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Lübeck Leuchtende Wolken über der Trave
Lokales Lübeck Leuchtende Wolken über der Trave
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12:50 16.07.2015
Vom frei zugänglichen Dach des Lübecker Hansemuseums bietet sich ein imposanter Blick über die Trave. Und in manchen Juli- Nächten ist mit etwas Glück sogar noch ein seltenes Himmelsphänomen zu bewundern: die leuchtenden Nachtwolken. Sie schimmern silbern in 83 Kilometern Höhe, wenn die Sonne schon längst untergegangen ist. Bloß fünf bis sieben Mal sind sie im Jahr zu sehen. Quelle: Fotos: Uwe Freitag
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Lübeck

Wie Wellen ziehen sie sich über den Nachthimmel. „Würde aus Dutzenden Einzelfotos ein kleines Filmchen zusammengesetzt“, sagt Uwe Freitag, „könnte man richtig ihre Bewegungen sehen.“ Der 50-Jährige ist immer auf der Jagd nach den imposanten „Leuchtenden Nachtwolken“, einem sommerlichen Himmelsphänomen. Vom Dach des Hansemuseums aus hat er jetzt beeindruckende Aufnahmen geschossen: Während eigentlich alles kurz nach Mitternacht im Dunklen liegt, schimmern die Wolken zwischendrin silber-weiß-gelblich.

Das seltene Phänomen spielt sich in einer Höhe von etwa 83 Kilometern ab, normale Wolken schieben sich bei etwa 13 Kilometern über uns hinweg. „Die Leuchtenden Nachtwolken sind meist im Juli zu sehen“, sagt Prof. Franz-Josef Lübken, Direktor des Leibniz-Instituts für Atmosphärenphysik (IAP) in Kühlungsborn. Die Wissenschaftler dort haben sich unter anderem auf diese Art Wolken spezialisiert. Lübken: „Sie tauchen dort oben auf, weil diese Schicht im Sommer extrem kalt ist.“ Um die Minus 150 Grad Celsius herrschen in 83 Kilometern Höhe, im Winter wiederum ist es dort warm.

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In der frostig-kalten Atmosphäre bilden sich kleine Eiskristalle im Nanometer-Bereich, die zusammen mit dem dort oben vorhandenen Staub kleine Kügelchen bilden. Wenn dann die Sonne am Horizont verschwunden ist, scheint sie die kleinen Partikel von unten an „und die streuen dann das Licht“, erklärt Wissenschaftler Lübken das Phänomen. Das IAP beobachtet die Leuchtenden Nachtwolken aus Kühlungsborn und vom norwegischen Arktisrand mit Lasern. „Mit ihm können wir das Phänomen von überall analysieren“, sagt Franz-Josef Lübken.

Der gebündelte Lichtstrahl liefert den Wissenschaftlern dann alle wichtigen Daten, die sie wissen wollen: In welcher Höhe die Wolken schweben, ihre Dichte und sogar die Größe und Anzahl der kleinen Eis-Teilchen. Laut Lübken sind pro Kubikzentimeter 5000 bis 10 000 Stück zu finden. Und warum interessiert das die Forscher? IAP- Direktor Lübken: „Sie spiegeln den Zustand der Atmosphäre wieder.“

Erstmals beobachtet wurden die Leuchtenden Nachtwolken erst kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts. „Deshalb wird spekuliert, ob sie womöglich eine Folge des Klimawandels sind.“ Dies sei aber bislang wirklich nur eine Theorie. „Wir hoffen, in Kürze mehr sagen zu können.“ Wobei „in Kürze“ bei den Wissenschaftlern „in ein paar Jahren“ bedeutet.

Fotograf Freitag genießt derweil die außergewöhnlichen Farben. Vom Dach des Hansemuseums hat er den perfekten Blick. „Dort ist es wie in einer Loge.“ Oft führt ihn sein Weg aber auch bis Groß Parin — dort ist es noch dunkler und die Wolken sind damit besser zu sehen. Freitag empfiehlt jedem das Wolkengucken. „Man darf nicht nur nach unten gucken, man sollte auch mal nach oben schauen.“

Peer Hellerling