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Lübeck Attentat in Kücknitz: „Worte können das nicht wieder gut machen“
Lokales Lübeck Attentat in Kücknitz: „Worte können das nicht wieder gut machen“
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08:28 23.02.2019
Der Angeklagte wird in den Gerichtssaal geführt. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Prozesseröffnung gegen den Bus-Attentäter von Kücknitz am Mittwoch im Lübecker Landgericht: Es ist ein junger Mann in weißem T-Shirt und blauer Jacke, der mit Handschellen an Händen und Füßen in den Verhandlungssaal geführt wird. Er hat ein rundliches Gesicht, kurz geschorene Haare und ist unrasiert. Verwundert blickt er durch seine Brille. Schwer vorstellbar, dass dieser Mensch laut Anklage am 20. Juli vorigen Jahres in einem Bus der Linie 30 in Lübeck-Kücknitz wahllos um sich gestochen und zwölf Menschen verletzt haben soll – einige von ihnen lebensgefährlich.

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich das gemacht hab’“, erklärte der im Iran geborene Beschuldigte, der seit Jahren in Lübeck lebt und neben der iranischen die deutsche Staatsangehörigkeit hat. „Aber wie sich das anhört, hab’ ich’s gemacht.“ Die Tat tue ihm leid. „Auf jeden Fall.“

Eine entsetzliche Bluttat erschüttert Lübeck: Ein junger Mann entzündet im Bus nach Travemünde seinen Rucksack, schlägt und sticht dann wahllos auf die Fahrgäste ein. Auch der Fahrer wird verletzt. Das Motiv ist unklar.

Angeklagter seit 1991 in Deutschland

Mit sieben Jahren sei er 1991 nach Deutschland gekommen, schilderte er seinen Lebenslauf. Er habe die Grundschule in Bornhöved besucht, dann das Gymnasium in Bad Segeberg, das er 2005 mit dem Abitur verließ. Nach neun Monaten Grundwehrdienst bei der Bundeswehr habe er eine kaufmännische Ausbildung begonnen, die er nach vier Monaten abbrach. „Das war nichts für mich. Ich habe mir das anders vorgestellt.“

In Lübeck begann er 2008, Elektrotechnik zu studieren. 2010 brach er auch das ab. „Es war sehr schwer. Sehr viel Stoff in kurzer Zeit.“ Acht Jahre lang sei er daraufhin arbeitslos gewesen, habe bei McDonald’s und Burger King gejobbt. Schließlich sei er zu der Überzeugung gelangt, dass eine Ausbildung zum Fitness-Trainer das Richtige sei. „Genau meine Stärke.“ Diese habe er am 7. Juli 2018 nach einem Kurs abgeschlossen.

Ein Kursteilnehmer schilderte ihn als „skurril“. So habe der spätere Attentäter im Unterricht eine Sonnenbrille getragen und andere Teilnehmer mit einem Laserpointer geblendet.

Deutsch-Iraner sah sich verfolgt

Genau dies warf der Deutsch-Iraner aber anderen vor. 2016 sei ihm klar geworden, dass eine Nachbarin im Haus seines Vaters in Lübeck-Kücknitz, wo er damals wohnte, ihn verfolge. Zuvor hatte er sich mit ihr gestritten, weil sie laute Musik gehört habe. „Die hat ihre Freunde auf mich gehetzt, dass sie mich mit Laserstrahlen verfolgen sollen. Das hat sie auf Facebook verbreitet, und sie hat da 3000 Freunde.“ Mit dem Laserpointer sei beispielsweise aus dem Fenster auf ihn gezielt worden. „Immer wenn ich rausgegangen bin, hat die Haut gebrannt.“ Daher habe er eine oder mehrere Sonnenbrillen übereinander getragen und immer eine Winterjacke mit Kapuze. „Die hab ich über meinen Kopf gemacht, damit ich von den Seiten abgeschirmt bin.“

Schließlich habe er voriges Jahr allen, die ihn verfolgten, „eine Lektion“ erteilen wollen. „Im April habe ich das zum ersten Mal überlegt.“ Zwar habe er Bedenken gehabt, die Falschen zu treffen. „Aber dann hab ich es doch gemacht.“ Bei Rossmann kaufte er zwei Spiritusflaschen, das Küchenmesser nahm er aus seiner Schublade. Im Bus oder im Zug werde er die größte Wirkung erzielen, habe er sich überlegt. Gegen 13.40 Uhr stieg er in der Lübecker Solmitzstraße in die Linie 30, mit der – so seine Hoffnung – viele zur Travemünder Woche fahren würden. „Eigentlich wollte ich den Bus davor nehmen, der war voller, aber den habe ich verpasst.“

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Videokamera zeigt die Attacken

Die Videokameras des Busses, deren Aufnahmen das Gericht zeigte, zeigen wie der Täter in dicker Jacke, mit Rucksack und einem karierten Basecap auf dem Kopf vorne in den Bus steigt. Er geht nach hinten. Aus der Mitte des Busses qualmt es plötzlich. Menschen flüchten nach vorne. Der Busfahrer stoppt, öffnet die Türen, lässt die Fahrgäste aussteigen. Er selbst läuft mit einem Feuerlöscher nach hinten. Eine Kamera zeigt, wie der Täter im hinteren Teil des Busses eine Spiritusflasche in seinem Rucksack öffnet und anzündet. Dann wirft er sie in den Mittelteil des Gelenkbusses, zückt ein Messer und beginnt, auf die Fahrgäste einzustechen.

„Es war wie im Film“, schildert Zeugin Manuela H. (47), die in Potsdam lebt. Es fällt ihr schwer zu sprechen, sie muss weinen. Der Täter stach ihr von hinten in den Nacken, dies habe sie erst nur als „dumpfen Schlag“ empfunden. Schließlich seien die Fahrgäste draußen und die Türen geschlossen gewesen. „Der Täter muss noch im Bus gewesen sein. Ein junger Niederländer stand vor der hinteren Tür und rief ,Open the door!’.“ Daraufhin sei der Täter hinausgestürmt und habe auf den Holländer eingestochen. „Er schrie. Ich sah eine blutende Wunde am Oberkörper.“ Sie sei dann mit ihrer Tochter weggelaufen.

Zeugen nehmen Entschuldigung nicht an

„Er schlug eine ältere Dame mit der Faust, in der er das Messer hielt, ins Gesicht“, erinnert sich Zeuge Andreas O. (47) aus Mönchengladbach. „Das Entsetzen der Dame habe ich noch vor Augen.“ Als der Täter auf ihn zustürzte, habe er versucht, ihn wegzutreten, und einen Stich ins Knie erhalten. Noch immer leide er an den Folgen. Seinen Beruf als Anlagenbauer könne er aufgrund der Schmerzen nicht mehr ausüben, Bus- und Bahnfahren sei für ihn psychisch schwer zu verkraften, er leide unter Panikattacken. Nun sei er in Geldnot, müsse aus seinem Haus ausziehen. Die Entschuldigung des Täters lehnte er ab, ebenso seine Lebensgefährtin, die ebenfalls aussagte und seit der Tat immer wieder Beklemmungen hat. „Was er hinterlassen hat, ist ein Riesenscherbenhaufen“, sagte sie dem Gericht. „Worte können das nicht wieder gutmachen.“

Ziel des Verfahrens ist die Einweisung des Beschuldigten in die forensische Psychiatrie. „Tätliche Angriffe mit tödlicher Folge“ seien nach wie vor „jederzeit zu erwarten“, erklärt Staatsanwältin Ann-Sophie Portius. Der Täter leide an paranoider Schizophrenie. Laut Oberstaatsanwältin Ulla Hingst wird die Unterbringung in der Forensik jährlich geprüft. Werde der Täter gesund, können er theoretisch nach einem Jahr entlassen werden. „Aber das ist sehr unwahrscheinlich.“

Marcus Stöcklin

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