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13:19 27.04.2020
Sina Wohlgemuth (l.) und Angela Braun vom Landschaftspflegeverein Dummersdorfer Ufer dokumentieren jedes Kiebitzgelege auf der Priwallwiese.
Sina Wohlgemuth (l.) und Angela Braun vom Landschaftspflegeverein Dummersdorfer Ufer dokumentieren jedes Kiebitzgelege auf der Priwallwiese. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
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Travemünde

Jeder einzelne Tritt auf dieser Wiese muss gut bedacht sein. Den Blick immer auf den Boden gerichtet, tasten sich Sina Wohlgemuth und Angela Braun schrittweise voran – ausgestattet mit Dokumentationsbögen, Markierungspfählen und Fernglas.

Immer wieder blicken sie in Richtung Beobachtungsplattform, die am Rand der Feuchtwiese direkt am Spazierweg steht. Von dort erhalten sie per Handzeichen Hinweise, in welche Richtung sie weitergehen sollen.

Vier Eier sind in der Regel im Kiebitz-Nest

Und da, tatsächlich, ist das erste der rund 20 erwarteten Gelege erreicht. Bestens getarnt liegen die vier birnenförmigen, olivbraunen und schwärzlich gefleckten Eier in einer Mulde, die mit etwas Gras ausgepolstert wurde.

Jetzt zückt Sina Wohlgemuth ihren Bleistift, um den Dokumentationsbogen mit dem Titel „Kiebitz“ auszufüllen. Fragen zur Lage und Umgebung des Nestes müssen beantwortet werden; zudem sind nähere Angaben zur Größe und zum Gewicht der Eier erforderlich.

Das kleine Ei wird gewogen und später vermessen. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

„43 Millimeter“ sowie „32 Millimeter“ werden als Höhe und Umfang von Ei Nummer eins von Angela Braun diktiert; auch eine kleine Taschenwaage kommt noch vor Ort zum Einsatz.

Als schließlich alle nötigen Daten erhoben sind, wird schließlich in ein paar Metern Entfernung der Markierungspfahl mit der „1“ gesetzt. Und weiter geht es zum nächsten Gelege.

Nach rund vier Wochen schlüpfen die Küken

Von den Kiebitz-Eltern, die sich rund vier Wochen nach Eiablage auf ihre geschlüpften Küken freuen können, ist erst mal nichts zu sehen. „Das macht aber auch nichts; die Eier werden durch die Mittagssonne vorübergehend genug gewärmt“, merkt Sina Wohlgemuth an.

Seit knapp einem Jahr leitet die 28-Jährige die Naturwerkstatt des Landschaftspflegevereins Dummersdorfer Ufer. Im Laufe des Junis soll das Zentrum im Fliegerweg 5-7 komplett fertiggestellt sein.

Ein Kiebitz mit seinen Küken. Quelle: Nabu

Wohlgemuth kennt sich in dem vom Landschaftspflegeverein betreuten Schutzgebiet „Südlicher Priwall“ und dem Wiesenvogelrefugium bestens aus. Täglich beobachtet und zählt sie hier – noch unterstützt durch zwei junge Frauen, die ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) absolvieren – den Vogelbestand.

Und das, was sie Tag für Tag sieht, bereitet den Naturschützern große Freude. „Aufgrund unserer Maßnahmen und der Hilfe durch die Naturschutzbehörde und den Stadtwald zeigen sich bei relativ hohem Wasserstand auf der Wiese in diesem Jahr vor allem Rekordzahlen an brütenden Kiebitzen“, resümiert Matthias Braun.

Daten fließen in Forschungsprojekt ein

Zusammen mit der FÖJlerin Helene Siber dirigiert er von der Beobachtungsplattform aus am Wiesenrand das Duo. Vor ihm liegt eine Karte mit den vorher ermittelten, farblich hervorgehobenen Fundstellen.

„Diese Aktion starten wir einmal im Jahr, um in Folge den Bruterfolg ermessen zu können. Unsere Daten fließen dann in ein auch vom schleswig-holsteinischen Umweltministerium gefördertes Kiebitzschutzprojekt ein, das von der Uni Hannover koordiniert wird“, berichtet er.

Das ist die Naturwerkstatt

Das Projekt Naturwerkstatt Priwall des Landschaftspflegevereins Dummersdorfer Ufer im Fliegerweg 5-7 besteht aus drei Baumodulen. Teil eins, die Betreuungsstation, ist bereits fertig. Teil zwei, das Naturerlebniszentrum Küstenwelten, wird bald als Ausstellung aufgebaut. Teil drei, die Gestaltung der Außenanlage, geht gerade vonstatten. Laut dem Vereinsvorsitzenden Matthias Braun soll im Laufe des Junis alles abgeschlossen sein. Allerdings müsse aufgrund der Corona-Pandemie die für Ende Juni geplante, offizielle Einweihung bis auf Weiteres verschoben werden.

Übergeordnetes Ziel der Naturwerkstatt Priwall ist, den südlichen Priwall mit der Pötenitzer Wiek als eines der bedeutendsten Vogelschutzgebiete Deutschlands zu etablieren. Schließlich gilt die Halbinsel als eines der ältesten Seevogelschutzgebiete im Land. Schon vor dem Ersten Weltkrieg genoss es für einige Jahre den höchsten Schutzstatus.

In den 1960-er Jahren war die ungefähr 34 Hektar große Fläche noch ein echtes Paradies für diese etwa taubengroße Watvogelart. „Denn aus Aufzeichnungen wissen wir, dass dort mal bis zu 100 Brutpaare ihren Nachwuchs bekommen haben“, sagt der Vereinsvorsitzende.

Dann sei die Landwirtschaft intensiviert worden, „und außerdem wurden rundum Pappeln gepflanzt. Kiebitze allerdings lieben die freie Sicht und mögen dementsprechend keine hohe Baumkulisse in ihrer näheren Umgebung, wie wir gelernt haben“, so Braun.

Kiebitze waren für Jahrzehnte verschwunden

Attraktiv für „Vanellus vanellus“, so der lateinische Name, wurde die Wiese erst wieder, als in Folge von Hochwasser die Bäume an der Peripherie nach und nach durch das Salz an den Wurzeln abgestorben sind.

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„Zudem brauchen die Bodenbrüter absolute Brutruhe. Die ist hier durch die feste Einzäunung, die auch das Eindringen von Füchsen in das Brutgebiet verhindert, gegeben“, erklärt Matthias Braun.

Dass diese Ruhe in diesem Jahr noch durch die Corona-Krise und somit durch weniger Tourismus auf dem Priwall weiterhin befördert worden sein könnte, sieht der Naturschützer als nicht so wichtige Einflussgröße an.

„Denn so lange die Spaziergänger auf den Rundwegen bleiben und die Hunde nicht frei gelassen werden, ist das sowieso für den Kiebitz kein Problem. Er hat sich daran gewöhnt“, so die Beobachtung.

Kiebitz-Gelege auf der Priwallwiese zählen: Bilder vom Einsatz der Naturschützer.

Neben dem bundesweit stark gefährdeten Kiebitz fühlen sich aber noch weitere seltene Vogelarten auf der Priwallwiese wohl.

„So können wir hier zum Beispiel nach Jahrzehnten der Abwesenheit endlich wieder den Rotschenkel beobachten; auch Flussregenpfeifer, Brandgänse und sogar Kampfläufer haben diesen Rückzugsort wieder für sich entdeckt“, bilanziert Braun.

Sein erfreuliches Gesamtfazit lautet: Die vor Jahren begonnene „Regeneration des Wiesenvogelrefugiums“ mache wirklich erkennbare Fortschritte.

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Von Michael Hollinde