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Lübeck „Kriegsähnliche Zustände“: Hinrichs wirft bei der CDU hin
Lokales Lübeck „Kriegsähnliche Zustände“: Hinrichs wirft bei der CDU hin
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00:00 11.01.2013
Es ist bekannt, dass die Lübecker CDU ein total zerstrittener Haufen ist.“Rüdiger Hinrichs (53)
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Lübeck

Die Lübecker CDU hat ein bekanntes Gesicht weniger. Rüdiger Hinrichs (53) hat gestern sein Parteibuch zurückgegeben — nach 18 Jahren. „Das musste sein“, begründet der Versicherungskaufmann seinen Austritt. In der CDU herrschten „kriegsähnliche Zustände“. Jeder bekämpfe jeden. „Es geht nur um Macht und Pöstchen — nicht um Inhalte“, sagt Hinrichs. Seine miese Listenplatzierung habe „das Fass zum Überlaufen gebracht“. Statt Platz acht wie bei der Kommunalwahl 2008 landete er nur auf Platz 16. „Und ich war kein Mauerblümchen in meiner Zeit in der Bürgerschaft“, sagt Hinrichs. Er saß 15 Jahre für die CDU in der Stadtvertretung, seine Themen: Sicherheit, Ordnung und Entsorgung. „So kann man nicht mit mir umgehen.“ Hinrichs Urteil ist vernichtend: „So kann das bei der Kommunalwahl mit der CDU nichts werden.“ Im Landesverband sei bekannt, dass die Lübecker „ein total zerstrittener Haufen“ seien.

Kaum ist Hinrichs aus der CDU ausgetreten, reißen sich auch schon die Wählervereinigungen um ihn. Die Bürger für Lübeck (BfL) und die Freien Wähler (FW) haben bereits bei ihm angefragt. „Er hat von uns ein Angebot erhalten“, gibt BfL-Fraktionsvize Astrid Stadthaus-Panissié zu, die 2007 die CDU verließ. Sie schätze an Hinrichs seine kommunalpolitische Erfahrung und seine bedächtige Art. „Er würde gut in die BfL passen“, so Stadthaus-Panissié. Nach ihren Angaben gibt es mehrere ehemalige CDU-Leute in der BfL, die Ende Februar ihre Liste für die 25. Wahlkreise aufstellt. Aber auch die FW wollen Hinrichs für sich gewinnen. „Wir sind in Gesprächen“, sagt Chef Gregor Voht. Hinrichs habe einen „sachlichen Charakter“ und stehe für solide Politik. Inhaltlich seien sich die FW und Hinrichs nahe — vor allem bei dem Thema Blitzer. Voht: „Hinrichs würde gut in unser Team passen.“ Hinrichs bestätigt, noch am Abend seines Rücktritts mehrere Anrufe von Vertretern unterschiedlicher Fraktionen erhalten zu haben. „Ich will nicht verhehlen, dass ich mit einer liebäugle“, gibt Hinrichs zu. Welche das ist, dazu will er sich aber erst in den nächsten Tagen äußern.

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Verärgert reagiert CDU-Kreischefin Anette Röttger auf die Wechselabsichten. „Das finde ich nicht gut — und kann es nicht nachvollziehen“, sagt Röttger. „Hinrichs gehört in die CDU — er wird uns fehlen.“ Und Hinrichs? Er gibt zu, dass er sich der CDU stark verbunden gefühlt hat. „Ich bin tief in der Partei verwurzelt“, sagt Hinrichs. Mit 15 Jahren trat er in die Junge Union ein. Doch die Lübecker CDU war schon länger nicht mehr seine Heimat. Er habe tiefe Verletzungen von Parteifreunden erlitten. „Diese vergiftete Atmosphäre tut mir nicht gut“, sagt Hinrichs. „Man muss fair miteinander umgehen, auch wenn man nicht mit jedem Parteifreund ein Bierchen trinken muss.“ Namen will Hinrichs nicht nennen. Bekannt ist aber, dass ihn die Familie Eymer vor einem guten halben Jahr hat fallen lassen: Hinrichs wollte im vergangenen Sommer als Kreischef kandidieren, doch Burkhart Eymer wurde im Ortsverband St. Gertrud durchgesetzt. Schon Stadthaus-Panissié hatte wegen der Eymers die Partei verlassen wie auch Helga Lietzke.

Hinrichs ist enttäuscht, dass ihn bei der Listenaufstellung diejenigen nicht unterstützt haben, die ihn im Sommer noch zum Kreischef machen wollten. Deshalb habe er nach Monaten des Überlegens einen Schlussstrich gezogen. Er hält Röttger zugute, dass sie versuche, die Lagerbildung innerhalb der Partei zu überbrücken. Er kritisiert aber, dass sie sich in der Kommission der Listenaufstellung hätte durchsetzen müssen. Röttger sieht es anders: „Es geht bei der Aufstellung der Liste darum, für Kontinuität zu sorgen — aber auch für Erneuerung.“ Die CDU vollziehe einen Generationswechsel und befinde sich in einer „bewegten Zeit“.

Josephine von Zastrow