Lübeck: Auf den Spuren der Slawen im Waldhusener Forst
Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Lübeck: Auf den Spuren der Slawen im Waldhusener Forst
Lokales Lübeck

Lübeck: Auf den Spuren der Slawen im Waldhusener Forst

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:14 25.06.2021
Der ehemalige Revierförster in Waldhusen und Buchautor Hans Rathje Reimers.
Der ehemalige Revierförster in Waldhusen und Buchautor Hans Rathje Reimers. Quelle: Friederike Grabitz
Anzeige
Kücknitz

Hinauf, hinunter: Der Waldweg führt über 23 steile, kleine Hügel. „Wir sind hier auf einem Friedhof“, sagt Hans Rathje Reimers, „die Hügel sind eigentlich Gräber“. Schon in der Steinzeit hätten die Menschen hier Urnen bestattet, später hätten die Slawen diese Tradition fortgeführt. Hinter einem Knick am Wegrand zeigt er einen „Oser“, der Abdruck einer Gletscherhöhle, denn bis vor 15 000 Jahren war Norddeutschland von Eis bedeckt.

Reimers ist Experte für die Geschichte der Lübecker Wälder Bis zu seiner Pensionierung 2005 war er hier Revierförster. Um sein Wissen zu teilen, legte er 1995 zusammen mit der Abteilung für Archäologie den „archäologisch-naturkundlichen Wanderweg“ an. 

Der 5,5 Kilometer lange Rundweg beginnt auf dem Waldparkplatz am Holzweg und führt durch das Waldstück zwischen Pöppendorf, Sereetz und Kücknitz. An jeder der 21 Stationen erzählen Hinweisschilder, die die Stadtarchäologen vor wenigen Monaten erneuert haben, die Geschichte des Ortes. 

Die Stationen des archäologisch-naturkundlichen Wanderwegs. Quelle: Friederike Grabitz

Reimers zeigt auf eine Weide. „Dort stand ein slawisches Dorf“, sagt er. Er geht voran in einen Stichweg. Ein Ring aus Steinen begrenzt eine Megalith-Konstruktion aus zwölf großen Steinen, auf denen vier bis zu sieben Tonnen schwere Findlinge ruhen. In der Steinzeit wurden darin Urnen bestattet, später nutzten die Slawen das Hünengrab weiter. 1844 entdeckten Historiker die 5000 bis 6000 Jahre alte Anlage unter einem Hügel und legten die Steine frei.

„1896 feierten Abiturienten des Katharineums hier ihren Schulabschluss“, erzählt Reimers. „Irgendwann waren sie betrunken – und stemmten den großen Stein herunter“. Das Denkmal musste repariert und fixiert werden, und für die Jugendlichen hatte der derbe Streich ein Nachspiel: Sie bekamen „wegen mangelnder geistiger Reife“ ihr Abitur aberkannt. Heinrich Mann hat den Vorfall in seinem Roman „Professor Unrat“ verarbeitet.

Der am besten erhaltene RIngwall in Lübeck und Ostholstein liegt in Kücknitz. Hans Rathje Reimers erschloss ihn für die Öffentlichkeit, als er 1995 eine Treppe auf den Wall und eine Aussichtsplattform bauen ließ. Quelle: Friederike Grabitz

Als Förster führte Reimers oft Schulklassen zu dem Hünengrab. Doch in den letzten Jahrzehnten wurde das immer weniger. Es gebe fast kein Interesse mehr an der eigenen Geschichte, sagt er, „selbst bei den Lehrern“.

Ein historischer Schatz ist auch der Pöppendorfer Ringwall südlich von Pöppendorf. Der acht bis zwölf Meter hohe und hundert Meter breite, kreisrunde Wall gehörte zu einer slawischen Burg, die dem Fürsten und den Dorfbewohnern zwischen 800 und 1000 n. Chr. als Zufluchtsort diente. Sie gilt als die am besten erhaltene Slawenburg in Lübeck und Ostholstein. Um sie zugänglich zu machen, hatte Reimers 50 Stufen und oben eine Aussichtsplattform anlegen lassen.

Auf dem Gelände dieses Waldparkplatzes nahe Pöppendorf war nach dem zweiten Weltkrieg ein Durchgangslager für Geflüchtete, ehemalige Kriegsgefangene und Juden. Von den einst 150 Baracken steht heute keine mehr, das Gelände wurde wieder aufgeforstet. Quelle: Friederike Grabitz

Der archäologische Pfad führt auch in die neuere Geschichte Lübecks. Die 21. Station des Weges ist ein Parkplatz, der bis 1951 Teil eines Durchgangslagers für Geflüchtete, Kriegsrückkehrer und Holocaust-Überlebende war. Reimers hat ein Buch über den Lübecker Wald geschrieben, in dem er dem „Pöppendorfer Lager“ ein Kapitel widmet. Bis zu 5000 Menschen haben gleichzeitig in den 150 Baracken gelebt.

In der Abteilung für Archäologie und Denkmalpflege Lübeck (und bald auch Online) gibt es eine Broschüre zur archäologischen Wanderung.

Das am besten erhaltene Hünengrab Ostholsteins liegt mitten im Kücknitzer Wald. Quelle: Friederike Grabitz

Von Friederike Grabitz