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Lübeck Autos und die Altstadt: Das sagen Lübecker
Lokales Lübeck Autos und die Altstadt: Das sagen Lübecker
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09:57 19.11.2018
Große Burgstraße: Durchgangsverkehr und parkende Autos am Straßenrand. Quelle: Hanno Kabel
Innenstadt

An der Debatte um die Vorschläge, die aus der Planungswerkstatt hervorgegangen sind, beteiligen sich Politiker, Anwohner, Geschäftsleute und Pastoren.

Ulrich Pluschkell,Verkehrsexperte der SPD-Fraktion: „Anfang der 80er Jahre endete die Verkehrsdebatte in einem Fiasko, weil die Debatte so emotional geführt wurde. Die Debatte, wie sie jetzt organisiert ist, ist recht differenziert und sachlich. Es ist ganz gut, dass man sich dieser Sache nun schrittweise nähert. Die Verwaltung hat einen guten Job gemacht.“

Olivia Kempke,Vorsitzende des Lübeck-Managements: „Wir reden über reinen Durchgangsverkehr. Die, die durch die Altstadt fahren, weil sie meinen, das geht schneller, die haben nicht das Ziel, die Innenstadt zu erreichen. Wenn wir mehr Shared-Space-Bereiche hätten, würde ich als Autofahrer diese Strecke nicht mehr nutzen, wenn ich es nicht müsste.“

Thomas Witt, Anwohner, Inhaber eines Installateurbetriebs an der Beckergrube: „Ich habe Kunden, zu denen ich hinfahren muss, und meine Lieferanten müssen ja auch zu mir kommen. Mich stört der Durchgangsverkehr nicht. Die Schlafräume sind nach hinten raus.“

Jannik Schrödter, Rezeptionschef im Hotel Ko15 am Koberg: „Ohne den Durchgangsverkehr findet das Walk-in-Phänomen nicht mehr statt. Solche Gäste machen bei uns einen hohen Anteil aus. Ich bin mit dem Koberg sehr zufrieden. Was gewinnen wir an Attraktivität, wenn auf dem Koberg nichts mehr los ist?“

Astrid Lindberg,Mitinhaberin des Hotels an der Marienkirche (Schüsselbuden): „Die Hotels leben davon, dass die Stadt einzigartig ist. Lübeck hat ein richtig üppiges touristisches Potenzial, wenn nicht mehr so viele Blechkisten rumstehen. Die Laufkundschaft hat nachgelassen. Vom Durchgangsverkehr profitieren wir nicht. Mehr als 80 Prozent kommen übers Internet.“

Gerlinde Zielke, Sprecherin des Stadtverkehrs: „Schöne Plätze und eine Beruhigung der Altstadt sind für uns ganz wichtig. Aber es steigen täglich 40 000 Fahrgäste auf der Altstadtinsel ein oder aus. Diese Massen kriegt man nicht auf kleine Fahrzeuge umgelegt. Man kann sich ausrechnen, wie viele davon dann fahren müssten. Es gäbe mehr Verkehr, nicht weniger. Man sollte den öffentlichen Nahverkehr nicht ganz aus der Königstraße wegnehmen. Eine Haltestelle vor dem Karstadt-Haus – danach würden sich andere Städte die Finger schlecken. Bei Alternativrouten ist außerdem das Problem, dass wir ringsum Wasser haben und deshalb ziemlich weit nach außen rücken müssten. Die Parkflächen am Straßenrand sollten aus der Königstraße verschwinden. Damit werden ja falsche Hoffnungen geweckt.“

Hans-Jürgen Frick, Betreiber eines Bekleidungsgeschäft an der Beckergrube und Präsidiumsmitglied des Handelsverbands Nord: „Es soll immer der zweite Schritt vor dem ersten gemacht werden. Wir sind uns einig: Wer von Travemünde kommt und nach Stockelsdorf will, der muss nicht durch die Stadt fahren. Aber wo sind die Alternativen? Das erhöht nur den Schleichverkehr, so dass es viel schlimmer ist als vorher. Die Anwohner sagen: ,Alle Autos sollen raus, nur unsere eigenen nicht.’ Aber dann muss man auch die fragen, die in der Innenstadt ihr Geld verdienen müssen.“

Christoph König, Geschäftsführer eines Outdoor-Geschäfts in der Königstraße: „Für mich ist es nicht wichtig, dass der Bus direkt vor meiner Ladentür hält. Bei uns kommt kaum ein Kunde mit dem Auto. Für mich sind andere, gut frequentierte Läden in der Umgebung wichtig. Mein Geschäft in Göttingen liegt in einer Fußgängerzone – das ist kein Nachteil.“

Autofrei, verkehrsberuhigt oder wie gehabt? Die LN haben Bürger in der Innenstadt nach ihrer Meinung zu den aktuellen Vorschlägen gefragt.

Arne-Matz Ramcke,Verkehrsexperte der Grünen-Fraktion: „Ich würde es gut finden, wenn wir die Stadt über einen Ring erschließen würden und nur ganz wenige Busse in die Innenstadt fahren ließen. Am Straßenrand sollte es nur noch Anwohnerparkplätze geben. Ich bin aber kompromissbereit. Ich hab’ ja auch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen. Der Durchgangsverkehr ist das Überflüssigste, was wir im Moment haben in der Altstadt. Eine Option, von der ich wünsche, dass man sie prüft, wäre eine zusätzliche Straße, die von der Fackenburger Allee über den Stadtgraben führt – auch für den motorisierten Verkehr.“

Oliver Prieur, CDU-Fraktionschef: „Das sind sehr einseitige Lösungen. Ich komme aus Kücknitz. Wenn die Leute von dort nicht in die Altstadt reinfahren können, dann fahren sie eben woanders hin. Der Suchverkehr der Anlieger verstopft die Innenstadt auch. Das, was in der Planungswerkstatt diskutiert wurde, sind die Wünsche der Altstadtbewohner: ,Wie können wir es uns hier hübsch machen? Wir wollen unsere Ruhe haben.’ Aber urbanes Wohnen war schon immer mit Trubel verbunden.“

Robert Pfeifer,Pastor an St. Marien: „Wir müssen darauf achten, dass wir einen hohen Standard bekommen, was die Umgebung der Marienkirche angeht. Der Schüsselbuden ist eine Straße, die sehr unter dem Verkehr leidet. Diesem Bereich würde eine Beruhigung sehr gut tun. Sonst bildet sie eine Barriere zwischen der Breiten Straße und dem Gründungsviertel.“

Lutz Jedeck,Pastor an St. Jakobi: „Das ist eine gute Diskussion. Es gäbe eine ganz andere Qualität für den Koberg, einen der schönsten Plätze der Stadt. Was die Busse in der Königstraße angeht: Wenn es irgendwann mal Elektrobusse gibt, ist das ein ganz anderes Thema.“

Andreas Katschke, Geschäftsführer der Handwerkskammer: „Die Altstadt ist auch ein Wirtschaftsstandort und nicht nur ein Museum. Ich habe ein Problem damit, wenn jeder Handwerker für alles eine Ausnahmegenehmigung braucht. Wie die Zufahrt genau geregelt werden soll, das kann ich nicht richtig beurteilen. Unsere Bedingung ist aber, dass man die Betriebe in der Altstadt weiterhin mit dem Auto erreichen kann, und dass Handwerker in der Innenstadt ihre Aufträge erledigen können.“

Frauke Schreckenberg,Geschäftsführerin der Bo-Baugesellschaft an der Untertrave: „Wenn der Verkehr so geleitet wird wie in den Plänen vorgesehen, dann haben wir auf unserem Stück der Untertrave total viel Verkehr. Das wäre für uns ein Rückschritt hoch drei. Ich bin natürlich dafür, dass verkehrsberuhigte Zonen eingerichtet werden, aber man sollte nicht so fundamentalistisch da rangehen. Wir leben nicht in einem Museumsdorf, sondern in einer Stadt mit Autoverkehr.“

Lutz Nehls,Sprecher der Possehl-Gruppe (Hauptsitz an der Beckergrube): „Es gäbe dann zwar nur noch einen Weg zu unserem Haus, aber das würde uns nicht stören. Wir haben hier ja keinen Kundenverkehr. Die Frage ist: Staut sich dann alles, oder kommen weniger Autos in die Innenstadt oder fahren durch?“

Christian Schwandt, Direktor des Theaters Lübeck: „Von unseren 180 000 Besuchern kommen zirka 40 000 aus mehr als 30 Kilometer Entfernung, die meisten mit dem Reisebus. Wenn die vor dem Theater nicht mehr halten können, wird es relativ schwierig – zumal wenn auf dem jetzigen Busparkplatz an der MuK die Handballhalle gebaut wird. Aber wenn es gelingt, die Innenstadt noch weiter aufzuwerten, werden wir davon weiter profitieren, denn wir sind sozusagen der lebendige Teil der Kulturstadt Lübeck.“

Hanno Kabel