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Lübeck „Wie am Ballermann“: Gangbewohner sind genervt von Touristen
Lokales Lübeck „Wie am Ballermann“: Gangbewohner sind genervt von Touristen
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21:59 20.08.2018
Eine Riesen-WG: Dazu gehören Carola Seeler und die Bewohner des Alten Posthofs. Genervt sind sie von den vielen Touristen, die dort für ein paar Tage wohnen, Lärm und Dreck machen. Quelle: Neelsen
Innenstadt

Von wegen Kultur-Touristen. „Hier ist Ballermann“, sagt Helge Borgmann. Denn: „Das sind billige Unterkünfte“, stimmt Nachbarin Carola Seeler zu. „Da kommen Leute, die bewusst nicht ins Hotel gehen“, macht Ulrike Schwabe klar. Die Urlauber feierten bis spät in die Nacht, hinterließen Berge von Müll in den Tonnen – und sorgten für steten Lärm, wenn sie mit ihren Rollkoffern durch den kleinen Gang „klötern“. Anwohner machen gänzlich andere Erfahrungen als die Befürworter von Ferienhäusern in den Gängen. Deren Argument ist stets: Vor allem Kultur- Touristen würden sich in den Gängen einmieten, weil sie Lübeck besonders erleben wollten. „Wir hatten nur sehr, sehr wenige davon“, sagt Helge Borgmann.

Es geht um den Alten Posthof – einer von 82 Gängen in der Altstadt. Die Breite des Gässchens misst gerade einmal zwei Schritte. Hier wohnen zehn Leute im Alter von 20 bis 90 Jahren. Und das klappt gut. Aber pro Jahr wohnen 500 Feriengäste in dem Gang. Zwei der Häuschen sind Ferienhäuser, in denen sechs beziehungsweise vier Urlauber wohnen – und zudem gibt es ein Haus mit drei Airbnb-Wohnungen an der Ecke zur Straße. Und das klappt dann nicht mehr.

„Das nervt“, sagt Anwohner Joachim Biegus. „Es bringt das Sozialleben durcheinander“, stimmt Seeler zu. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, sitzen vor ihrem Nachbarhaus mal grölende Junggesellen, mal Familien mit Kindern – mal steigen nebenan auch große Familienfeste. „Ich bin dem ausgeliefert.“ Ihr Mann Helge Borgmann stimmt zu: „Ich hätte nie gedacht, dass solche Ferienhäuser so einen großen Einfluss auf das Zusammenleben haben.“ Denn: „Es gibt ungeschriebene Gesetze in so einem Gang“, sagt Helge Borgmann. Die Einheimischen kennen sie – die Urlauber nicht. Klar ist, dass jeder nach der Arbeit seine Ruhe hat, draußen mit leiser Stimme gesprochen wird und in dem schmalen Gang die Fahrräder geschoben werden. Wenn einer in seinem Häuschen oder davor feiert, sind alle anderen eingeladen.

„Man macht die Touristen dann darauf aufmerksam“, berichtet Borgmann. Aber die Urlauber reisen nach ein paar Tagen wieder ab – und danach wiederholt sich das Ganze und wiederholt sich und wiederholt sich. „Es ist sinnlos“, ist Borgmann verzweifelt. „Wir wollen gar nicht böse sein zu den Leuten“, sagt Carola Seeler. Aber irgendwann staue sich so viel an, dass es einer dann abbekomme.

Was die Ganghaus-Bewohner aber richtig ärgert: Sie machen die kleine Gasse hübsch, sie pflanzen Blumen, sie platzieren schöne Gartenmöbel. Das dient dann als perfekte Kulisse für diejenigen, die mit den Ferienhäusern Geld machen. „Damit wird so viel wie möglich verdient – mit dem geringsten Aufwand“, kritisiert Carola Seeler. Denn die Häuser sind weder frisch saniert, noch beteilige sich jemand am Winterdienst und ähnlichem.

Durch die hohen Hauspreise rechne sich das Ganze aber nur als Ferienhaus, meint Borgmann. Denn die Ganghäuser würden völlig überteuert für 200 000 Euro und mehr gekauft. Um das Geld wieder hereinzubekommen, könne man die Häuser nicht normal vermieten. Sondern müsse sie an Feriengäste vergeben. „Das bringt wesentlich mehr Geld“, so Borgmann. „An die 30 000 Euro im Jahr.“ Damit rechnet sich so ein Haus nach zehn bis 15 Jahren.

Die klare Forderung der Bewohner des Alten Posthofs. „Die Gänge müssen wieder Wohngänge werden“, sagt Rainer Kolbow. Das seien sie historisch gesehen immer gewesen. Und Borgmann fordert: „Die Stadt muss einen Bebauungsplan aufstellen.“ Von der Idee eine 15-Prozent-Quote für Ferienwohnungen einzuführen, hält Carola Seeler nichts. „Es kommt darauf an, wie viele Menschen in so einem Ferienhaus wohnen.“ Denn das seien häufig mehr Leute, als bei einer Dauervermietung der Häuschen.

Die Gang-Bewohner sind ratlos. Denn seit vier Jahren fordern sie, dass die Bauverwaltung etwas unternimmt. Doch ihre Schreiben wurden bisher lapidar oder gar nicht beantwortet. Jetzt hoffen sie auf auf die Bürgerschaft. Die SPD will die Ferienwohnungen auf der Altstadt komplett verbieten, die Grünen die in den Gängen und Höfen. Am Donnerstag, 30. August, stehen Ferienhäuser auf der Tagesordnung der Bürgerschaft. Start ist um 16 Uhr. Borgmann: „Hoffentlich wird das Thema nicht vertagt.“

Josephine von Zastrow