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Lübeck Lübeck: Stadt räumt Obdachlosen-Camp am Weihnachtsmarkt
Lokales Lübeck Lübeck: Stadt räumt Obdachlosen-Camp am Weihnachtsmarkt
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16:37 04.12.2019
Mitten in der Lübecker Fußgängerzone: Obdachlose haben ihr Lager aufgeschlagen vor dem Eingang des Kaufhauses an der Breiten Straße Ecke Beckergrube. Früher haben dort Esprit und S.Oliver Klamotten verkauft. Vergangene Woche hat die Stadt das Camp geräumt. Jetzt ist es wieder da. Quelle: Josephine von Zastrow
Innenstadt

Ein Ereignis – zwei Darstellungen: Es geht um ein Obdachlosen-Camp in der Fußgängerzone. Das Lager ist am Eingang des leer stehenden Gebäudes in der Breiten Straße Ecke Beckergrube aufgeschlagen. Früher haben dort Esprit und S. Oliver Klamotten verkauft. Das Camp befindet sich direkt hinter den Weihnachtsmarkt-Buden.

Fakt ist: Die Stadt hat den Schlafplatz in der vergangenen Woche geräumt, am Freitag, 29. November. Daraus hat sich eine emotionale Facebook-Debatte entwickelt. Fakt ist auch: Inzwischen campieren die Obdachlosen wieder an derselben Stelle.

Stadt: „Räumung hat nichts mit Weihnachtsmarkt zu tun“

Die Sicht der Stadt: Immer wieder haben andere Obdachlose dort übernachtet. Teilweise in ihren eignen Fäkalien. „Es hat gestunken“, berichtet Innensenator Ludger Hinsen (CDU). Die Stadt habe drei Wochen lang mit den Obdachlosen gesprochen, sie auf Schlafplätze und Hilfsangebote hingewiesen. Alle sechs Termine hat sie genau dokumentiert. Dann tauchten die Obdachlosen nicht mehr auf. Die Stadt hat die Räumung des Lagers angekündigt und den Unrat entsorgt.

Lesen Sie hier: Lübeck ist nicht mehr Hochburg für Obdachlose

Die Entsorgungsbetriebe (EBL) haben es mit einem Greifarm auf einen Pick-up-Wagen geladen. Hinsen stellt klar: „Das hat weder etwas mit dem Weihnachtsmarkt zu tun noch mit der Innenministerkonferenz.“ So war es in einigen Facebook-Kommentaren gemutmaßt worden. Hinsen: „Ich hätte das Lager auch im Sommer geräumt.“ Denn ein Lager aufzubauen sei verboten.

„Ich hätte das Lager auch im Sommer geräumt.“ Innensenator Ludger Hinsen (CDU) Lübeck Quelle: Lutz Roeßler

Obdachlosenhilfe: „Die Geschichte ist erstunken und erlogen“

Die Sicht der Obdachlosenhilfe ist anders: Vor dem Eingang des leeren Gebäudes lebt ein Paar. Die Obdachlosenhilfe begleitet es seit mehreren Wochen. Es sei definitiv nicht dreckig gewesen. „Das ist erstunken und erlogen“, sagt Jan Rühmling, Vorsitzender des Vereins.

Die Stadt habe am 26. November eine Ankündigung zur Räumung am Camp hinterlassen – und drei Tage später alles weggebracht. „Die Menschen haben nichts mehr.“ Außerdem: Zu keiner Zeit habe die Stadt den Kontakt zur Obdachlosenhilfe gesucht, es habe keine Hilfsangebote gegeben. „Hier wird mit Falschaussagen eine Aktion zur Säuberung der Stadt gedeckelt“, so Rühmling. „Es gibt Menschen, die nicht ins Heim wolle.“ Dort gebe es Gewalt, Diebstahl, schwierige hygienische Zustände.

„Hier wird mit Falschaussagen eine Aktion zur Säuberung der Stadt gedeckelt.“ Jan Rühmling, Vorsitzender Verein Obdachlosenhilfe Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Obdachlose: Das Camp ist wieder da

Was stimmt? Die LN haben mit der Obdachlosen vor Ort gesprochen. Denn der Lagerplatz vor den beiden ehemaligen Klamottengeschäften ist wieder eingerichtet. „Es ist alles weg – auch die Bilder meines Sohnes“, sagt Nina (Name von der Redaktion geändert). Die hatte sie in einem Koffer aufbewahrt. Die 36-Jährige sitzt auf der Stufe vor dem neuen Camp. Hinter hier ist jemand in einen Schlafsack eingerollt. Ihr Partner? „Früher einmal“, sagt sie.

So ist die Räumung des Obdachlosen-Camps in der Lübecker Fußgängerzone abgelaufen.

Verkettung unglücklicher Umstände

Was ist passiert? Es klingt wie die Verkettung unglücklicher Umstände. Nina ist ohne Ticket im Bus gefahren, hat die anschließende Geldstrafe nicht bezahlt und musste für sechs Tage in Haft. Da saß sie ein von Sonntag, 24. November, bis Freitag, 29. November. In der Zwischenzeit hatte die Stadt die Ankündigung der Räumung an dem Camp platziert – am Dienstag. Drei Tage später hat sie alles geräumt – am Freitag. Als Nina an dem Tag wieder aus dem Gefängnis kam, war alles weg.

Am Freitag, 29. November: Die Stadt räumt das Obachlosen-Camp in der Fußgängerzone. Die Habseligkeiten werden mit einem Greifarm auf den Wagen der Entsorgungsbetriebe geladen. Quelle: privat

Nina: „Ich komme mit der Obdachlosigkeit nicht klar“

Die Obdachlosenhilfe habe sie mit neuen Sachen ausgestattet, erzählt Nina. Hilfsangebote von der Stadt habe sie nicht bekommen. Das einzige Obdachlosenheim für Frauen sei überfüllt. Da sei sie gewesen. Nina: „Ich bin jetzt auf der Warteliste.“ Die Frau ist seit 11. April auf der Straße. Nina: „Ich komme mit der Obdachlosigkeit nicht klar.“ Sie beziehe Hartz IV, habe versucht, seit Längerem eine Wohnung zu bekommen. Vergebens. Nina: „Die bevorzugen andere Leute.“

CDU: „Die Stadt war nicht herzlos“

Die Politiker sind ratlos. „Es ist nicht so, dass die Stadt herzlos gehandelt hat“, sagt Carsten Grohmann (CDU). Es sei traurig, wenn Menschen in ihren eigenen Fäkalien auf der Straße schlafen. „Wir müssen unsere Hilfsangebote bekannter machen.“ Ingo Schaffenberg (SPD): „Es laufen keine Sheriffs durch die Stadt und machen den Obdachlosen das Leben schwer.“ Es gebe etliche Angebote für Obdachlose. Aber: „Es gibt auch das Recht sie nicht anzunehmen.“

„So stellen wir uns das Zusammenleben in unserer Stadt nicht vor.“ Michelle Akyurt, Grünen-Fraktionschefin Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Grüne: „Wir müssen Obdachlose im Straßenbild akzeptieren“

Klare Aussage von den Grünen: „Wir müssen akzeptieren, dass Obdachlose in unser Straßenbild gehören“, sagt Fraktionschefin Michelle Akyurt. Es sei wichtig sei, mit den Menschen zu sprechen. Die Räumung eines Obdachlosen-Camps findet sie problematisch. Akyurt: „So stellen wir uns das Zusammenleben in unserer Stadt nicht vor.“

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Von Josephine von Zastrow

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