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Lokales Lübeck Lübecker Einzelhändler verschlafen Online-Handel
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18:30 26.03.2018
Noch seien die Auswirkungen des Online-Handels dank der guten Tourismuszahlen nicht so massiv zu spüren wie andernorts.
Noch seien die Auswirkungen des Online-Handels dank der guten Tourismuszahlen nicht so massiv zu spüren wie andernorts. Quelle: Maxwitat
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Lübeck

36 Prozent nutzen die sozialen Medien nicht für ihre Geschäfte. Nur knapp 34 Prozent verkaufen ihre Waren auch online. Als Hinderungsgründe gaben 54 Prozent an, dass dafür das Personal und die Zeit fehle. 33 Prozent verwiesen auf mangelnde finanzielle Möglichkeiten, 29 Prozent erklärten, dass ihnen die nötigen Kenntnisse und Qualifikationen fehlten (Mehrfachnennungen waren möglich). Charlotte Leuchten, die die Umfrage im Zuge ihrer Bachelorarbeit an der Fachhochschule Lübeck erstellte, fand zudem heraus, dass es im Lübecker Einzelhandel wenige Kenntnisse über gemeinsame Online-Marktplätze gibt: „73 Prozent der Befragten sehen den Einstieg in diese Form des Online-Handels in naher Zukunft als ,nicht’ beziehungsweise als ,eher nicht’ sinnvoll an.“

Online-Handel wächst in fast allen Bereichen

Dabei gilt der Online-Handel mittlerweile als größere Bedrohung für den Einzelhandel als die Grüne Wiese. Dario Arndt von der Wirtschaftsförderung hat die Einzelhandelsentwicklung in der Hansestadt mit den bundesweiten Zuwächsen im Internet verglichen. So ging die Zahl der Modegeschäfte von 2015 auf 2016 um fünf zurück, während der Online-Anteil um 9,3 Prozent wuchs. Die Zahl der Geschäfte für Schmuck und Uhren nahm um 11,1 Prozent ab, während der Online-Anteil um 11,7 Prozent wuchs. Auch in den Branchen Heimwerken und Garten sowie Wohnen und Einrichten legte der Online-Handel zweistellig zu. Seit zwei Jahren beschäftigt sich der Wirtschaftsausschuss der Bürgerschaft mit dem unsichtbaren Konkurrenten, fordert Konzepte zum Gegenhalten. Im Februar 2017 riet die Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Lübeck den Kaufleuten, „digitale Möglichkeiten optimal zu nutzen“.

Rund 29 Prozent der Lübecker Geschäfte nicht im Netz

2016 ließ die Wirtschaftsförderung zum ersten Mal untersuchen, wie die Lübecker Geschäfte im Internet aufgestellt sind. Ergebnis: Von etwas mehr als 1200 Betrieben waren 359 oder 29,6 Prozent überhaupt nicht im Netz vertreten. 253 (20,9 Prozent) präsentierten sich im Internet, 228 (18,8 Prozent) stellten ihr Geschäft vor und beschrieben einzelne Produkte, 237 (19,6 Prozent) betrieben einen Online-Shop und 112 (9,2 Prozent) verknüpften Online-Shop und Ladengeschäft. Charlotte Leuchten stellt fest, dass Filialunternehmen eine viel höhere Internetpräsenz erreicht haben. Die Studentin: „Während 56,8 Prozent der Filialunternehmen einen Online-Shop haben, sind es bei den Einzelgeschäften nur 12,2 Prozent.“

Die Kunden würden ihren Einkaufsprozess oft online beginnen, schreibt Leuchten, „dort sind lokale Ladengeschäfte meistens nicht zu finden oder sie stellen nicht genügend Informationen ins Netz.“ Es gehe dem Kunden um die Ware, und diese sei auf den Webseiten von den lokalen Händlern oft nicht abgebildet. „Wer als Händler nicht auf das sich wandelnde Konsumverhalten reagiert und zum Multi-Channel-Händler wird, dem entgehen zunehmend Umsätze“, erklärt Charlotte Leuchten, „auch für Lübeck werden stationäre Umsatzrückgänge in den nächsten Jahren prognostiziert.“

Wirtschaftsförderung: Einzelhändler müssen Geschäftsmodelle anpassen

Die Wirtschaftsförderung greift die Ergebnisse der Bachelor-Arbeit auf. „Um an der Verlagerung Richtung Online-Geschäft teilzuhaben und nicht darunter zu leiden, müssen die Einzelhändler sich jetzt um diese Themen kümmern und ihre Geschäftsmodelle anpassen“, erklärt Prokurist Dario Arndt. Noch seien die Auswirkungen des Online-Handels dank der guten Tourismuszahlen in Lübeck nicht so massiv zu spüren wie andernorts, sagt Arndt. Trotzdem folgt die Wirtschaftsförderung der Empfehlung der Fachhochschul-Studentin, die zum Aufbau eines lokalen Online-Marktplatzes rät. Dabei betreiben die Einzelhändler eine gemeinsame Online-Plattform. Als „denkbares Handlungsfeld“ bezeichnet die Wirtschaftsförderung die Einrichtung einer gemeinsamen App, über die Kunden über Angebote der teilnehmenden Händler informiert werden. Die Wirtschaftsförderung hält ein Pilotprojekt für ratsam. Charlotte Leuchten hat in ihrer Arbeit allerdings festgestellt, dass es bis dahin ein weiter Weg ist, denn sowohl befragte Passanten als auch Einzelhändler waren mit diesen modernen Formen des Einkaufens nicht vertraut. Für die Bachelor-Arbeit „Herausforderungen für den inhabergeführten stationären Einzelhandel am Standort Lübeck“ wurden 141 Passanten und 62 Einzelhändler befragt. Charlotte Leuchten und die Wirtschaftsförderung hatten 385 Einzelhändler angefragt. Die meisten hatten kein Interesse.

Von Kai Dordowsky