Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Jung, weiblich, Kapitän: Lübeckerin auf großer Fahrt
Lokales Lübeck Jung, weiblich, Kapitän: Lübeckerin auf großer Fahrt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:00 23.06.2019
Kapitänin Silke Muschitz (32) führt in ihrer Freizeit manchmal das Steuer der „Fehmarnbelt“. Quelle: Lutz Roeßler
Anzeige
Lübeck

Auf der Brücke der „Fehmarnbelt“ ist die alte Seefahrt noch lebendig. Es gibt ein großes, hölzernes Steuerrad, einen messingummantelten Telegrafen, mit dem Befehle an die Maschinisten übermittelt werden, Sprachrohre aus Eisen, die in den Maschinenraum, den Funkraum und die Kapitänskammer führen. Wenn sie Urlaub hat und zu Hause in Lübeck ist, fährt Kapitänin Silke Muschitz gern auf dem alten Schiff mit. „Als Steuerfrau“, will sie sagen und korrigiert sich: „Steuermann“. Steuermann, Steuerfrau: Welche Bezeichnung ist richtig? „Damit muss man sich nicht lange aufhalten“, sagt sie. „Es ist eine Berufsbezeichnung. Entscheidend ist, was man macht.“

Einmal um die Welt auf der „Chicago Express“

Silke Muschitz aus Lübeck ist eine von zwei Kapitäninnen der großen Hamburger Reederei Hapag-Lloyd und mit 32 Jahren unter den 120 Kapitänen des Unternehmens die jüngste. Vor einem halben Jahr hat sie ihr Kapitänspatent empfangen. Bald darauf ging sie für dreieinhalb Monate auf eine große Fahrt, die sie buchstäblich einmal um die Welt führte: Von Barcelona durchs Mittelmeer und den Suezkanal nach Asien und Amerika, durch den Panama-Kanal, über den Atlantik zurück nach Europa. Das SchiffChicago Express“, für das sie verantwortlich war, ist 335 Meter lang und hat eine Maschine, deren Leistung mehr als 150-mal größer ist als die der „Fehmarnbelt“.

Anzeige

Reederei mit Tradition

Die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd verfügt über 235 Containerschiffe und beschäftigt 13 000 Mitarbeiter, davon 2000 auf See.

Gegründet wurde die Hapag 1847 als Reederei für Passagiere, die in die USA auswandern wollten.

1970 vereinigte sie sich mit dem 1857 gegründeten Bremer Konkurrenz-Unternehmen Norddeutscher Lloyd.

Etwa 120 Kapitäne fahren auf Schiffen der Hapag-Lloyd, darunter zwei Frauen. Das Durchschnittsalter der Kapitäne liegt bei etwa 45.

Tochter eines Diplomaten

Geboren wurde Silke Muschitz in Salzburg. Ihr österreichischer Vater war Diplomat, und so wuchs sie an ständig wechselnden Orten auf der ganzen Welt auf und ging auf deutsche Auslandsschulen. Aus ihrem Hochdeutsch lässt sich kein regionaler Akzent heraushören. „Ich komme aus einer Familie, wo niemand was mit Seefahrt zu tun hat“, sagt sie. Ihr Berufswunsch stand seit ihrer Kindheit fest: „Ich hatte immer nur ein Ziel vor Augen.“ Nach Lübeck zog sie schon vor neun Jahren, als sie ihr Studium abgeschlossen hatte. „Ich wollte ans Meer und fand die Stadt schön.“ Ihre Eltern fanden das auch und folgten der Tochter.

„Eingeschworene Gemeinschaft an Bord“

Schon immer hätten Schiffe sie fasziniert, sagt Muschitz. „Das ist eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft an Bord. Wie eine kleine Familie – mit allem, was in einer Familie geschehen kann. Man hat nicht viele Möglichkeiten, den Leuten aus dem Weg zu gehen.“ Konflikte entstünden, wie in einer richtigen Familie, meistens aus Lappalien: „Einer hat dem anderen nicht richtig guten Morgen gesagt, solche Sachen.“ Was machen Kapitäninnen anders als Kapitäne? Silke Muschitz hat darauf keine allgemeine Antwort. „Jeder Kapitän hat seinen eigenen Stil“, sagt sie. „Ob es ein Mann oder eine Frau ist, spielt keine Rolle.“

Kapitän als Vorbild

Auf der „Chicago Express“ war sie nicht nur für die 23-köpfige Stammbesatzung, sondern außerdem für zwölf Auszubildende verantwortlich. Ihr Stil, wie sie selbst ihn beschreibt, ist klar und selbstbewusst. „Einer hat den Hut auf, einer hat die Verantwortung. Ich hab’ am Anfang klar gesagt, wie ich mir die Reise vorstelle.“ Um als Respektsperson akzeptiert zu werden, seien drei Eigenschaften entscheidend: „Es kommt darauf an, dass man fair ist, tolerant und kompetent.“ Sie will durch ihr Vorbild auf andere wirken, nicht durch ihre Stellung. „Wenn ich schlecht geschlafen habe und das alle wissen lasse, dann trägt das nicht zum Bordfrieden bei.“ An Bord bemüht sie sich, den Zusammenhalt zu stärken. Sie nennt ein Beispiel: „Die gemeinsame Gestaltung von Grillabenden, das ist für die ganze Mannschaft ein Highlight.“

Beim Segeln ist sie einfaches Crewmitglied

Warum es nur so wenige Kapitäninnen gibt – dafür sucht sie selbst nach einer Antwort. „Es ist doch am Ende des Tages ein technischer Beruf“, sagt sie und vermutet: „Das schreckt viele Frauen leider ab.“ Aber sie sieht Zeichen für eine Veränderung. Auf der letzten Ausbildungsfahrt, auf der sie als Erste Offizierin mitfuhr, seien acht von 36 Offiziersassistenten Frauen gewesen. Akzeptanzprobleme habe sie nicht erlebt, sagt sie. „Im ersten Moment gibt es bei manchen Lotsen oder Agenten eine kleine Schrecksekunde: Oh, eine junge Frau! Aber wenn man zeigt, dass man seine Aufgabe versteht, macht das nicht mehr viel aus.“

Glück, sagt sie, empfinde sie jedes Mal, wenn ihr Schiff auslaufe. „Das Schiff ist nicht dafür gebaut, im Hafen zu liegen.“ Auch im Urlaub ist sie gern auf dem Wasser – am Steuer der „Fehmarnbelt“ oder auf einem Segelboot. Wenn sie Zeit hat, nimmt sie gern an Regatten auf der Ostsee teil. Dann allerdings als einfaches Crewmitglied: „Da ist Urlaub. Ich tu’, was der Skipper verlangt.“

Hanno Kabel