Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Lübeck, 9. November 1989: Als Schlutup zum Mittelpunkt der Welt wurde
Lokales Lübeck Lübeck, 9. November 1989: Als Schlutup zum Mittelpunkt der Welt wurde
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:14 30.09.2019
Grenzöffnung Schlutup: Die Aufnahme entstan nach der Grenzöffnung, dem Fall der Mauer im November 1989. Lübecks kleinster Stadtteil erlebte einen Ansturm von DDR-Bewohnern. Quelle: Alice Kranz-Pätow
Schlutup

Der Weg von Wismar nach Lübeck verlief Anfang November 1989 über Prag. Am Sonntag, 5. November, kamen 650 DDR-Bürger mit einem Sonderzug auf dem Lübecker Hauptbahnhof an, am Dienstag darauf noch einmal 213. Sie hatten sich über die Tschechoslowakei abgesetzt, nachdem der bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher einen Deal mit der DDR gemacht hatte. Aber der direkte Weg blieb verschlossen.

Lübeck grenzte an die DDR, aber dazwischen verlief noch immer der Eiserne Vorhang und trennte den Stadtteil Schlutup von der mecklenburgischen Nachbargemeinde Selmsdorf.

Klein, fein – und mit viel Herzblut gemacht: Das ist das Grenzmuseum in Schlutup. Es wurde 2004 in dem ehemaligen Zoll- und Grenzgebäude nahe der Landesgrenze eröffnet.

Die ersten Grenzgänger

Dann kam der 9. November, an dem der SED-Politbüro-Sprecher Günter Schabowski in legendär gestammelten Sätzen die Reisefreiheit für DDR-Bürger verkündete. Gut zwei Stunden später, um 21.53 Uhr, fuhr ein Ehepaar in einem Wartburg über die offene Grenze von Selmsdorf nach Lübeck-Schlutup. Im Auto saß auch eine Frau, die als Fußgängerin von den DDR-Grenzern nicht durchgelassen worden war.

Ihnen folgten Tausende – und mit ihnen die Bilder und Szenen, die seitdem immer wieder gezeigt werden: Trabi-Kolonnen, jubelnde Menschen am Straßenrand, Fremde, die einander in die Arme fallen. Schlutup, der kleinste der Lübecker Stadtteile, am Rand der Stadt, Schleswig-Holsteins und der Bundesrepublik gelegen, war in den Mittelpunkt des Weltgeschehens gerückt.

Vorher war die Nachbarschaft zum Eisernen Vorhang für den Stadtteil oft Ärgernis gewesen, meistens aber schlicht Alltag. Wenn Besucher von auswärts nach Schlutup kamen, erinnert sich Michael Kieckbusch (56), dann wollten sie immer zur Grenze. Daran merkte er als Kind, dass daran etwas Besonderes sein musste. Sonst wäre es ihm nicht aufgefallen, er kannte es ja nicht anders. „Für uns war die Grenze etwas Gegebenes“, sagt er.

Demos gegen Müll, Verkehr und Gestank

Für Schlutup bedeutete sie nicht zuletzt Lärm und Dreck. Allein 1987 zählte der Bundesgrenzschutz 41 401 Lastwagen, die Müll zur Deponie Schönberg fuhren, die auf dem Gebiet von Selmsdorf lag. Bundesdeutsche und ausländische Unternehmen wurden ihren giftigen Müll los, die DDR machte ein gutes Geschäft, und Schlutup musste mit dem Verkehr und der Gefahr leben. Im Oktober 1989 blockierten Mitglieder einer Bürgeriniative 100 Müll-Laster, bis die Polizei die Mecklenburger Straße räumte.

Auch die Grenzöffnung machte den Schlutupern – nach der anfänglichen Euphorie – nicht nur Freude. Der Strom der Trabis und Wartburgs wälzte sich durch den Stadtteil, ihre Abgase verpesteten die Luft. „Meine Großmutter konnte nur nachts lüften“, erinnert sich Michael Kieckbusch, „weil der Gestank so groß war.“ Im März 1990 demonstrierten die Schlutuper wieder, diesmal für eine Umgehungsstraße.

Da war der Abbau der Grenzanlagen schon weit fortgeschritten. Außer Berlin hat keine Großstadt die deutsche Teilung so unmittelbar erlebt wie Lübeck. Aber wenn es die Grenzdokumentationsstätte Lübeck-Schlutup nicht gäbe, würde in Lübeck fast nichts mehr daran erinnern. Die ehemalige Lübecker CDU-Kommunalpolitikerin Ingrid Schatz (76) hat das kleine Museum seit 2004 mit anderen Ehrenamtlichen aufgebaut. Es zeigt viele Fotos von der innerdeutschen Grenze, Fluchtgeschichten, Uniformen von DDR-Grenzsoldaten und bundesdeutschen Grenzschützern, Warnschilder von der Grenze, Diensttelefone, sogar eine Tretmine aus dem Grenzstreifen. Es kommen Schulklassen aus ganz Deutschland und Einzelbesucher aus Frankreich, Amerika, Dänemark oder Holland.

Grenzmuseum hält Erinnerung wach

Ein Ortsschild markiert heute die Grenze zwischen Lübeck und Selmsdorf, und das war es auch schon. Nicht der kleinste Rest ist übrig von Mauer, Zaun, Kontrollpunkt und Grenzstreifen. „Dass die das schnell weg haben wollten, kann man verstehen“, sagt Ingrid Schatz über die östlichen Nachbarn. Was es noch gibt, ist das Zollhaus auf der westlichen Seite. Darin hält das Museum die Erinnerung wach. „Das gehört zur deutschen Geschichte“, sagt Michael Kieckbusch. „Lübeck war die größte deutsche Stadt an der Grenze. Es hat die Verpflichtung, daran zu erinnern.“

Von Hanno Kabel