Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Der Computer, der Menschen eine Stimme gibt
Lokales Lübeck Der Computer, der Menschen eine Stimme gibt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
12:18 02.12.2019
Monika Daberkow (61) besucht Sohn Matthias (22) regelmäßig in der Tagesförderstätte der Marli GmbH. Der junge Mann ist schwerbehindert und kommuniziert mit einem Sprachcomputer. Quelle: Cosima Künzel
Anzeige
St. Gertrud

Matthias Graßhoff (22) sitzt im Rollstuhl. Er ist 100 Prozent schwerbehindert, kann nicht sprechen, ist motorisch stark eingeschränkt. Konzentriert schaut er auf das Display seines Sprachcomputers. 144 Icons sind darauf zu sehen. Der junge Mann wählt aufgrund der motorischen Schwierigkeiten beim Ansteuern der Tasten langsam vier Symbole aus: „Mensch“, „Herz“, „Apfel“ und „Zwei Menschen“. Eine Computerstimme sagt für ihn: „Ich. – Möchte. – Essen.“

Die Computerstimme spricht für ihn

Die Marli GmbH möchte helfen, dass Menschen wie Matthias Dank „Unterstützter Kommunikation“ (UK) eine Stimme bekommen. „Menschen, die nicht sprechen können, werden manchmal behandelt wie kleine Idioten“, sagt Mutter Monika Daberkow (61). „Aber Matthias ist nicht doof. Er ist eingeschränkt, ja, aber er ist fröhlich, geduldig und humorvoll ohne Ende. Damit hat er uns viel voraus.“ Sie greift nach der Hand ihres Sohnes. Seine braunen Augen flackern unruhig durch den Raum. Gäste sind da. Das ist ungewohnt für ihn. Irgendwann tippt er auf das Display. Die Computerstimme sagt: „Na, wie geht’s?“

So können Sie helfen

In diesem Jahr unterstützen die Lübecker Nachrichtenund die Sparkasse zu Lübeck mit „Hilfe im Advent“ die Marli GmbH, gemeinnütziges Unternehmen. Aktuell arbeitet die Unternehmensgruppe an der Etablierung des Angebotes „Unterstützte Kommunikation“. Mit diesem Angebot soll Menschen, die verbal nicht oder nicht gut kommunizieren können eine Stimme gegeben werden. Für die „Unterstützende Kommunikation“ in Gruppen sind viele Hilfsmittel nötig, die aber durch keinen Leistungsträger finanziert werden. Beispielsweise benötigen die Menschen eine „CABito“-Säule, damit sie sich selbstständig über Speisepläne, Veranstaltungen oder Tagespläne informieren können. Eine solche Säule kostest mit Montage, Schulung und Software rund 5000 Euro.

Die erste Spende in Höhe von 2500 Euro kommt von der Sparkasse zu Lübeck Vorstandsvorsitzender Frank Schumacher betont bei der Scheckübergabe in der Hauptgeschäftsstelle, Breite Straße, die „wichtige und segensreiche Arbeit“ der Marli GmbH. „Wir fühlen uns der Unternehmensgruppe Marli eng verbunden“, sagt Schuhmacher, „die Menschen werden dort so wertschätzend behandelt, das die Arbeit in den Werkstätten eine tägliche Freude und große Bestätigung für sie ist.“

Das Spendenkonto

Kontoinhaber: Marli GmbH, gemeinnütziges Unternehmen

IBAN: DE02 2305 0101 0160 4857 10, Sparkasse zu Lübeck

Verwendungszweck: „Spende: Hilfe im Advent

Die Spender werden in den LN genannt. Wenn Sie das nicht möchten, vermerken Sie im Verwendungszweck „bitte anonym“. Falls Sie eine Spendenbescheinigung wünschen, geben Sie Ihren Namen und Adresse bei der Überweisung an. Bei Spenden bis 200 Euro reicht der Überweisungsbeleg als Bescheinigung.

Der aktuelle Spendenstand: 2500 Euro

Gespendet haben:

Die Bedienung des Gerätes, Rollstuhlfahren, Greifen mit zwei Fingern, all das sind Dinge, die simpel erscheinen mögen. Aber für Matthias sind sie mit unermüdlichem und lebenslangem Lernen verbunden. Und mit der liebevollen Betreuung seiner Mutter. „Ich habe immer ein bisschen mehr an ihn geglaubt als andere“, sagt sie. „Er ist ein Sonnenschein, eine Bereicherung für mein Leben.“

Der Junge hatte eine Hirnblutung

Kurz nachdem Matthias auf die Welt gekommen war, teilte man den Eltern mit, dass er unter der Geburt eine Hirnblutung hatte. „Keiner wusste, warum“, sagt sie. Ein halbes Jahr musste der Junge im Krankenhaus bleiben. „Es hat lange gedauert, bis ich akzeptiert habe, dass er nicht nur körperlich, sondern auch geistig behindert ist“, erinnert sich Daberkow.

Die Unternehmensgruppe Marli

Die Marli GmbHwurde 1965 durch den Verein „Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung in Lübeck und Umgebung“ als Werkstatt gegründet und hat sich in den vergangenen 50 Jahren zur Unternehmensgruppe Marli entwickelt. Zu den vielfältigen Angeboten für Menschen mit Behinderungen gehören neben den Werkstätten, die berufliche Bildung, unterschiedliche Wohnangebote, Frühförderung und mehr. Im Fokus steht immer der Einsatz für Menschen mit Behinderung, ihre Förderung, Begleitung, Versorgung und Selbstbestimmung. „Der Mensch im Mittelpunkt“ ist daher eine der Leitlinien des gemeinnützigen Unternehmens.

Im Rückblick sagt sie: „Man hat ja zwei Möglichkeiten. Entweder man klagt jeden Tag darüber, dass man ein behindertes Kind hat. Oder man nimmt es, wie es ist. Und macht das Beste draus.“ Monika Daberkow bemühte sich früh darum, ihren Jungen bestmöglich zu fördern. Als Vierjähriger konnte er mit einer einfachen elektronischen Kommunikationshilfe äußern, dass er Saft trinken oder nach draußen möchte. Die Mutter erkannte, wie wichtig solche Hilfsmittel sind. „Mir wurde klar, dass es schrecklich sein muss, wenn man nicht mitteilen kann, was man denkt und fühlt, weil man nicht kommunizieren kann“, sagt die Mutter, die sich zur Referentin für „Unterstützte Kommunikation“ ausbilden ließ.

Die Eltern betreuten ihr Kind zu Hause

Die Eltern betreuten den Jungen zu Hause, bis er 13 Jahre alt war. Die Mutter gab damals ihre Arbeit als Lehrerin auf. „Ich hatte ihn Tag und Nacht. Er braucht ja Unterstützung bei allem“, sagt die zierliche, blonde Frau. „Heute weiß ich selber nicht mehr, wie ich das geschafft habe.“ Irgendwann waren die Eltern nicht nur körperlich am Ende. Die Ehe zerbrach. Die Mutter musste wieder arbeiten gehen.

Die Tagesförderstätte der Marli GmbH befindet sich in der Arnimstraße. Quelle: Cosima Künzel

Inzwischen wohnt Matthias in einer Wohngruppe der Vorwerker Diakonie und ist tagsüber bei der Marli GmbH. „Ich weiß meinen Jungen in der Tagesförderstätte sehr gut untergebracht und gefördert“, sagt sie und ist glücklich, dass sie ihn so oft wie möglich besuchen oder zu sich nach Hause holen kann.

In der Tagesförderstätte der Unternehmensgruppe Marli stehen Leiter Fin-Torge Wriedt (34), Sandra Matthiesen (49) und Betreuerin Karmen Funk (46) vor einer Pinnwand, die das Tagesprogramm skizziert. Quelle: Cosima Künzel

In der Tagesförderstätte der Marli GmbH gibt es vier Kleingruppen, in denen Schwerbehinderte von acht bis 16 Uhr betreut werden können. Den Mitarbeitern der teilstationären Einrichtung ist wichtig, dass die Menschen ihre Entwicklung selber mitgestalten und sich ausdrücken können.

Viele Hilfsmittel sind nötig

Das Zauberwort dafür ist die UK. „Wir möchten den Menschen mit verschiedenen Geräten eine Stimme geben, doch die Hilfsmittel, die speziell in den Gruppen genutzt werden, werden von keinem Leistungsträger finanziert“, erklärt Sandra Matthiesen, Leiterin UK, und hofft auf die Anschaffung von sogenannten „CABito“ Säulen.

Lesen Sie auch: „Hilfe im Advent“ ist eine Leser-Aktion der LN-Lokalredaktionen.

Solche Geräte würden Matthias und allen anderen in den Gruppen ermöglichen, sich über wichtige Dinge wie den Essensplan oder Freizeitgestaltung selbstständig zu informieren. „So ein Gerät wäre fantastisch – für alle unsere Standorte“, sagt Betreuerin Karmen Funk (46).

Elke Nork gehört zur Geschäftsführung der Marli GmbH. Sie möchte Menschen, die verbal nicht oder nicht gut kommunizieren können, eine Stimme zu geben. Quelle: Cosima Künzel

Das betont auch Elke Nork von der Geschäftsführung: „Menschen eine Stimme geben, sodass wir sie hören, ihre Wünsche erfüllen, ihre Fragen beantworten und ihren Bedürfnissen gerecht werden können, das ist unser Ziel.“

Weitere Informationen zu „Hilfe im Advent“

Klicken Sie hier, um auf einer Themenseite alle Berichte zur LN-Aktion „Hilfe im Advent“ zu lesen

Leben mit Behinderungen: So meistert eine Lübecker Familie die Barrieren des Alltags (große LN-Reportage)

Der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung im Interview: Warum Schleswig-Holstein Nachholbedarf hat

Diese Initiativen unterstützen wir 2019 mit Ihrer Spende – in den Artikeln steht, wie Sie helfen können:

Lübeck: Die Marli GmbH hilft schwerbehinderten Menschen. Mehr Informationen zum Projekt.

Ostholstein: „Die Ostholsteiner“ helfen Menschen mit Behinderung zu mehr Selbständigkeit und Bewegungsfreiheit. Mehr Informationen zum Projekt.

Segeberg und Stormarn: Die „Lebenshilfe“ hilft Menschen mit Behinderungen, dass sie an alltäglichen Aktivitäten wie Disco oder Kegeln teilnehmen können. Mehr Informationen zum Projekt.

Herzogtum Lauenburg: In der integrativen Kindertagesstätte Heidepünktchen werden Kinder mit und ohne Handicap gemeinsam aufs Leben vorbereitet. Mehr Informationen zum Projekt.

Die Spender werden in den LN genannt. Wenn Sie das nicht möchten, vermerken Sie im Verwendungszweck „bitte anonym“. Falls Sie eine Spendenbescheinigung wünschen, geben Sie Ihren Namen und Ihre Adresse bei der Überweisung an. Bei Spenden bis 200 Euro reicht der Überweisungsbeleg als Bescheinigung.

Von Cosima Künzel