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Lokales Lübeck Lübeck als Partner für den russischen Mittelstand? Hier gibt es Potenzial
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06:00 15.07.2019
Eine 26-köpfige Delegation aus Lübeck weilte im russischen Pskow zum 39. Hansetag. Auf dem Foto sind die Politiker Jörn Puhle (v. l.), Gabriele Friemer, Bastian Langbehn, Dagmar Hildebrand, Jan Lindenau, Thomas-Markus Leber, Thomas Misch und Ragnar Lüttke zu sehen. Quelle: Jan Lindenau/HFR
Lübeck/Pskow

Eine weite Anreise hatte die lübsche Delegation aus Politikern, Tourismusexperten und Künstlern. Der 39. Hansetag fand vom 27. bis 30. Juni im russischen Pskow statt, das ungefähr so viele Einwohner wie Lübeck zählt und etwa 290 Kilometer südwestlich von Sankt Petersburg und nahe der Grenze zu Estland liegt.

Bürgermeister Jan Lindenau (SPD) als Vormann der Hanse nutzte die Reise, um mit den russischen Gastgebern auch über künftige, wirtschaftliche Kontakte zu sprechen. Seit Monaten führt Lindenau Gespräche mit Vertretern der Handelskammer in St. Petersburg. „Russische Firmen von der Möbelindustrie über die Ernährungswirtschaft bis zur Bekleidungsindustrie wollen nach Deutschland“, erklärt der Bürgermeister gegenüber den LN. Die russischen Gesprächspartner hätten bereits in mehreren deutschen Städten vorgefühlt. Lindenau hat den Russen klargemacht: „Lübeck ist der potenzielle Partner für den russischen Mittelstand.“

Hansetag in Pskow

Pskow empfing beim 39. Hansetag vom 27. bis 30. Juni Besucher aus 80 Hansestädten und zwölf Staaten Europas. Die Delegierten des Städtebundes entschieden unter anderem über die Aufnahme von vier Städten – darunter die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover, die aufgenommen wurde. Themen waren Tourismus, Wirtschaft, Umwelt und fairer Handel. Alle teilnehmenden Städte präsentierten sich mit handwerklichen Produkten, kulinarischen Spezialitäten und touristischen Informationen.

Es soll nicht bei Worten bleiben, es sollen Taten folgen. Lübeck plant für 2020 voraussichtlich in der MuK eine mehrtägige Verbraucher- und Fachmesse, auf der sich russische Firmen vorstellen können. Die Idee stellte Lindenau auch in Pskow vor. Der Bürgermeister: „Mehrere Firmen, die auf dem Hansetag dabei waren, wollen sich an der Messe beteiligen.“ Problematisch seien bürokratische Hürden. Auch das hat Lindenau in Pskow angesprochen. „Wir brauchen deutliche Erleichterungen bei der Erteilung von Visa“, schrieb er den Gastgebern ins Stammbuch.

Zum Thema: Lübeck wirbt um Handel mit Russland - wie kommt das im Norden an?

„Häufig unliebsame Überraschungen“

„Das russische Recht ist durchweg nie eindeutig und lässt regelmäßig zielabhängige Interpretation zu“, bestätigt Rüdiger Schacht, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer zu Lübeck (IHK), „das gilt besonders für das öffentliche Recht mit häufig unliebsamen Überraschungen für Wirtschaftsakteure.“

So war der Hansetag im russischen Pskow

Beziehungen zu Russland sind auch für den Lübecker Hafen wichtig. Deshalb sprach Lindenau die Anbahnung neuer Geschäftsbeziehungen auch auf der Auftaktveranstaltung zur Hafenentwicklungsplanung wenige Tage nach der Rückkehr aus Pskow an. Er glaube fest daran, dass sich die EU-Sanktionen gegen Russland wegen der Krim-Annektion und der Ukraine-Krise ändern werden, erklärte der Bürgermeister vor der versammelten Hafenwirtschaft. Und darauf müsse sich Lübeck vorbereiten.

IHK: Entscheidungen müssen aus Berlin und Brüssel kommen

„Der Lübecker Hafen hat sich nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes zur logistischen Drehscheibe des Handels zwischen Mitteleuropa und dem Ostseeraum entwickelt“, bestätigt IHK-Vize Schacht, „auch die Unternehmen im HanseBelt haben Teile ihrer Geschäfte nach Skandinavien und Russland ausgerichtet.“ Lübeck sei an einer Normalisierung der Handelsbeziehungen mit Russland interessiert, sagt Schacht: „Allerdings ist die Handelspolitik Angelegenheit der EU-Kommission und damit auch die Sanktionspolitik. Die Entscheidungen, auf die die Wirtschaft wartet, müssen aus Berlin und Brüssel kommen.“

Die Auswirkungen der Sanktionspolitik der EU gegenüber Russland wegen der Ukraine-Krise und der Annektion der Krim hält der IHK-Vize für überschaubar. Das sieht man in den östlichen Bundesländern anders. Im Juni preschte der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) mit der Forderung vor, dass die Sanktionen abgeschafft werden sollte. Beifall gab es auch aus Mecklenburg-Vorpommern.

Lindenau sieht die Lübecker Bestrebungen im Einklang mit der Bundesregierung. Im Juni haben Deutschland und Russland erstmals seit Inkrafttreten der Sanktionen auf Regierungsebene eine intensivere wirtschaftliche Zusammenarbeit vereinbart. Es gebe ein erhebliches Potenzial, um die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu vertiefen, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in St. Petersburg. Auch der Lübecker Bürgermeister ist überzeugt, „dass Europa nur mit der Öffnung zu Russland an Bedeutung gewinnen kann“.

Kai Dordowsky