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Lübeck Lübeck verliert 2400 Sozialwohnungen
Lokales Lübeck Lübeck verliert 2400 Sozialwohnungen
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11:06 29.06.2014
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Lübeck

Grund ist das schleswig-holsteinische Wohnraumförderungsgesetz. Das heißt konkret: Die Mieten dürfen laut Mieterverein Lübeck innerhalb der kommenden drei Jahre um neun Prozent angehoben werden. Werden die Wohnungen neu vermietet, dürfen sie sogar um 20 Prozent in drei Jahren teurer werden. Außerdem müssen die Wohnungen nicht mehr nur an einkommensschwache Haushalte vermietet werden, sie können auch an Mieter mit mehr Geld gehen.

„Dieser Rückgang an sozialem Wohnraum ist alarmierend“, warnt Thomas Klempau vom Mieterverein Lübeck, „es besteht dringender Handlungsbedarf.“

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Rund 36 000 Lübecker seien auf günstige Wohnungen angewiesen — 28 139 Hartz-IV-Bezieher, 4026 Bezieher von Grundsicherung sowie knapp 4000 Wohngeldempfänger. Der Aderlass Ende Juni trifft vor allem Buntekuh (832 Einheiten), die Innenstadt (224), St. Lorenz Nord (357) und St. Gertrud (417).

Der Geschäftsführer des Mietervereins (10 000 Mitglieder) geht davon aus, dass die Durchschnittsmiete dieser aus der Bindung fallenden Wohnungen von 4,90 Euro pro Quadratmeter auf 5,40 Euro in drei Jahren steigt. Und das werde auch für die Einheiten großer Unternehmen wie Prelios und Deutsche Annington gelten, „die seit Jahren erfahrungsgemäß nicht viel Geld in ihre Wohnungen investieren“. Klempau: „Diese Finanzinvestoren werden die sich bietenden Mieterhöhungsmöglichkeiten nach meiner Einschätzung in den nächsten Jahren konsequent ausschöpfen.“

Bei der städtischen Grundstücksgesellschaft „Trave“ gehen 488 von 2500 Sozialwohnungen aus der Bindung. „Es wird Wohnungen geben, bei denen wir die Miete um neun Prozent in drei Jahren erhöhen“, sagt „Trave“-Chef Matthias Rasch, „andere werden wir auch bei Neuvermietungen nicht verteuern.“

Prelios bewirtschaftet 6204 Wohnungen in der Hansestadt, 1786 Einheiten sind öffentlich gefördert. 471 gehen Ende Juni aus der Sozialbindung. Für 273 wurden bereits Mieterhöhungen ausgesprochen — im Durchschnitt um 6,5 Prozent. Beim Lübecker Bauverein befindet sich der halbe Wohnungsbestand in öffentlicher Förderung — 2470 von insgesamt 5269 Einheiten.

Weil die Genossenschaft vor allem in den 1990er und 2000er Jahren neu baute, „gehen bis 2019 nur 263 aus der sozialen Bindung“, erläutert Vorstand Stefan Probst. Die durchschnittlichen Mieten in diesen Wohnungen seien so niedrig, dass „eine Erhöhung um neun Prozent in drei Jahren erträglich ist“.

Sozialexperten befürchten, dass es für Haushalte mit kleinem Einkommen oder in schwieriger sozialer Lage enorm schwer wird, noch eine Bleibe in Lübeck zu finden. „Eine negative Schufa-Auskunft wegen einer unbezahlten Handy- Rechnung kann zu einem Hindernis werden“, weiß Andreas Pahlke von der Vorwerker Diakonie. „Denn Wohnungsgesellschaften reagieren darauf heute deutlich strenger als früher.“

Auch Frauenhäuser spüren die Wohnungsnot. „Frauen mit mehreren Kindern finden kaum Wohnungen“, sagt Anke Kock vom Anonymen Frauenhaus, „verschuldete Frauen haben ganz große Probleme.“

Der Mieterverein fordert die Lübecker Wohnungswirtschaft auf, die „Anzahl preisgebundener Wohnungen deutlich zu erhöhen“. Auch die Verwaltung sieht Handlungsbedarf. 10 000 Sozialwohnungen seien in der Hansestadt sicherzustellen, erklärt sie im Armuts- und Sozialbericht. Die städtische Grundstücksgesellschaft „Trave“ werde in den nächsten Jahren über 400 neue Sozialwohnungen fertigstellen, berichtet Geschäftsführer Rasch.

Die Wohnungen, die jetzt ihre Bindung verlieren, „sind physisch ja auch weiter vorhanden“, sagt Rasch: „Und höhere Mieten sind gar nicht überall durchsetzbar.“ Aus Sicht des Mietervereins reichen die Anstrengungen der Wohnungswirtschaft nicht aus. Geschäftsführer Klempau: „Viele Gesellschaften ersetzen nur die Sozialwohnungen, die sie vorher abreißen. Es fehlt der Zuwachs.“

Verkürzte Bindung

35 Jahre lang gilt die Sozialbindung bei öffentlich geförderten Wohnungen nach dem Wohnraumförderungsgesetz von 2009. Solange stehen diese Einheiten einkommensschwachen Mietern zur Verfügung, sind die Mieten begrenzt.

70 bis 80 Jahre betrug die soziale Bindungsfrist nach Auskunft des Lübecker Mietervereins früher.
1800 Haushalte waren 2012 in der Hansestadt von Wohnungslosigkeit bedroht.

Kai Dordowsky