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Lübeck Muslime räumen Silvesterdreck weg
Lokales Lübeck Muslime räumen Silvesterdreck weg
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17:01 02.01.2019
Mitglieder der islamischen Ahmadiyya-Gemeinde räumen am Neujahrstag die Reste der Silvesterknallerei am Holstentor weg. Quelle: Wolfgang Maxwitat
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Innenstadt

Der Regen hat gerade nachgelassen. Windböen peitschen durch den anbrechenden Morgen. Ein paar Busse und Taxis rollen durch die menschenleeren Straßen. Eine Gruppe von Muslimen versammelt sich auf dem Holstentorplatz. Blaue Müllsäcke gehen von Hand zu Hand, Schaufeln und Besen werden verteilt. Die Gruppe von rund 30 Männern und Jugendlichen macht sich an die Arbeit. „Unser Ziel ist, den Platz so sauber zu machen, als wäre hier gar nicht gefeiert worden“, sagt Farid Ahmed.

Während sich die allermeisten Lübecker noch im Bett herumdrehen, reinigt die islamische Ahmadiyya-Gemeinde die Innenstadt. Um 6.40 Uhr haben sich die Muslime in ihrer Moschee in der Straße Kaninchenborn getroffen. Gemeinsam wurde gebetet, dann gab es Tee und ein schnelles Frühstück. Dann ging es in die Innenstadt. „In den vergangenen Jahren waren die Plätze und Straßen, die wir reinigen durften, verhältnismäßig sauber“, berichtet Farid Ahmed, der für den interreligiösen Dialog der kleinen Gemeinde zuständig ist. Deshalb baten die Muslime die Entsorgungsbetriebe Lübeck (EBL), dass sie am Neujahr 2019 den Platz vor dem Holstentor putzen dürfen. Khalid Mahmood, amtierender Präsident der 162 Mitglieder zählenden Gemeinde, war dieser Platz als besonders schmutzig aufgefallen – nach Silvesterfeiern.

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Muslime räumen den Silvesterdreck weg

Khalid Mahmood, der ursprünglich aus Pakistan stammt und seit 30 Jahren in Deutschland lebt, hat Recht behalten. Während in der Holstenstraße, auf dem Kohlmarkt und in der Sandstraße relativ wenig Dreck liegt, hat die Feier zum Jahreswechsel am Holstentor jede Menge Spuren hinterlassen. Überall liegen Plastiktüten, in denen Raketen steckten, überall stehen leergeschossene Batterien, überall liegen vermatschte Böllerreste.

Auffällig viele junge Männer sind unter den freiwilligen Neujahrsputzern. In der islamischen Gemeinde gebe es verschiedene Projekte, und es sei Aufgabe der Ahmadiyya-Jugend, den Neujahrsputz zu organisieren, erklärt Farid Ahmed. Der 18-jährige Moeen Sethi, der in Lübeck geboren ist, hat zusammen mit der Jugendgruppe ein Transparent gefertigt, das sich gut für das Pressefoto eignet. „Ohne Gegenleistung zu helfen, das ist uns wichtig“, sagt Moeen Sethi, „das schafft innere Zufriedenheit.“

Den Dreck der anderen wegzumachen, verschafft innere Zufriedenheit? „Wir wollen etwas Gutes tun für die Stadt, in der wir leben“, sagt Farid Ahmed, „wer von den Menschen, die gefeiert haben, steht um diese Zeit auf, um zu putzen?“ Die Muslime der Ahmadiyya-Gemeinde haben nicht gefeiert – und als Islame trinken sie schon gar keinen Alkohol. Doch selbst nüchtern und ausgeschlafen ist dieser Job kein Vergnügen.

Neujahrsputz in vielen Kommunen bundesweit

„Für uns ist der Neujahrsputz bereits Tradition“, erklärt der amtierende Präsident Khalid Mahmood. Seit 20 Jahren greifen Muslime dieser Gemeinde am Neujahrsmorgen zu Schaufeln und Besen. Und das nicht nur in Lübeck. In der ganzen Republik räumen Muslime den Dreck der Silvesterfeiern weg. Farid Ahmed: „In Hamburg sind unsere Gemeinden in mehreren Stadtteilen dabei, auch in Bad Segeberg putzen wir.“

Nach einer Stunde sieht der Platz vor dem Holstentor wieder so aus wie vor der großen Jahresend-Sause. Etliche blaue Säcke werden an einer Stelle vor dem Wahrzeichen gestapelt. „Die Säcke holen die Entsorgungsbetriebe ab“, erklären die Gemeindemitglieder. Für sie ist der Neujahrsputz auch ein Ausdruck von Integration.

Der Imam denkt und träumt auf Deutsch

„Patriotismus und Heimatliebe sind uns sehr wichtig“, versicherte Imam Behzad Ahmed Chaudhry schon im Frühjahr 2018, als die Ahmadiyya-Gemeinde eine Aufklärungskampagne startete. „Ich denke und träume auf Deutsch“, sagte Chaudhry damals. Der Imam ist in Deutschland geboren und in Schleswig-Holstein für acht Gemeinden zuständig. Ihre Reformgemeinde stehe für Toleranz, Weltoffenheit und Miteinander, sagt Farid Ahmed, der für den interreligiösen Dialog zuständig ist.

Und wie reagieren Passanten, die die Muslime bei der Aufräum-Arbeit sehen? Schwer zu sagen, es sind ja kaum Leute am Neujahrsmorgen unterwegs. Der amtierende Präsident Khalid Mahmood: „Wenn Leute vorbeikommen, dann bedanken sie sich.“

Kai Dordowsky

02.01.2019
31.12.2018