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Lübeck Missbrauch: Ein Opfer erinnert sich an die Hölle
Lokales Lübeck Missbrauch: Ein Opfer erinnert sich an die Hölle
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11:30 18.03.2019
Rudolf Kastelik wuchs in Heimen auf und wurde dort misshandelt. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Als Kind hatte Rudolf Kastelik furchtbare Angst vor der Hölle. Die Priester in den katholischen Kinderheimen malten sie in ihren Predigten in den grellsten Farben, erinnert er sich: „Wir kommen aufs Feuer, und das ewige Feuer wird nicht ausgehen.“ An diese Hölle glaubt er schon lange nicht mehr. Aber die Hölle, in der er seine Kindheit und Jugend verbrachte, die brennt noch in seinem Innern. Die Schläge, der Essensentzug, die Demütigungen – und das Schlimmste von allem, der sexuelle Missbrauch.

In 16 Heimen aufgewachsen

Rudolf Kastelik wurde am 29. März 1948 in Lübeck geboren, das steht auf seiner Geburtsurkunde. Er hatte einen Zwillingsbruder, der 2016 starb, und fünf, sechs, sieben weitere Geschwister, genau weiß er es nicht. Seine Eltern hat er nie kennengelernt. Er durchlief 16 Heime und Pflegefamilien, mal mit seinem Zwillingsbruder, mal ohne ihn. Die meisten Heime waren katholisch. Seine ersten deutlichen Erinnerungen führen nach Weihe, einem Heidedorf südlich von Hamburg. „Wir wurden von den Nonnen geschlagen“, erzählt er. „Für alles. Für jede Kleinigkeit. Lachen war verboten, Reden war verboten, alles war verboten. Wenn Sie sich beschwert haben, haben Sie noch mehr Schläge gekriegt.“

Manchmal wurde auf dem Gelände ein Wohnwagen aufgestellt. Rudolf Kastelik, damals zwischen sechs und acht Jahren alt, musste hineingehen. Angeblich für Beichte, Gebet oder geistliche Übungen. In Wahrheit aber, erinnert sich Kastelik, wartete in dem Wohnwagen ein Priester, der sich Jungen zuführen ließ, um sich an ihnen sexuell zu vergehen. Es gab niemanden, mit dem Rudolf Kastelik darüber reden konnte. „Sie haben ja nur geweint Tag und Nacht“, sagt er, das Wort „ich“ vermeidend, „es war ja keiner da.“

Später kam er in das katholische Jungenheim Bernwardshof in Hildesheim. „Da war’s noch schlimmer.“ Kastelik erinnert sich an Schikanen und Schläge, vor allem aber an den Direktor, zu dem die Jungen manchmal gerufen wurden. „Der hatte Schlaginstrumente, alles Mögliche – das war ein ganz Perverser.“

Zum Schlafen in den Schweinestall

Auch in einem evangelischen Heim in Eckernförde habe er sexualisierte Gewalt erlitten. „Das war eher versteckter Missbrauch – mit Prügel und Ausziehen.“ Mit ungefähr zwölf Jahren kam er in ein von Franziskanerinnen geführtes Heim in Bad Oldesloe. Eine übliche Bestrafung war es dort nach seiner Erinnerung, Kinder zum Schlafen in den Hühner- oder Schweinestall zu schicken. Und dann waren da die gefürchteten „Exerzitien“ im Priorat St. Ansgar, besser bekannt unter dem Namen Kloster Nütschau. Dort wartete ein Geistlicher auf die Jungen, der extra gekommen waren, um sie sexuell zu missbrauchen. Es begann am Tag mit „Gewissenserforschung“. „Das sechste Gebot“, erinnert sich Kastelik, „das hat die besonders interessiert.“ Und es hörte nachts im Schlafsaal nicht auf. Noch heute fällt es Kastelik schwer, das Gelände in Nütschau zu betreten. „Die Holzbrücke – “, sagt er, „da fing die Hölle an. Da fange ich immer an zu zittern.“

Kastelik wurde Sozialpädagoge. Er wollte es besser machen als die, die ihn gequält hatten. Aber über den sexuellen Missbrauch seiner Kindheit sprach er Jahrzehnte lang mit niemandem, nicht einmal mit seiner Frau. Die wenigen Versuche waren für ihn entmutigend. „Hauen Sie ab“, hatten ihm schon die Polizisten gesagt, bei denen er 1965, als 17-Jähriger, Anzeige erstatten wollte.

Späte Aufarbeitung

2010 kam der Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg, einem katholischen Gymnasium in Berlin, ans Licht. Plötzlich war das Thema in der Öffentlichkeit angekommen, und für Rudolf Kastelik begann ein neues Leben. Kein leichteres. „Vor 2010 ging’s mir besser“, sagt er. „Das war verdrängt.“ Das ging nun nicht mehr. Kastelik fing an, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Nicht nur seine eigene, sondern auch die der anderen Missbrauchsopfer der letzten Jahrzehnte. „Was ich mache, ist Eigentherapie vermischt mit Öffentlichkeitsarbeit“, sagt er.

Seine Arbeit führte ihn mit dem Weißen Ring zusammen, mit evangelischen und katholischen Bischöfen, mit Politikern, mit Würdenträgern aus dem Vatikan. Er hat Entschädigungszahlungen bekommen, 25 000 von der evangelischen, 5000 von der katholischen Kirche. „Entschädigen kann man das gar nicht“, sagt er, „wichtig ist die Anerkennung des Leids.“ Und die, sagt er, habe er von der evangelischen, aber nicht von der katholischen Kirche bekommen. Die 5000 Euro seien ausdrücklich ohne Anerkennung einer Schuld gekommen.

Nur allgemeine Formulierungen

Sehr genau hat er die Beratungen der Deutschen Bischofskonferenz verfolgt, die vergangene Woche in Lingen tagte. Er habe den Eindruck, dass sich etwas ändere, bleibt aber skeptisch: „Es wurden nur allgemeine Formulierungen verabschiedet“, sagt er. Er wünscht sich Gedenkorte für ihn und die anderen Opfer – und Zeitzeugengespräche in Veranstaltungen der katholischen Kirche. „Öffentlich, nicht nur hinter verschlossenen Türen.“

Hanno Kabel

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