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Lübeck Kriegsenkel: Das Erinnern an eine gestohlene Identität
Lokales Lübeck Kriegsenkel: Das Erinnern an eine gestohlene Identität
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12:58 16.11.2019
Angelika Peiser mit einem Fotoalbum mit Bildern ihres Urgroßvaters Eduard Ulbrich, der 1943 starb. Quelle: Majka Gerke
Lübeck

Die eigene Identität in Zweifel stellen, sich nirgendwo zuhause fühlen: Für Angelika Peiser seit ihrer frühesten Kindheit bekannte Gefühle. Lange hat die Wahl-Hamburgerin nicht gewusst, warum dies so ist. Doch jetzt will sie nicht länger schweigen, damit sich Schicksale wie das ihres Urgroßvaters nicht wiederholen. Der starb 1943 unter ungeklärten Umständen – als vielleicht einer der letzten jüdischen Bewohner der Hansestadt.

Schwere Kindheit prägt Lebensgeschichte

Die schmale Frau im lila Pullover sitzt im Besprechungsraum in der Begegnungsstätte der PST Psychosozialen Betreuung Hamburg und erzählt stockend ihre Lebensgeschichte. Über ihre Familie und wie sie aufwuchs, in den 1950ern im Lübecker Stadtteil Eichholz. Von der gefühlskalten, harten Mutter. Und vom Vater, der 1943 als 17-Jähriger in den Krieg zog. Und der Peiser als Kind missbrauchte. „Mit 13 erzählte ich meiner Mutter davon, doch sie glaubte mir nicht“, sagt sie.

Erst nach dem Tod ihrer Eltern vor vier Jahren wurde ihr vieles klar. Beim Sichten der Hinterlassenschaften stieß Angelika Peiser auf alte Familienfotos. Zeitgleich las sie Berichte über Menschen, die am Transgenerationalen Kriegstrauma leiden. Diese Kriegsenkel tragen Erlebnisse ihrer Eltern oder Großeltern in sich, die diese während der NS-Zeit erlitten. „Auf einmal ergab alles einen Sinn“, sagt sie.

Hilfe durch Betreuerin

Angelika Peiser holte sich Hilfe beim PST. Mit der Unterstützung ihrer Betreuerin versuchte sie, lose Fäden in ihrer Familiengeschichte aufzuwickeln. Sie forschte nach der Herkunft und dem Verbleib ihrer Urgroßeltern, die 1915 mit sechs Kindern aus dem polnischen Lodz nach Lübeck kamen und sich in Kücknitz niederließen. Eine Anfrage beim Lübecker Stadtarchiv brachte Antworten und holte Erinnerungen von Gesprächen mit ihrer Großmutter wieder hoch.

Peisers Urgroßvater, Eduard Ulbrich, fand Arbeit im Hochofenwerk. „Es waren einfache, strebsame Leute.“ Dass Ulbrich jüdischer Abstammung war, wurde den Kindern wohl lange verschwiegen, meint Angelika Peiser. „In dem Brief wurde als Todesursache bei meinem Urgroßvater Altersschwäche, Bronchialpneumonie, Herz- und Kreislaufschwäche angegeben“, sagt sie. Sie selbst glaubt aber etwas anderes. „Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, erzählte meine Großmutter mir, mein Uropa wäre denunziert und ermordet worden. Ich habe das als Kind aber überhaupt nicht verstanden.“ Danach verbot Peisers Mutter der Großmutter, mit dem Kind weiter über die Sache zu sprechen. „Ich habe es aber irgendwo in meinem Kopf abgespeichert.“ Auch ein Gespräch mit ihren Eltern fiel ihr ein. „Ich habe meine Eltern mal gefragt, was mit meinem Uropa passiert ist. Mein Vater sagte dann nur: ,Das, was sie mit allen Juden gemacht haben'.“ Auch ihr Interesse an der jüdischen Religion und an Israel ergab für sie plötzlich einen Sinn.

Deportation der Lübecker Juden am 6. Dezember 1941

Am 6. Dezember 1941wurden rund 90 Lübecker Juden von den Nationalsozialisten per Viehwagen in das Konzentrationslager Jungfernhof bei Riga verschleppt und dort ermordet. Mit ihnen wurden etwa 850 weitere Juden aus Schleswig-Holstein und Hamburg deportiert –Männer, Frauen, Kinder und Alte. Nur wenige überlebten das Grauen der NS-Zeit. Die letzten Lübecker Juden wurden 1942 und 1943 in das KZ Theresienstadt gebracht. Von ihnen überlebte nur eine Frau. Ein Mahnmal auf dem Vorplatz des Lübecker Bahnhofs erinnert an die Deportation.

Auf der Suche nach der Vergangenheit

Eduard Ulbrich, 1869 im polnischen Zdunska geboren, starb 1943 in der Hansestadt. Quelle: Majka Gerke

Wie Eduard Ulbrich wirklich gestorben ist, wird Angelika Peiser wohl nie erfahren. Der Gedanke, dass Freunde oder Nachbarn ihn aufgrund seiner jüdischen Herkunft verraten haben könnten, verursacht ihr großen Kummer. „Familien wie meine gibt und gab es viele. Ich wünsche mir, dass so etwas nie wieder passiert“, sagt Peiser. Mit ihrer eigenen Geschichte müsse sie nun leben, sagt sie. „Da ist so ein tiefer Schmerz in mir über ein Leben und eine Kultur, die mir gestohlen wurde. Ich lebe in einer inneren Diaspora.“ Am 6. Dezember, dem Jahrestag der Deportation der Lübecker Juden ins KZ nahe Riga, will Peiser ihrer Heimatstadt einen Besuch abstatten. „Ich möchte dann am Mahnmal für die Deportierten am Bahnhof eine Kerze anzünden. Für meinen Urgroßvater.“

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Von Majka Gerke

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