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Lübeck Interview mit Lübecks "Punk"-Rektor: „Es ist ein Wechselbad der Gefühle“
Lokales Lübeck Interview mit Lübecks "Punk"-Rektor: „Es ist ein Wechselbad der Gefühle“
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19:10 25.06.2018
Schulleiter Matthias Isecke-Vogelsang.
Schulleiter Matthias Isecke-Vogelsang. Quelle: Cosima Künzel
St. Lorenz Nord

Als Isecke-Vogelsang vor acht Jahren den Schulleiterposten an der Gotthard-Kühl-Schule übernahm, blickte das ganze Land nach Lübeck. „Deutschlands schrillster Schulleiter“ oder „Punk-Lehrer mit Irokesen-Frisur“ hieß es in zahlreichen Zeitungen und in Talkshows. Frisur und Lebenseinstellung sind geblieben, aber seine Schulzeit geht zu Ende. Am Donnerstag, 28. Juni, feiert der Rektor seinen Abschied.

Ende Juli gehen Sie nach 38 Jahren im Schuldienst in den Ruhestand. Wie geht es Ihnen?

Matthias Isecke-Vogelsang (überlegt): Tja, es ist ein Wechselbad der Gefühle. Aber der Abschied kommt ja nicht plötzlich. Das Kollegium hat mir vor einem Vierteljahr ein Riesengeschenk gemacht. Sie haben einen detaillierten Plan ausgearbeitet, damit ich mich von jeder einzelnen Klasse verabschieden kann. Die Termine sind eine Überraschung und das Programm auch.

Was passiert in den Stunden?

Es ist total vielfältig. Heute Morgen war ich in einer siebten Klasse zum Torwandschießen. Eine zweite hat ein Theaterstück vorbereitet, und in einer zehnten gab es einen Wissenstest (lacht herzlich). Also, wenn ich am 31. Juli hier die Tür abschließe, (schaut aus dem Fenster – schluckt) werde ich bewegt sein.

Und das andere Gefühl im Wechselbad?

Auf der anderen Seite freue ich mich gemeinsam mit meiner Frau auf einen neuen Lebensabschnitt, auf völlig neue Erfahrungen: mehr Zeit mit unserer Enkelin und eine ganze Reihe Reiseziele. Als erstes machen wir eine Ballonfahrt, danach verreisen wir zum ersten Mal außerhalb der Schulferien: nach Fuerteventura. Und im Herbst dann eine Studienreise mit dem Pädagogisch-Theologischen Institut der Nordkirche nach Vietnam und Kambodscha.

Kein schwarzes Loch?

Ganz sicher nicht. Denn es gibt etwas, das ich auch hier an der Schule immer predige: Das Ehrenamt ist für mich das Herz der Gesellschaft. Ich bin unter anderem Ortsvereinsvorsitzender beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Süsel, kandidiere für die Landessynode der Evangelisch-lutherischen Kirche in Norddeutschland und engagiere mich außerdem in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Hatten Sie als Schulleiter nicht genug um die Ohren?

Doch. Ich habe eine 50- bis 60-Stunden-Woche. Aber meine Ehrenämter fühlen sich als Teile eines Hobbys an. Aber natürlich braucht ein solches Programm ein gutes Zeitmanagement und viel Selbstdisziplin.

Das klingt jetzt aber nicht nach Nonkonformismus und der rebellischen Haltung eines Punks?

Freiheit ist mir sehr wichtig, und gerade die Schule öffnet unheimlich viele Freiräume. Ich kann sehr kreativ sein, eigene Unterrichtsmethoden und pädagogische Konzepte entwickeln.

Sie haben fünf Fächer studiert, sind ehrgeizig. Ist das wichtig für Ihren Beruf?

Zwei Dinge machen einen guten Lehrer aus: Erstens das (legt eine Hand aufs Herz) und zweitens das (tippt mit dem Zeigefinger an den Kopf). Und jetzt kommt wieder das Anarchische zum Tragen. Es war mir immer wichtig, nach Lösungen für die Schüler zu suchen. Welche Spielräume gibt es außerhalb der Gesetze und Erlasse? Bis jemand bei mir über die Klinge springt, muss einiges passieren.

Können die Schüler machen, was sie wollen?

An Schulregeln muss man sich halten. Keine Frage. Manche behaupten sogar, ich bin streng. Das verbinde ich aber mit Unkontrolliertheit und Schaum vorm Mund. Das passt nicht in mein Selbstbild.

Aber ich bin konsequent, das unterschreibe ich sofort.

Passt das auch zu Ihrem Werdegang?

Als Student zählte ich Mitte der 70er Jahre zu den ersten Punks in Deutschland. Ursprung war ein riesiger Generationskonflikt mit meinen Eltern. Ich habe meine Entscheidung nur einmal in Frage gestellt: normale Frisur, Blazer und so. Aber das passte nicht. Im Rückblick bin ich unwahrscheinlich dankbar, dass ich immer Vorgesetzte hatte, die mich haben gewähren lassen und mein jeweiliges Outfit mitgemacht haben. Ich habe viel Glück gehabt.

Zur Person

Matthias Isecke-Vogelsang wurde 1952 in Chemnitz (Sachsen) geboren. Nach der Flucht seiner Familie in den Westen absolvierte er seine Schulzeit in Essen, wo er auch Abitur machte.

Nach Lehramtsstudium in Kiel kam er für sein Referendariat nach Lübeck und arbeitete seit 1980 an verschiedenen Schulen in Schleswig-Holstein als Lehrer und Schulleiter. Matthias Isecke-Vogelsang lebt in Süsel (Ostholstein), ist seit 39 Jahren verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und ein Enkelkind.

Von Cosima Künzel

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