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Lübeck Lübecker Bus-Attentat: Beschuldigter schlief mit Alufolie bedeckt
Lokales Lübeck Lübecker Bus-Attentat: Beschuldigter schlief mit Alufolie bedeckt
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18:16 22.02.2019
Der Beschuldigte (l.) beim Auftakt im Sicherungsverfahren wegen 48-fachen versuchten Mordes im Gerichtssaal mit seinem Verteidiger Oliver Dedow. Quelle: Lutz Roeßler
St. Lorenz Nord

An der Wohnungstür von Riad F. (alle Namen von der Redaktion geändert) hängt eine Liste, die sein Sohn Murat F. dort aufgehängt hat. Darunter viele kleine Zettel, auf denen Stichwörter wie „Geschenke besorgen“, „Zum Lachen bringen“ und „loben“ stehen. Der 34-jährige Murat F. holt tief Luft. „Diese Wörter sind Voraussetzungen für mich, um gute Beziehungen zu Menschen aufzubauen“, erklärt er dem Vorsitzenden Richter Christian Singelmann, der ihm am fünften Prozesstag mit einem Foto eben dieser Notizen konfrontiert.

Seit Januar muss sich der psychisch kranke Deutsch-Iraker vor dem Landgericht verantworten. Er soll am 20. Juli vergangenen Jahres in einem Bus der Linie 30 in Kücknitz ein Feuer gelegt, wahllos um sich gestochen und zwölf Menschen verletzt haben. Jetzt wurden weitere Details aus seinem Leben bekannt.

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Singelmann fragt den Beschuldigten nach der Bedeutung der Liste. „Naja“, sagt der 34-Jährige zögernd, „da habe ich angekreuzt, wie viel Leistung ich erbracht habe. Beim Lernen oder Sport zum Beispiel.“ Doch er konnte immer weniger leisten. Seit er vor zehn Jahren eine Flasche auf den Kopf bekommen habe, könne er sich nicht mehr konzentrieren, berichtet der junge Mann. Irgendwann kamen Wahnvorstellungen dazu. „Er fühlte sich von Laserstrahlen verfolgt und glaubte, dass Menschen sich gegen ihn verschworen hätten“, erklärte Staatsanwältin Ann-Sofie Portius bereits zum Prozessbeginn. Laut psychiatrischem Gutachten leidet der Beschuldigte an paranoider Schizophrenie und war zum Tatzeitpunkt schuldunfähig.

„Jeder Mensch kann doch krank werden“

Am Freitag wurde der Vater des Beschuldigten gehört. Bei ihm war Murat F. eine Woche vor der Tat eingezogen. „Er hat von Ultraschallwellen berichtet und gesagt, dass die Leute ihn blenden wollen. Er hatte furchtbare Angst zu erblinden“, erzählt er. Während sein Sohn die Aussage ruhig beobachtet, betont sein Vater immer wieder, dass der 34-Jährige krank sei. „Jeder Mensch kann doch krank werden“, sagt er leise. „Wenn ich gewusst hätte, was er vor hat, dann hätte ich ihn abgehalten.“

Eine entsetzliche Bluttat erschüttert Lübeck: Ein junger Mann entzündet im Bus nach Travemünde seinen Rucksack, schlägt und sticht dann wahllos auf die Fahrgäste ein. Auch der Fahrer wird verletzt. Das Motiv ist unklar.

Drei Monate vor der Tat habe sein Sohn sich massiv verändert. Tagsüber habe er geschlafen und nachts sei er wach gewesen. „Zeitweise dachte ich deswegen, dass er drogenabhängig ist“, berichtet Riad F.. Der 34-Jährige kaufte sich Perücken, um auf der Straße nicht erkannt zu werden. Er trug Sonnenbrillen und eine Winterjacke mitten im Sommer. Auch im Gerichtssaal trägt er eine schwarze Daunenjacke.

Mit Alufolie bedeckt

„Am Tag vor der Tat hat Murat in der Küche geschlafen, weil das Dach dort aus Beton ist“, erzählt sein Vater. Zusätzlich habe sich sein Sohn zum Schutz gegen die Strahlen mit Alufolie bedeckt. Vier Tage vor der Tat sei er außerdem bei einem Psychologen gewesen. „Der hätte ihn doch nicht laufen lassen dürfen“, sagt der 60-Jährige kopfschüttelnd.

Heiratsantrag und Auswanderungspläne

Auch die Handy-Auswertung bestätigt die psychischen Probleme. Gefunden wurden nicht nur Suchanfragen zu Laserschutzbrillen und Notizen über Wärmestrahler sondern auch Chatverläufe. „Dort hat der Beschuldigte eine Frau aus einem Fitnesslehrgang angeschrieben und ihr gesagt, dass er sie heiraten wolle“, berichtet eine Kriminaloberkommissarin. „Am Tag danach fragte er sie, ob sie mit ihm nach London auswandern wolle.“ Das alles war wenige Tage vor der Tat.

Das Verfahren wird am Dienstag um 9 Uhr fortgesetzt. Dann erfolgt das abschließende Gutachten über den Beschuldigten, anschließend folgen die Plädoyers.

Maike Wegner

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