Lübeck: Tierheim nimmt mehr Igel auf als je zuvor
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Lübeck Mager, verletzt, krank: Immer mehr Igel in Lübecks Tierheim
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Lübeck: Tierheim nimmt mehr Igel auf als je zuvor

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07:04 21.11.2020
Die Tierpflegerin Julia Herklotz (30) kümmert sich darum, dass die Igel wieder ausgewildert werden können. Für „Hannes“ stehen die Chancen gut.
Die Tierpflegerin Julia Herklotz (30) kümmert sich darum, dass die Igel wieder ausgewildert werden können. Für „Hannes“ stehen die Chancen gut. Quelle: Lutz Roeßler
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Die Tierpflegerin Julia Herklotz (30) nimmt den Igel „Hannes“ vorsichtig aus dem Käfig. Auf dem Programm steht: Wiegen, Füttern, Saubermachen. Jeden Tag. Oft kommt noch die tierärztliche Versorgung hinzu. Und das in diesem Jahr für schon fast 200 kleine Igel, die im Tierheim Lübeck abgegeben wurden. Ein trauriger Rekord.

Mähroboter verletzen die Tiere

„So viele Igel hatten wir tatsächlich noch nie, im vergangenen Jahr waren es nur 140“, sagt Susanne Tolkmitt , Erste Vorsitzende des Vereins Tierschutz Lübeck und Umgebung. Für die große Anzahl gebe es drei Gründe. „Erstens gibt es immer mehr Verletzungen durch Mähroboter. Die arbeiten lautlos, schneiden den Rasen raspelkurz – und das meistens in der Dämmerung oder in der Nacht.“

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Das wird den Igeln zum Verhängnis. Denn die Tiere flüchten nicht vor dem Roboter. Sie rollen sich, wie immer bei Gefahr, zu einer Kugel zusammen und erstarren für einige Minuten. „Unerfahrene Jungtiere sind dabei besonders gefährdet, allein schon wegen ihrer geringeren Körpergröße“, betont Tolkmitt.

Igel finden zu wenig Nahrung

Der zweite Grund ist laut Tolkmitt, dass immer mehr biologisch wertlose Gärten angelegt werden. „Also Gärten ohne einheimische laubtragende Bäume oder Büsche und ohne Kräuter und Blühpflanzen“, sagt die Vorsitzende. Die Folge ist, dass in diesen Gärten kaum Nahrung für die Igel zu finden ist. So werden immer mehr abgemagerte Tiere im Tierheim abgegeben.

Julia Herklotz nimmt einen kleinen Igel aus einem der Käfige im Kleintierhaus des Tierheims. Quelle: Fotograf Lutz Roeßler

Nicht jeder kleine Igel braucht jetzt Hilfe

„Aber nicht jeder Igel, der jetzt tagsüber rumläuft und dünn aussieht, sollte zu uns gebracht werden“, betont Tierpflegerin Herklotz. Sie rät allen dringend, sich vorher zu informieren.

Wie kann man Igeln helfen?

Susanne Tolkmitt vom Tierheim Lübeck erklärt, was man für Igel tun kann. Ganz wichtig ist ein naturnaher Garten mit einheimischen Pflanzen. Außerdem: Die Grenzen zu anderen Gärten sollten möglichst mit Lattenzäunen gestaltet werden. Keine Chemie im Garten verwenden. Einen kleinen Teil der Rasenfläche nicht mähen. Natürliche Unterschlüpfe schaffen (Hecken, Holzstapel, Laubhaufen, alte Baumwurzeln). Eine flache Schale mit Wasser hinstellen, besonders in heißen, trockenen Sommermonaten. Zufüttern hilft in nahrungsarmen Zeiten. Für den Futterteller eignet sich zum Beispiel Katzendosenfutter, das mit Igeltrockenfutter oder Haferflocken vermischt wird.

Entweder auf der Internetseite des Vereins „Pro Igel e. V.“ oder telefonisch beim Tierheim Lübeck (0451/30 69 11). Hilfsbedürftig sind laut Herklotz in der Regel kranke oder verletzte Igel sowie verwaiste Igelsäuglinge.

Igel müssen sich Winterspeck anfressen

Es gibt noch einen dritten Grund für die Vielzahl der hilfsbedürftigen Igel: die Klimaveränderung. Tolkmitt erklärt: „Igel werden inzwischen auch noch spät im Jahr geboren, da der Herbst immer wärmer wird. Die Temperaturen für den Nachwuchs stimmen dann meistens noch, das Nahrungsangebot aber nicht.“

Daher schaffen es die kleinen nachtaktiven Stacheltiere nicht, sich noch genügend Winterspeck anzufressen. „Zudem wachen die Igel immer wieder in den warmen Phasen des veränderten Winterverlaufs auf, was viel Energie kostet“, ergänzt sie.

Igel „Hannes“ wiegt 460 Gramm. Er kann bis zu 50 Gramm am Tag zunehmen und dann noch ausgewildert werden. Quelle: Fotograf Lutz Roeßler

Aktuell sind 15 Käfige im Kleintierhaus mit 25 Igeln belegt. Sie bekommen ein kleines Häuschen, sitzen auf Lagen von Zeitungspapier und werden jeden Tag gefüttert und gewogen. „Manchmal müssen wir auch Wunden reinigen, Antibiotika geben oder sie anders versorgen“, erklärt die Tierpflegerin. Einer der stacheligen Bewohner hat zum Beispiel eine „Erkältung“. Er muss jeden Tag inhalieren.

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„Hannes“ war deutlich unterernährt, als er ins Tierheim kam, und muss mit seinen zwei Geschwistern jetzt aufgepäppelt werden. Herklotz setzt den kleinen Winterschläfer auf die Waage und guckt zufrieden. „460 Gramm“, sagt sie, „das ist ein ganz gutes Gewicht. Er kann bis zu 50 Gramm am Tag zunehmen, und ich denke, dass wir ihn noch gut ausgewildert kriegen.“

Von Cosima Künzel