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Lübeck Mord, Totschlag, Vergewaltigung: Was diese Stenografin 30 Jahre am Gericht mitschrieb
Lokales Lübeck Mord, Totschlag, Vergewaltigung: Was diese Stenografin 30 Jahre am Gericht mitschrieb
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07:02 25.10.2019
Die Justizangestellte Kristine Gäble im Zuschauerraum eines Verhandlungssaals im Landgericht. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Vor drei Jahren erzählte Kristine Gäble bei einer Supervision von einem Kinderschänder-Prozess, der am Landgericht Lübeckbevorstand. Es ging um einen Vater, der seine zweijährige Tochter vergewaltigt und schwer misshandelt hatte. Während sie davon erzählte, brach Kristine Gäble zusammen. Zum ersten Mal nach 27 Jahren, in denen sie bei Strafprozessen Protokoll geführt hatte.

Abgründe als Alltag

Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Misshandlung, Körperverletzung: Das ist der Alltag von Kristine Gäble (61). Sie arbeitet für die VII. Strafkammer des Landgerichts Lübeck. Zurzeit läuft dort die Verhandlung gegen die Mutter aus Lensahn, die angeklagt ist, ihre Kinder misshandelt und betrügerisch für krank ausgegeben zu haben. Gäbles Platz ist in einer Ecke des Gerichtssaals, vor sich hat sie einen Computerbildschirm, ein Mikrofon und einen Stenoblock. Kristine Gäble ruft die Zeugen auf und schreibt mit, wer wann aussagt, was aus den Akten verlesen oder vorgehalten wird, wer welchen Antrag stellt, welche Entscheidungen das Gericht erlässt. Eine verantwortungsvolle Aufgabe: Was sie schreibt, gehört zu den Grundlagen, auf denen der Bundesgerichtshof über Revisionsanträge entscheidet.

„Man kann es nicht rauslassen“

Kristine Gäble hat alles Schlimme gesehen, wozu Menschen fähig sind, und nicht immer kann sie es auf Distanz halten. Sie erzählt von einem Tierquäler, der einen lebenden Frosch an eine Wäscheleine gehängt hatte. „Man kriegt einen Hass auf diesen Menschen, aber man kann es ja nicht rauslassen“, sagt sie. „Sie kriegen ein verzerrtes Weltbild. Sie sehen Väter mit ihren Töchtern spielen, und dann läuft ein Film in Ihnen ab.“

Abends schreibt sie Tagebuch

Kristine Gäble war an mehr Gerichtsverhandlungen beteiligt als die meisten Richter. Mit der Vorsitzenden Richterin ihrer Strafkammer ist sie per Du, Richter und Staatsanwälte wissen ihre Erfahrung und Professionalität zu schätzen. An drei, vier Tagen in der Woche sitzt sie in ihrer Ecke im Gerichtssaal und schreibt in ihren Stenoblock. Sie ergreift nicht das Wort, sie entscheidet nicht und urteilt nicht. Sie hört konzentriert zu und beobachtet. Ihre Protokolle beschränken sich auf den Verlauf der Verhandlung. Was sie sonst beobachtet, was sie empfindet, das schreibt sie am Abend in ihr Tagebuch.

„Sachen, die du nie wieder aus dem Kopf kriegst“

Einer jungen Frau, die ihren Beruf ergreifen wollte, würde sie eher abraten. „Obwohl ich es gerne mache! Aber ich würde ihr sagen: Überleg es dir ganz genau! Du wirst Sachen sehen und hören, die du nie wieder aus deinem Kopf kriegst.“ Sachen wie Videos, die ein Kinderschänder von seinen Taten machte. Aussagen der Opfer von Vergewaltigung, versuchtem Totschlag oder schwerer Körperverletzung.

Mitleid mit dem Mörder?

Sie hat gelernt, vorgefassten Meinungen zu misstrauen – auch ihren eigenen. „Nehmen wir an, ein Mann hat seine Frau getötet“, sagt sie. „Man liest das in den Akten und denkt: Wie konnte der das tun? Was ist das für ein Mensch? Und dann kommt ein Häufchen Elend, setzt sich da hin und fängt an, hemmungslos zu weinen. Das ist so verwirrend: Das ist ein Mörder, und gleichzeitig tut er einem leid! Damit muss ich umgehen, mit dieser Verwirrung.“

Fasziniert von Psychologie

Und doch hat sie sich diese Arbeit ausgesucht. Nach der Ausbildung in einer Anwaltskanzlei wechselte sie 1980 zum Landgericht. Zunächst bearbeitete sie dort Zivilsachen. Seit 30 Jahren führt sie Protokolle in Strafverhandlungen. „Dieses Fokussieren auf eine Sache, das liebe ich“, sagt sie. „Vielleicht mache ich auch deswegen den Beruf so gern.“ Sie liest Bücher über Psychologie, sie beobachtet fasziniert, wie viele unterschiedliche Charaktere es unter Staatsanwälten, Richtern, Anwälten gibt. In den Verhandlungen interessiert sie die Arbeit der psychiatrischen Sachverständigen ganz besonders: „Diese Gutachten – das ist ein Highlight eines jeden Prozesses!“

Selbst als Zeugin vor Gericht

Manchmal sprechen Bekannte sie darauf an, dass sie im Fernsehen zu erkennen gewesen sei – im Hintergrund bei einem Prozessbericht. Im Hintergrund hält sie sich am liebsten auf. „Ich stehe so ungern im Mittelpunkt“, sagt sie mehr als einmal während des Gesprächs. Einmal musste sie selbst als Zeugin aussagen. „Oh Gott, furchtbar!“, ruft sie aus. Bei einer Verhandlung hatte sie gesehen, wie zwei junge Männer im Publikum den Arm zum Hitlergruß hoben, bevor sie den Saal verließen. Das musste sie dann später vor Gericht bezeugen. „Ich war so was von aufgeregt!“

Verbrechen ist spannend“

Als eine der letzten ihrer Art beherrscht Kristine Gäble die Kurzschrift. „Im Stenogramm bin ich doppelt so schnell wie am Bildschirm“, sagt sie. Schon in ihrer Ausbildung hatte sie sich in diesem Fach hervorgetan. Ihre Lehrerin habe sie als Stenografin im Bundestag gesehen. „Aber Verbrechen“, sagt sie, „ist viel spannender.“

Neue Chefs am Landgericht

Drei Kammern des Landgerichts Lübeck bekommen neue Vorsitzende. Die Beschwerdekammer wird seit 1. Oktober von Ute Schulze Hillert geleitet, zuvor Zivilrichterin am Landgericht. Die Kammer entscheidet über Beschwerden gegen Entscheidungen der Amtsgerichte.

Neuer Vorsitzendereiner der drei Kammern für Handelssachen wird Dr. Stephan Bahlmann, der bisher die 10. Zivilkammer leitete. Seinen bisherigen Posten übernimmt Peter Fölsch, der bisher ständige Vertretung des Direktors am Amtsgericht Bad Segeberg war.

In den Ruhestand gehen die Vorsitzenden Brigitte Kreuder-Sonnen (Beschwerdekammer) und Roland Martin (Handelssachen).

Von Hanno Kabel

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