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Lübeck Bilder aus den 60ern: Als die Zukunft nach Lübeck kam
Lokales Lübeck

Lübeck: Willy-Brandt-Haus zeigt historische Fotos aus den 60er Jahren

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07:57 17.10.2021
1961 war Willy Brandt erstmals Kanzlerkandidat. Auf dem Bild vom Lindenplatz ist im Hintergrund ein Wahlplakat zu sehen.
1961 war Willy Brandt erstmals Kanzlerkandidat. Auf dem Bild vom Lindenplatz ist im Hintergrund ein Wahlplakat zu sehen. Quelle: Hans Kripgans
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Lübeck

Jugendliche blockieren aus Protest gegen die Notstandsgesetze die Polizeiwache an der Mengstraße. Rocker randalieren auf dem Volksfest. Berittene Polizei hält an der Königstraße Anti-NPD-Demonstranten in Schach. Die Autos erobern die Altstadt. Am Stadtrand wachsen Hochhäuser empor. Die 60er Jahre waren ein bewegtes Jahrzehnt, und an ihrem Ende war Willy Brandt Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland - ein Arbeitersohn aus Lübeck und der erste Sozialdemokrat, der dieses Amt innehatte.

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Willy Brandt schloss den Wahlkampf stets in Lübeck ab

Natürlich spielt das eine Rolle, wenn das Willy-Brandt-Haus den 60er Jahren eine Fotoausstellung mit Bildern aus Lübeck widmet. Dreimal kandidierte Willy Brandt für das Amt des Bundeskanzlers, bis er es endlich erreichte, 1961, 1965 und 1969. Jedes Mal kam er zur letzten Kundgebung des Bundestagswahlkampfes in seine Geburtsstadt. Jedes Mal fotografierte ihn dabei der LN-Fotograf Hans Kripgans.

Bettina Greiner (l.), Leiterin des Willy-Brandt-Hauses, und Frauke Kleine Wächter, Kuratorin der Ausstellung „Lübeck in Bewegung: Die 1960er Jahre“. Quelle: Fotograf Lutz Roeßler

Hans Kripgans, Chronist Lübecks auch in den 60ern

Dessen Bilder ordnet und erschließt der Historiker Jan Zimmermann in Zusammenarbeit mit den LN. Gerade hat er den zweiten von drei Bildbänden veröffentlicht, nach den 50ern geht es nun um die 60er Jahre. Das war der Anlass für Bettina Greiner, Leiterin des Willy-Brandt-Hauses, die Ausstellung „Lübeck in Bewegung: Die 1960er Jahre“ mit Bildern von Hans Kripgans vorzubereiten: „Nachdem wir die ersten Fotos gesehen haben, waren wir sofort Feuer und Flamme“, sagt sie.

Letzter Wahlkampfauftritt von Willy Brandt (M.) vor der Bundestagswahl im September 1969 – mit dem SPD-Direktkandidaten Björn Engholm (r.) und dem SPD-Landtagsabgeordneten Paul Bromme in den Rathausarkaden. Quelle: Hans Kripgans

Lübeck als Brennglas der 60er Jahre

Die Ausstellung wird am 24. Oktober eröffnet und voraussichtlich bis Ende Januar zu sehen sein. Es geht darin um viel mehr als um die Person Willy Brandt. Die Ausstellung zeigt, wie die Entwicklungen dieses Jahrzehnts, das unser Land für immer veränderte, auch Lübeck erfassten. „Hier in Lübeck ist nichts passiert, was anderswo nicht auch passiert wäre“, sagt Bettina Greiner, „aber hier sieht man es wie in einem Brennglas.“

Juli 1969: Der Lübecker Karstadt-Chef gratuliert der millionsten Parkhaus-Nutzerin im Wehdehof mit einem Transistorradio als Gewinn, ihre Beifahrerin erhält Blumen. Quelle: Marianne Schmalz

Lübeck als autogerechte Stadt

„Lübeck in Bewegung“, das ist zum einen ganz wörtlich zu verstehen: Der Autoverkehr explodierte, und damals war das Thema nicht, wie man ihn begrenzt, sondern wie man die Stadt den Autos anpasste, die damals der Inbegriff von Modernität waren. Von der „Umwandlung der Innenstadt zur City“ spricht Frauke Kleine Wächter, die Kuratorin der Ausstellung: „Die autogerechte Stadt ist für den Konsum vorbereitet.“ Ein Bild von 1969 (in diesem Fall von Kripgans’ Kollegin Marianne Schmalz) zeigt, wie zwei Frauen dafür geehrt werden, dass sie das millionste Auto im Parkhaus Wehdehof abgestellt haben.

Protest gegen die Notstandsgesetze, Mai 1968: Schülerinnen und Schüler protestieren vor der Polizeiwache an der Mengstraße, wo acht Demonstranten vorübergehend festgehalten werden. Quelle: Hans Kripgans

HanseTalk: Was bleibt vom Lübeck der 60er?

Welche Spurenhat das Lübeck der 60er Jahre im heutigen Lübeck hinterlassen? Damit beschäftigt sich ein HanseTalk am Sonntag, 24. Oktober, um 11 Uhr in einem Livestream aus dem Willy-Brandt-Haus. Es diskutieren der ehemalige Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein und Bundesvorsitzende der SPD, Björn Engholm, der ehemalige Justizminister des Landes, Gerd Walter (SPD), der Lübecker Historiker Jan Zimmermann und die Lübecker Fridays-for-Future-Aktivistin Sophia Marie Pott. LN-Chefredakteur Gerald Goetsch moderiert das Gespräch.

Unter anderem solles dabei um die Bereiche Verkehr und Städtebau gehen, für die damals wichtige Weichen gestellt wurden. Welche Entscheidungen wiesen in die Zukunft, welche haben sich als Fehler erwiesen? Ein wesentlicher Aspekt wird auch das politische Engagement der Jugend und die Protestkultur sein, die sich vor allem in der zweiten Hälfte der 60er Jahre entwickelte. Was verbindet die jungen Leute von damals mit denen, die sich heute für Klimaschutz und die Rechte von Frauen und Minderheiten engagieren? Was unterscheidet sie?

Der Livestreamist ab 11 Uhr über die Facebook-Seite der LN abrufbar. Die Ausstellung im Willy-Brandt-Haus ist ab 15 Uhr geöffnet.

„Gammler“ vor dem Holstentor, viele Demos in Lübeck

Im übertragenen Sinn bedeutet „Lübeck in Bewegung“ aber noch viel mehr. Wie sehr Gesellschaft, Kultur und Politik in Bewegung waren, ist an den Bildern von Hans Kripgans umstandslos ablesbar: Jugendliche, die mit einer Mischung aus Verständnislosigkeit und Missbilligung „Gammler“ genannt wurden, die sich vor dem Holstentor treffen – zum Chillen, wie ihre Enkel heute sagen würden. Beatbands mit E-Gitarren in der Hansehalle. Demonstrationen auf Lübecks Straßen – gegen die Notstandsgesetze, den Vietnamkrieg, den Besuch des Schahs von Persien in Lübeck, das Attentat auf Rudi Dutschke.

Kasernierte Kinder

Der Wohnungsbau bleibt ein großes Thema. Wie gebaut wird, das hat nicht nur Folgen für das Stadtbild, sondern auch für das Leben der Menschen. „Man kann sehen, wie Lebensbereiche getrennt wurden“, sagt Bettina Greiner. „Kinder werden kaserniert auf Spielplätze.“ Zugleich gibt es aber auch Kinder, die am Rand einer Barackensiedlung im Müll spielen, und Kinder, die in den Gängen der Altstadt spielen – mit Spielzeugautos.

Historische Fotos aus Lübeck

Klicken Sie hier, um alle Teile unserer Serie mit interaktiven Rückblicken in die Lübecker Geschichte zu sehen!

April 1963: An der Klappenstraße (St. Lorenz Nord) wird ein neuer, von einer Kindergärtnerin betreuter Spielplatz eingerichtet. Quelle: Hans Kripgans

Willy Brandt und seine „Mutterstadt“ Lübeck

Willy Brandt war aus Lübeck schon 1933 vor dem Nationalsozialismus in Richtung Norwegen geflohen und nach dem Krieg in Berlin heimisch geworden. Er nannte Lübeck stets „meine Mutterstadt“. Mit seinen Söhnen besuchte er noch in den 60er Jahren regelmäßig seine Mutter Martha Kuhlmann, die am Ringstedtenweg in Vorrade wohnte. Sie starb 1969, wenige Wochen vor der Bundestagswahl, die ihn zum Bundeskanzler machte.

Von Hanno Kabel