Lübeck: Seuchen und Pestilenzen im Mittelalter
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Lübeck 670 Jahre vor Corona: Als die Pest nach Lübeck kam
Lokales Lübeck 670 Jahre vor Corona: Als die Pest nach Lübeck kam
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10:28 25.05.2020
Ein Tänzchen mit dem Tod: 1463 schuf Bernt Notke den berühmten Lübecker Totentanz, eine 26 Meter lange und fast 2 Meter hohe Wandbespannung für die Marienkirche.
Ein Tänzchen mit dem Tod: 1463 schuf Bernt Notke den berühmten Lübecker Totentanz, eine 26 Meter lange und fast 2 Meter hohe Wandbespannung für die Marienkirche. Quelle: LN-Archiv
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Lübeck

Die Pest kam über die Lübecker wie der Zorn Gottes. Sie kam aus dem Nichts, ein unsichtbarer Feind, der den sicheren Tod brachte. Die Menschen fürchteten den „schwarzen Tod“ wie der Teufel das Weihwasser. Sie konnten ihm nicht entkommen. In der Mitte des 14. Jahrhunderts erreichte er die Hansestadt, herangereist auf den Handelsrouten, die Lübeck mit der Welt verbanden.

Die Pest kam aufg Handelsschiffen und verschonte niemanden

Die Seuche rollte heran wie eine Welle, unaufhaltsam zog die Pest über Europa hinweg. Sie kam vermutlich aus der asiatischen Steppe, überzog China und Indien mit Krankheit und Tod, reiste vom Schwarzen Meer ans Mittelmeer und gelangte auf Handelsschiffen nach Europa. 1349 hatte sie die Nordseeküste erreicht, ein Jahr später war sie auch in Lübeck angekommen. Die Pest verschonte niemanden, die Bettler nicht, nicht die Handwerker und Handelsleute, und auch nicht die Lübecker Ratsherren. Im Juli und August des Jahres 1350 fiel ihr der Großteil des Rates der Stadt zum Opfer. Und kein Kraut war dagegen gewachsen, nichts half, keine Salbe und kein Trunk, keine Wickel und kein Aderlass.

Friedhof für die Pesttoten vor dem Lübecker Burgtor

Die Beulenpest bringt innerhalb von nur 24 Stunden den Tod, wer die seltenere Lungenpest bekommt, lebt höchstens noch zwei bis sechs Tage. Die Lübecker trauen sich nicht mehr aus dem Haus und begeben sich freiwillig in „Quarantäne“. Gegen die „faulen Ausdünstungen“ räuchern sie ihre Stuben aus. Wer dennoch hinaus auf die Straße muss, bindet sich zum Schutz gegen Ansteckung mit Essig getränkte Tücher vor Mund und Nase. Die Leute sterben dennoch wie die Fliegen. Es sind so viele Tote, dass sie nicht mehr alle auf den Friedhöfen der Stadt bestattet werden können; im Sommer 1350 wird vor dem Burgtor deshalb der Gertrudenfriedhof eingerichtet, um die Pesttoten aufzunehmen. Zwar gibt es neben den mehr oder weniger medizinkundigen Badern, Heilern, Hebammen und Mönchen bereits studierte Ärzte in der Stadt, doch auch sie kennen weder ein Heilmittel, noch können sie der Epidemie Einhalt gebieten.

Der heilige Rochus auf dem Antonius-Altar, der heute im St. Annen-Museum steht, mit Pestbeule auf dem Oberschenkel. Quelle: Lutz Roeßler

Pest erschien den Gläubigen als Strafe Gottes für sündiges Leben

„Im Prinzip half damals nur der Glaube auf ein besseres ewiges Leben im Jenseits“, sagt St. Annen-Museumsleiterin Dagmar Täube. „Die Pest, die Lübeck während des Mittelalters in Wellen heimsuchte, erschien den Gläubigen als eine Strafe Gottes für ihr sündiges Leben.“ 1367, während der zweiten Pestwelle, wurden 274 Testamente zugunsten der Kirche hinterlegt – doppelt so viele wie 1350. Ein Ablasshandel, der den Weg ins Paradies sichern sollte. Und so mancher warf noch in höchster Todesnot sein Geld und Gold einfach über die Kirchenmauer, um so dem Fegefeuer zu entkommen, das ihn vermeintlich erwartete. Die wohlhabenden Familien stifteten gleich ganze Altäre wie 1522 den Antonius-Altar für die Klosterkirche des Burgklosters. Er ist dem Schutzpatron der Armen und Kranken gewidmet und wurde von einer Gemeinschaft reicher Lübscher Kaufleute gestiftet, die sich der Armen- und Krankenpflege gewidmet hatte.

Buch-Tipp

Der Historiker Till Bendikowski beschreibt detailliert das Leben im Mittelalter: „Ein Jahr im Mittelalter. Essen und Feiern, Reisen und Kämpfen, Herrschen und Strafen, Glauben und Lieben“, C. Bertelsmann, 28 €

Dass auch hier die Furcht vor der Pest einen Anstoß für die großzügige Spende gegeben haben könnte, zeigt sich daran, dass ein Stigma der Seuche in die Gestaltung der Bildschnitzereien im Zentrum des Altars Eingang gefunden hat: Im Mittelschrein steht als zentrale Figur der heilige Antonius im Gewand eines Mönches; zu seinen Füßen lauert der Teufel. Rechter- und Linkerhand begleiten Antonius zwei weitere Pestheilige: Rechts Sebastian mit Pfeil und Bogen, links Rochus, auf dessen Oberschenkel deutlich sichtbar eine Pestbeule blüht.

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Von Regine Ley

25.05.2020
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