr zum Experten-Team in ornithologischen, also vogelkundlichen Fragen wird, ist dem Trend geschuldet, dass immer mehr Wildvögel im Tierheim landen – vom winzig kleinen Wintergoldhähnchen über Eichelhäher, Steinkauz, Buntspecht und Mehlschwalbe bis zur nahezu allgegenwärtigen Amsel. „Mittlerweile versorgen wir im Jahr circa 400 Wildvögel. Zu dieser Versorgung gehört die Aufzucht von Jungvögeln, aber auch die Pflege von verletzten und geschwächten Vögeln“, weiß Leiterin Elena Ivan Cujic.

Seit Juni leitet sie das Tierheim Lübeck, Elena Ivan Cujic. Sie hofft, dass sich ehrenamtliche Helfer für die Jungvogel-Aufzucht finden. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Tierliebe hin oder her – dies ist absolut nicht unproblematisch. Susanne Tolkmitt vom Vorstand des Tierschutzvereins Lübeck spricht sogar schon von einer regelrechten Wildvogelschwemme, die auch bundesweit in Tierheimen festzustellen sei. „Einerseits erfordert diese Aufgabe spezifisches Fachwissen, Zeit und spezielles Futter“, erläutert Tolkmitt. „Andererseits kostet das Futter für einen Wildvogel, bis er wieder fit für den Flug in die Freiheit ist, circa 90 Euro.“

Wildvögel verursachen Kosten von über 35 000 Euro

Umgerechnet auf 400 gefiederte Gäste bedeutet dies jährliche Mehrkosten von über 35 000 Euro. „Für die Versorgung von Wildtieren und somit auch von Wildvögeln bekommt der Tierschutz Lübeck aber keinen einzigen Cent von der Hansestadt oder den Umlandgemeinden“, klagt Tolkmitt. „Und gerade die laufenden Kosten insbesondere für Futter und Personal machen uns die größten Sorgen.“ Man gehe sowieso schon fast regelmäßig mit einem passablen Unterschuss von rund 100 000 bis 120 000 Euro ins nächste Haushaltsjahr. Glücklicherweise sei dank der Landesfördermittel, die es seit Sommer 2018 für Sanierungsmaßnahmen gebe, der bauliche Investitionsstau nicht mehr so hoch.

Auch ein hilfloses Amseljunges wurde ins Tierheim gebracht. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Leonie Weltgen, Fachreferentin für Arten- und Naturschutz beim Deutschen Tierschutzbund, bestätigt, dass inzwischen in vielen deutschen Tierheimen die Kapazitätsgrenze für die Aufnahme von Wildvögeln erreicht sei. „Diese Mitteilungen häufen sich in letzter Zeit bei uns“, sagt sie. Und sie hat auch einen Erklärungsansatz für diese problematische Entwicklung parat. „Die Hauptursache ist wohl, dass sogenannte Ästlinge leicht einzufangen sind, und Tierfreunde glauben, dass ein schreiender Jungvogel Hilfe benötigt und keine Eltern mehr hat“, sagt Weltgen. „Das Schreien ist aber nur ein Signal für die Eltern, dem Jungvogel mehr Nahrung zu bringen. Es handelt sich also nicht um verlassene Jungvögel wie Nestlinge, sondern um Ästlinge, die keine Hilfe benötigen und weiterhin von ihren Eltern versorgt werden.“

Artensterben sensibilisiert die Tierfreunde

Einen weiteren Grund sieht sie in der medialen Aufmerksamkeit für das Thema Artensterben und Klimawandel. „Die Menschen sind für Themen wie Artenschutz, Insekten- und Vogelsterben momentan sehr sensibilisiert“, sagt Weltgen. „Vermutlich werden deshalb in diesem Jahr viele – zum Teil vermeintlich – hilflose Jungvögel abgegeben.“ Die Menschen wollten der Natur‘ helfen. „Leider werden dabei aber viele Jungvögel von ihren Eltern getrennt, und die Tierheime kommen an ihre Kapazitätsgrenze“, resümiert Weltgen. Deshalb sei viel Aufklärungsarbeit notwendig, damit das Engagement für Tiere richtig eingesetzt werde.

Susanne Tolkmitt vom Vorstand des Tierschutzvereins Lübeck weist darauf hin, dass es kein Geld von der Hansestadt oder aus den Umlandgemeinden gibt. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Susanne Tolkmitt, die auch für die Kinder- und Jugendarbeit zuständig ist, sagt daher: „Wir haben ehrenamtliche Gassigeher für unsere Hunde wie auch Katzenkuschler; wir benötigen aber auch dringend ehrenamtliche Unterstützung bei der Aufzucht von Jungvögeln. Dabei ist es durchaus möglich, das Tier nach vorheriger Einweisung in der Box oder im Karton mit nach Hause zu nehmen und dort über ein paar Tage oder Wochen aufzuziehen“, erklärt sie. Sie wünscht sich eine Datenbank mit den Namen engagierter Freiwilliger, die dann im Fall der Fälle hinzugezogen werden können. Und mehr Geld würde auch sehr helfen, merkt sie an.

Von Nestflüchtern und Ästlingen

Der Deutsche Tierschutzbund weist darauf hin, dass Tierfreunde Jungvögel nur in Notfällen aufnehmen sollten, etwa wenn die Tiere verletzt sind oder es sich um unbefiederte Jungvögel handelt, die nicht zurück ins Nest gesetzt werden können. Bereits befiederter Vogelnachwuchs steht hingegen in der Regel auch außerhalb des Nests weiter mit den Elterntieren in Verbindung, weshalb eine „Rettung“ zwar gut gemeint, aber oft nicht notwendig ist.

Für die vorübergehende Unterbringung des Vogels eignet sich dann am besten ein Pappkarton, der mit einem Handtuch ausgelegt und idealerweise im Haus untergestellt wird, da die Tiere häufig unterkühlt sind. Bei Unsicherheit über die richtige Ernährung sollten besser keine Fütterungsversuche unternommen werden. Wasser sollte der Finder dem Jungvogel allerdings immer anbieten und gegebenenfalls an den Schnabelrand, aber wegen Erstickungsgefahr keinesfalls direkt in den Rachen träufeln.

Bei Nestflüchtern wie jungen Enten, Gänsen, Schwänen oder Rallen ist ein Eingreifen grundsätzlich nicht notwendig, solange die Tiere nicht verletzt sind. Sie kommen bereits mit einem dichten Daunengefieder zur Welt, verlassen das Nest nach ein bis zwei Tagen und gehen selbstständig auf Futtersuche. Andere Jungvögel, wie Tauben, Eulen, Greifvögel, Rabenvögel und die Jungen der meisten anderen Singvögel – etwa Amseln, Meisen, Drosseln oder Finken – verlassen ihr Nest schon, bevor sie voll flugfähig sind. Die sogenannten Ästlinge warten dann im Geäst oder an anderen geschützten Orten auf die Elterntiere, die sie weiterhin füttern.

Das Tierheim braucht dringend ehrenamtliche Unterstützung bei der Aufzucht von Jungvögeln. Wer helfen möchte, kann sich melden unter Telefon 04 51/30 69 11 oder per E-Mail an info@tierheim-Lübeck.de. Weitere Informationen unter www.tierheim-luebeck.de.

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