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Lübeck Lebt es sich in Lübeck wirklich schlecht?
Lokales Lübeck Lebt es sich in Lübeck wirklich schlecht?
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22:40 25.05.2018
Bei Freizeit und Kultur – hier ein Foto von der Kanal-Trave – landet Lübeck im Ranking auf guten Plätzen, bei sozialen und ökonomischen Daten stürzt die Stadt ab.
Bei Freizeit und Kultur – hier ein Foto von der Kanal-Trave – landet Lübeck im Ranking auf guten Plätzen, bei sozialen und ökonomischen Daten stürzt die Stadt ab. Quelle: Fotos: Künzel, Neelsen (2), Maxwitat (2), Roessler, Peyronnet
Lübeck

Bei der großen Deutschland-Studie des ZDF landet Lübeck auf Platz 279 von 401 Landkreisen und Städten. Kiel läuft auf Rang 252 ein, sogar Flensburg liegt noch zwei Plätze vor Lübeck. Laut Studie lebt es sich in Rostock viel besser (Platz 28). Die Städte, die die Lübecker Wirtschaftsförderung gern zum Vergleich heranzieht, schneiden alle besser ab als Lübeck – Mainz auf 60, Magdeburg auf 217, Chemnitz auf 98 und Freiburg auf 24. Die LN haben bekannte Lübecker gefragt, warum die Hansestadt so weit hinten liegt.

Diakoniepastorin Dörte Eitel: „Ich kann mir nicht erklären, warum Lübeck so abgeschnitten hat. Lübeck ist besser, als es diese Studie aussagt.“ Für Wirtschafts- und Sozialsenator Sven Schindler (SPD) gehört die Hansestadt „eindeutig unter die Top 20. Lübeck ist eine Stadt, in der andere schwärmend Urlaub machen, und eine Stadt, die sich oft selbst unterschätzt.“

Ostsee, Welterbe, Marzipan und Kulturhauptstadt: Viele Lübecker lieben ihre Stadt und finden sie lebenswert. Ein nüchterner, bundesweiter Datenabgleich holt die stolzen Hanseaten auf den Boden der Tatsachen zurück: Lübeck landet im hinteren Mittelfeld, hinter Rostock und Kiel.

Als „nicht nachvollziehbar“ empfindet Matthias Rasch, Chef der Grundstücksgesellschaft „Trave“, „dass der Nachbarkreis Stormarn im Themenbereich Wohnen und Arbeit bundesweit an dritter Stelle und Lübeck als 369. weit abgeschlagen liegt“.

In 53 verschiedenen Kategorien von Arbeit und Wohnen über Freizeit und Natur bis zu Gesundheit und Sicherheit haben die vom ZDF beauftragten Forscher 20000 Daten zusammengetragen – für 401 Landkreise und Städte. Zehn Forscher von Prognos haben ein Jahr lang daran gearbeitet, darunter Soziologen, Politologen und Volkswirte. Die harten Daten zeigen, dass in der Hansestadt vergleichsweise viele arme Menschen leben. Rang 372 bei den Hartz-IV-Familien, Rang 378 bei Kinderarmut, Rang 387 bei Altersarmut, Rang 380 bei privaten Schuldnern. Auch bei der öffentlichen Verschuldung schneidet Lübeck deutlich schlechter ab als Rostock und Kiel.

Lindenau: Manche Kategorie führt in die Irre

Weit hinten rangiert die Hansestadt bei Verletzten und Getöteten im Straßenverkehr, Gewaltverbrechen und Wohnungseinbrüchen. Kiel ist da nicht weit entfernt, Rostock hingegen schon. Altbürgermeister Bernd Saxe (SPD) sieht Fortschritte bei der Kriminalitätsbekämpfung, macht aber einen anderen Schwachpunkt aus: „Im Bildungswesen stehen wir deutlich schlechter als alle Kommunen in Schleswig-Holstein da, das kann nicht hingenommen werden.“ Saxe fordert eine Untersuchung der Lübecker Bildungsmisere und bekennt: „Das muss ich am Schluss meiner Amtszeit als Unvollendetes verbuchen.“

Für den neuen Bürgermeister Jan Lindenau (SPD) führen manche Kategorien in die Irre: „Kriterien wie die Wahlbeteiligung haben möglicherweise Einfluss auf das Lebensgefühl von Politikern, offenbar weniger auf das Lebensgefühl der breiten Bevölkerung – sonst würden mehr Menschen wählen gehen.“ Bei der Wahlbeteiligung schneidet Lübeck miserabel ab (Rang 395), wobei Kiel und Rostock nicht weit weg sind. Lindenau kontert die ZDF-Studie mit dem Hinweis auf den Glücksatlas 2017, bei dem die Schleswig-Holsteiner vorn liegen.

Lübecks Nähe zum Wasser überzeugt

Damit tröstet sich auch Dirk Gerdes, Chef der Wirtschaftsförderung: „Man sollte auf Algorithmen verzichten und die Menschen fragen, die hier wohnen oder zu Besuch sind.“ Gerdes geht „jede Wette ein, dass die Zustimmung Spitzenwerte erreichen würde“.

Ins gleiche Horn stößt Kurdirektor Uwe Kirchhoff: „Als geborener Berliner und heutiger Bürger Lübecks kann ich sagen, dass mich viele Freunde um meinen Wohnort beneiden.“ Subjektiv habe er nicht den Eindruck, „dass Lübeck im Vergleich zu anderen Städten besonders zurückgeblieben ist.“ Auch die CDU-Landtagsabgeordnete Anette Röttger sieht in dem Verzicht der Studie auf subjektive Einschätzung den Hauptgrund für das hintere Mittelfeld.

Einen echten Topplatz (5) erzielt Lübeck beim Anteil der Wasser- an der Gesamtfläche. Weit vorn ist Lübeck beim Besuch klassischer Kulturveranstaltungen (17) und im vorderen Mittelfeld bei Tourismus (72), Bar- und Restaurantdichte (81) oder bei der Anzahl der Studierenden auf 1000 Einwohner (84). Auch bei der Versorgung von Kindern mit Kitaplätzen schneidet die Stadt ordentlich ab, allerdings schlechter als Kiel und viel schlechter als Rostock.

Stark bei Kultur und Freizeit

„Lübeck ist stark bei Kultur und Freizeit“, sagt Thilo Gollan, Betreiber der Kulturwerft, „aber es gibt einen unheimlichen Stau bei der Infrastruktur.“ Gollan rät: „Lübeck braucht Mut zu Entscheidungen. Man darf nicht alles 30 Jahre lang diskutieren.“

Dass Lübeck bei Tourismus und Kultur gut abschneidet, wundert Prof. Hans Wißkirchen, Chef der Kulturstiftung, nicht: „In dem Bereich ist Lübeck bundesweit etwas Besonderes.“ Die Spitzenstädte wie München und Heidelberg würden aber auch zeigen, „dass man die gesellschaftlich-sozialen und kulturellen Themen nie gegeneinander ausspielen darf“, sagt Wißkirchen. „Wenn Lübeck vorankommen will, sollte es das nicht vergessen.“ Tourismus-Chef Christian Martin Lukas rät, „gemeinsam an den aufgezeigten Baustellen zu arbeiten und nicht eine kurzfristige Schulddiskussion zu führen“.

Was Lübeck für ihn so lebenswert macht, schildert der Chef eines Weltkonzerns ganz anschaulich: „Ich wohne in Lübeck, naturnah direkt am Rand eines Waldes, und kann in wenigen Minuten zu Fuß in ein passables Theater gehen“, berichtet Stefan Dräger vom Drägerkonzern, „in Lübeck sagt man, ich gehe in die Stadt und meint damit Einkaufen, Arzt, Anwalt, Theater, Kneipe und so weiter. Diese Kleinräumigkeit ist das, was Lübeck so lebenswert macht.“ Seine geliebte Heimatstadt schneide bei der ZDF-Studie unangemessen schlecht ab, ist der Konzernlenker überzeugt.

 Von Kai Dordowsky