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Lübeck Lübecker Rathaus: Das Geheimnis der Tresore ist gelüftet
Lokales Lübeck Lübecker Rathaus: Das Geheimnis der Tresore ist gelüftet
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06:35 07.08.2019
Jan Lindenau, Bürgermeister von Lübeck, zeigt Gedenkmünzen des Lübecker Senats ein silberne Thomas-Mann-Gedenkmünzen, und weitere Münzen. Quelle: Lutz Roeßler
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Lübeck

 Eine Goldmünze, 30 Silbermünzen und ein paar Eintrittskarten. Das ist im vergessenen Tresor. Er steht in einem Raum der Bürgermeisterkanzlei. Im ersten Stock des Lübecker Rathauses. Eine Spezialfirma hat den Panzerschrank aus den 1950er Jahre geöffnet – nach mehr als 35 Jahren.

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Es sind unschöne Geräusche. Sie dringen durch die geschlossene Holztür. Über dem Türrahmen ist ein rundes Schild mit der Nummer acht angebracht. Das Klang-Konzert erinnert an einen Besuch beim Zahnarzt. Es wird gebohrt, geflext und gehämmert. Nach einer Stunde ist die Tür offen. Es riecht metallisch verbrannt.

Panzerknacker am Werk

Panzerknacker Sebastian Hahn hat es geschafft. Er hat das Schloss des kleinen Tresors geknackt. Er ist dunkelgrün. An der oberen Kante ist ein altes Schild angenietet mit der Aufschrift „Bode – Panzer – A.-G“ und darunter „Hannover Berlin Hamburg“. Er ähnelt einer zu großen Hutschachtel. Ist aber wesentlich schwerer. Noch ist die Tür zu. Sie zu öffnen ist Bürgermeister Jan Lindenau (SPD) vorbehalten. Langsam schwingt die dicke Tür zur Seite. Das erste Mal seit – ja, seit vielleicht 35 Jahren. Denn so lange hat niemand hinein geschaut. Denn: Der Tresor stand in dem Raum – vergessen.

Großer Medienrummel in der Bürgermeisterkanzlei. Zwei vergessene Tresore werden von einem Mitarbeiter einer Spezial-Firma geöffnet.

Neben ihm steht sein großer Bruder: Panzerschrank Nummer zwei. Groß, weiß, eine Tonne schwer und mit zwei Zahlenschlössern versehen. Er sieht aus wie ein klassischer Behörden-Tresor. Keinen Millimeter ist er von der Stelle zu bewegen. Jeder in der Bürgermeisterkanzlei kannte die beiden Geheimnis-Bewahrer. Aber keiner hat mehr den Zahlencode oder einen Schlüssel. „Jetzt haben wir gedacht, wir öffnen die beiden Tresore“, sagt Lindenau. Kosten: ein paar hundert Euro. Ob sich dieser Aufwand überhaupt lohnt? „Wertvolle Gegenstände, um den Lübecker Haushalt auszugleichen“, wünscht sich Lindenau. Aber: Er weiß auch: „Es kann auch gar nichts drin sein.“

Die Schätze im vergessenen Tresor

Jetzt ist der spannende Moment. Die dicke Tresor-Tür schwingt zur Seite – und steht offen. Es ist etwas drin. Immerhin. Langsam holt Lindenau die Schätze ans Tageslicht. Erstaunen: eine Goldmünze des Lübecker Senats aus den 1960er Jahren. „Vielleicht eine Ehrenmedaille“, meint Lindenau. Sie steckt in einem blauen Kistchen. Zum Vorschein kommen weitere Kistchen – alle in Weiß. Darin Silbermünzen zum Gedenken an Thomas-Mann von 1975. „Vielleicht können die bei der Verleihung des Thomas-Mann-Preises zum Einsatz kommen“, schlägt Lindenau vor.

Geheim, geheim, geheim

Der zweite Panzerschrank, der geöffnet wurde, ist größer, schwerer, verschlossener – und viel, viel geheimer. Viereinhalb Stunden dauert es, bis er geöffnet ist. Die Ausbeute ist mager: ein paar alte Briefumschläge, alte Akten – und ein rotes Stempelkissen.

Spannend: Der Tresor ist das Geheimste vom Geheimen. Die gefundenen Akten waren Verschlusssache. Dabei ging es um den Kalten Krieg. Beispielsweise ist dort der Verlauf der innerdeutschen Grenze notiert. Umso erstaunlicher, dass der Code zum Öffnen des Tresors verschwunden ist. Lübecks Ex-Bürgermeister Max Wartemann (parteilos) ist als Letzter notiert, der diesen Code hatte. Sagt der amtierende Rathaus-Chef Jan Lindenau (SPD). Wartemann war von 1959 bis 1970 Lübecks Bürgermeister.

Aber da ist noch mehr: Eintrittskarten für eine Rathaus-Führung. 1,50 Mark hat sie mal gekostet. Die Papier-Tickets sind aufgerollt, mehrere Rollen sind zusammengefasst und werden mit durchsichtiger Folie zusammengehalten. Außerdem: Ordner-Binden aus Stoff. Sie sind Weiß und Rot – und haben die Aufschrift Rathaus. „Könnte man ja mal wieder einführen“, kommentiert Lindenau schmunzelnd. „Dann herrscht wieder Ordnung in der Bürgerschaft.“

Alles kommt ins Archiv

Mit der Ausbeute ist der Rathaus-Chef zufrieden. „Es ist mehr, als ich erwartet habe“, sagt er. Aber: Den Lübecker Schuldenberg kann er allerdings nicht damit abtragen. Der beträgt 1,4 Milliarden Euro. Und so viel sind die Goldmünze und die 30 Silbermünzen leider nicht wert. Allerdings: Lindenau kann sie auch gar nicht verkaufen. Die Schätze kommen ins Archiv. Und: Da könnte es sein, dass sie wieder verschwinden – für die nächsten Jahrzehnte.

Chronologie der Öffnung: Lesen Sie hier die Details zum Ablauf nach:

  • 06.08.19 14:02
    Jetzt herrscht Gewissheit. Die Ausbeute im zweiten, größeren Tresor ist mager: ein paar alte Briefumschläge, alte Akten – und ein rotes Stempelkissen.
  • 06.08.19 13:16
    Die Mitarbeiter der Stadt kennen die Tresore schon seit Jahrzehnten. Doch niemand hatte Zeit und Geld für die Öffnung. In diesem Sommer hat die Stadt jetzt die Aktion gestartet.
  • 06.08.19 12:20
    Die Eintrittskarten für die Rathausführung, die im bereits geöffneten Tresor gefunden wurden, kosteten damals 1,50 DM (0,77 Euro). Inzwischen kostet die Führung mit 4 Euro deutlich mehr.
  • 06.08.19 11:36
    Über der Inhalt der Tresore war im Vorfeld viel spekuliert worden. „Ein paar Goldbarren, die uns bei der Sanierung des Haushalts helfen, wären natürlich nicht schlecht“, scherzte Bürgermeister Jan Lindenau (SPD).
  • 06.08.19 10:48
    Die Panzerknacker müssen den großen Tresor mit schwerem Gerät bearbeiten, um ihn öffnen zu können. Was sich darin befindet? Keiner weiß es. Es wird von alten Dokumenten bis Tafelsilber alles vermutet.
  • 06.08.19 09:55
    Der große Tresor ist aus Stahl und wiegt eine Tonne. Für die Öffnung wurde eine Spezialfirma organisiert, die seit ca. 9:30 Uhr versucht, den Tresor zu knacken.
  • 06.08.19 09:26
    Das Baujahr der Tresore wird auf die 50er Jahre geschätzt. Dabei wird der kleinere Tresor älter gewertet.
  • 06.08.19 08:54
    Das Geheimnis des großen Stahltresors lässt auf sich warten. Nach dem bisherigen Fund sind die Erwartungen hoch.
  • 06.08.19 07:31
    Der zweite Tresor wird wohl eine größere Herausforderung: Seine Öffnung wird etwa sechs Stunden veranschlagen.
  • 06.08.19 07:08
    Das Geheimnis des kleinen Tresors ist nach dem Einsatz einer Flex gelüftet. Nun soll es dem großen Tresor an den Kragen gehen.
  • 06.08.19 07:07
    Links ist die Goldmünze des Senats, rechts die Thomas-Mann-Silbermünze. Im Hintergrund liegen weitere Münzen.
  • 06.08.19 07:03
    Der Tresor ist offen: Eine Goldmünze! Silbermünzen! Thomas-Mann-Silbermünzen! Eintrittskarten fürs Rathaus und Armbinden für Rathaus-Ordner. Auf den Eintrittskarten stehen noch DM-Preise.
  • 06.08.19 06:39
    Da ist er: Sebastian Hahn (35), der Panzerknacker.
  • 06.08.19 06:35
    Der Raum im ersten Stock des Rathauses ist ausgelegt mit Folie. Gleich kommen die Männer der Spezialfirma: Die Panzerknacker. Ihr Auftrag: Das Geheimnis der beiden Tresore lüften.

  • 06.08.19 06:33
    Warten auf den Panzerknacker: Die Medienleute filmen die Tresore - und sind gespannt auf den Mann, der die Tresore öffnet.
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Von Josephine von Zastrow