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Lübeck Premiere für Bürgermeister-Galerie: Eine Frau porträtiert Bernd Saxe
Lokales Lübeck

Lübeck: Carina Linge macht Porträt von Ex-Bürgermeister Bernd Saxe

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14:00 23.10.2021
Die Künstlerin und ihr Objekt: Carina Linge (45) hat Ex-Bürgermeister Bernd Saxe (67) porträtiert. Sie macht Kunst-Fotografie und stellt demnächst in der Kultur-Werft Gollan aus.
Die Künstlerin und ihr Objekt: Carina Linge (45) hat Ex-Bürgermeister Bernd Saxe (67) porträtiert. Sie macht Kunst-Fotografie und stellt demnächst in der Kultur-Werft Gollan aus. Quelle: Lutz Roeßler
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Lübeck

Es ist ein Novum. Zum allerersten Mal in der Lübecker Geschichte ist es eine Frau, die einen ehemaligen Bürgermeister porträtiert. Und zum allerersten Mal ist ein Foto-Kunstwerk entstanden, kein gemaltes Bild. Die doppelte Premieren-Frau ist Künstlerin Carina Linge. Von der Künstlerin hat Saxe über einen Freund erfahren. Er hat ihr eine E-Mail geschrieben, sie haben telefoniert. Beide sagen unisono: „Wir hatten gleich einen Draht zueinander.“ Daher hat Linge Lübecks ehemaligen Bürgermeister Bernd Saxe abgelichtet. Dahinter steckt eine bemerkenswerte Kunst.

Dann wird das Porträt von Bernd Saxe enthüllt

Enthüllt wird das Porträt am Sonnabend, 30. Oktober. Fortan ist das Kunstwerk zu sehen in der Bildergalerie des Lübecker Rathauses im ersten Stock. Denn im Rathaus hängen sie alle, die Lübecker Bürgermeister – nachdem sie ihre Amtszeit beendet haben. Ausgestellt sind dort 55 Porträts der 229 Bürgermeister der Stadt. Aus jüngster Vergangenheit reihen sich aneinander Werner Kock, Robert Knüppel (CDU) und Michael Bouteiller (SPD). Und bald auch Bernd Saxe.

„Ich wollte etwas Neues, was aber zu den alten Bildern passt“, sagt Altbürgermeister Bernd Saxe (67, SPD). Quelle: Lutz Roeßler

Warum er sich Linge als Künstlerin ausgesucht hat? „Wir sind im 21. Jahrhundert“, sagt Saxe. Es sei zeitgemäß, dass eine Frau einen ehemaligen Bürgermeister porträtiere. Dasselbe Argument gilt für seine Wahl einer Kunst-Fotografie statt eines gemalten Bildes. „Es soll in unsere Zeit passen“, so Saxe. Gleichzeitig sollte sein Porträt aber nicht aus der Reihe fallen, wenn es in der Bildergalerie der ehemaligen Rathaus-Chefs hängt. „Ich wollte etwas Neues, was aber zu den alten Bildern passt.“

Darum porträtiert Carina Linge den Ex-Bürgermeister

In Linge hat Saxe die richtige Frau gefunden. Denn Linge inszeniert ihre Fotos zu Kunstwerken – häufig mit Rückbezügen auf Bilder alter Meister. „Diese Bezüge tauchen vor meinem inneren Auge auf“, sagt Linge. Sie kopiert keine Bilder früherer Zeiten, sondern mit ihrer eigenen Interpretation entsteht etwas Neues. So hat ihre „Dame mit Kaninchen“ eine Referenz zu „Die Dame mit dem Hermelin“ von Leonardo da Vinci. So augenfällig ist der Bezug nicht beim Porträt Saxes. Der Bezug zur Kunstgeschichte lässt sich nur erahnen: Es ist „Der Kaufmann Georg Gisze“ von Hans Holbein von 1532.

„Ich muss mich in eine Person einfühlen“, sagt Künstlerin Carina Linge (45). Quelle: Lutz Roeßler

Wie genau entsteht so eine Kunst-Fotografie? Der Prozess teilt sich auf in drei Phasen. Am Anfang steht die Idee. „Dazu muss ich mich in die Person einfühlen“, sagt Linge. Dazu sind die Beiden anderthalb Tage durch Lübeck gelaufen. Saxe hat ihr die Altstadt gezeigt. Saxe hat ihr erzählt, was ihm politisch wichtig ist. Saxe hat aus seiner Zeit als Bürgermeister erzählt. Linge hat ihm Fragen gestellt. Linge seine Körpersprache beobachtet. Linge hat erfahren, wie die Leute auf der Straße auf Saxe reagieren. So ist ein Psychogramm entstanden.

Die Komposition der Fotografie

In der Mitte erfolgt die Komposition. Es gab viel E-Mail-Kontakt zwischen Linge und Saxe. Austausch über das, was später auf der Fotografie zu sehen sein würde. Denn Linge fügt dem Porträtiertem stets Gegenstände hinzu. Diese Attribute sind Symbole für Eigenschaften, Werte, Charakterzüge – und zeigen die Vielschichtigkeit einer Persönlichkeit. Linge: „Meine Bilder kann man lesen.“

Meistens taucht dann auch der Rückbezug auf ein Bild der Kunsthistorie auf. „Das Menschsein in allen seinen Facetten interessiert mich“, sagt Linge. „Und das haben die ,alten Meister’ auch schon thematisiert.“ Linge recherchiert zu dem historischen Bild und langsam entsteht ihr ganz eigenes Bild vor ihrem inneren Auge. Dann probt Linge. Beim Porträt von Saxe diente ihr Lebensgefährte als Modell. Die Gegenstände wurden exakt platziert, verrückt und wieder verändert. Das Licht getestet und inszeniert. Der Blickwinkel neu gewählt.

Bernd Saxe: So will die Künstlerin ihn zeigen

Am Ende steht der Druck auf den Auslöser der Kamera. Im August gab es das Foto-Shooting im Lübecker Rathaus. Wieder anderthalb Tage. Alles ist vorgedacht, alles ist komponiert, alles ist inszeniert und ausgeleuchtet. Dann geht es um den entscheidenden Moment. Den Moment, in dem der Ausdruck der richtige ist. Den Ausdruck, den Linge zeigen will: Saxes Humor. Linge: „Er hat den Schalk im Nacken.“ Und ganz zum Schluss ist er aufgeblitzt. In den letzten Minuten der Foto-Session ist das Foto entstanden, das Linge ausgesucht hat: das Saxe-Porträt.

Die Ausstellung der Künstlerin

Die Künstlerin Carina Linge stellt in der Kulturwerft Gollan aus. Eröffnung ist um 14.30 Uhr am Sonnabend, 30. Oktober, im Kettenlager. Bis Sonntag, 14.November, sind dort 40 Werke der Künstlerin zu sehen. Geöffnet ist die Ausstellung jeweils donnerstags bis sonntags von 12 bis 17 Uhr.

Carina Linge (45) kommt aus Cuxhaven. An der Universität in Greifswald hat sie Germanistik und Kunst auf Lehramt studiert – und wechselte dann an die Bauhaus-Universität in Weimar. Begonnen hat sie mit Zeichnungen und Malereien. Es folgten Rauminstallationen und Kunst im öffentlichen Raum. Über Video-Installation ist sie zur Fotografie gelangt. Heute lebt sie in Leipzig und wird von der Berliner Galerie Jarmuschek+Partner vertreten.

Nun ist es fertig – und wird enthüllt. „Es ist so fotografiert, dass Saxe den Betrachter anschaut“, sagt Linge. Denn es gebe viel Kontakt zwischen dem ehemaligen Bürgermeister und den Lübeckern, wie sie auf dem Spaziergang erfahren habe. Aufgeregt? Saxe nicht, Linge ein bisschen. „Denn ich muss ein paar Worte sagen.“ Sie fotografiert lieber.

Das Veto-Recht des ehemaligen Bürgermeisters

Aber vielleicht erzählt sie auch die Geschichte von Saxe und dem Stehkragen. Es gab eine klare Absprache: Linge ist die Chefin des Foto-Projektes. Nur bei der Kleidung hat Saxe ein Veto-Recht. Und das hat er eingelegt, als er ein Hemd mit Stehkragen tragen sollte. Das ging gar nicht. Saxe: „Ich hasse Stehkragen.“

Von Josephine von Zastrow