Lübeckerin Luisa Rische radelt durch Peru von Kimbiri nach Llapay
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Lübeck Lübeckerin Luisa Rische radelt um die Welt: Durch Peru von Kimbiri nach Llapay
Lokales Lübeck Lübeckerin Luisa Rische radelt um die Welt: Durch Peru von Kimbiri nach Llapay
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14:04 14.01.2020
Weltradlerin Luisa Rische radelt zurzeit durch Peru in Südamerika.
Weltradlerin Luisa Rische radelt zurzeit durch Peru in Südamerika. Quelle: Luisa Rische
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Lübeck/Llapay

„Keine Durchfahrt“, rufen uns die Wartenden entgegen. Nebeneinander, hintereinander, quer und schräg parken Hunderte Autos und Lastwagen über Breite und Länge der Straße zwischen Kimbiri und Huanta, die sich an den dichtbewaldeten Hängen entlangschlängelt. „Gringo“, „Mama gringa“, „No pasaje“, rufen sie, starren, während wir uns an ihnen vorbeidrängeln. Frauen aus den Dörfern versorgen die Wartenden mit Essen, das sie in Schubkarren und Tuktuks herankarren. Polizei und Militär halten die ungeduldigen Peruaner in Schach.

Weltradlerin Luisa Rische aus Lübeck erklimmt in Peru die höchsten Steigungen.

Knapp vorbei am Erdrutsch

Ein Erdrutsch hat die ersten Autos einen Tag zuvor an der Weiterfahrt gehindert. Zwei Bagger arbeiten pausenlos an einer Durchfahrt. Wir haben Glück, denn die Letzten werden die Ersten sein. 20 Minuten nach unserer Ankunft rasen die ersten Geländewagen aus der anderen Richtung am Erdrutsch vorbei. Durch die Erschütterungen rutscht der Hang immer wieder nach. Dann sind wir dran. „Vamos, vamos!“ Wir fahren über das Minenfeld, am Abgrund entlang, während neben uns die Steine herunterpurzeln. Ein Soldat schiebt von hinten. Die Schaulustigen lachen. Der Puls am Anschlag, Adrenalin pumpt durch unsere Körper.

Schreck am Lagerfeuer

Nach dem viertägigen Anstieg hinaus aus dem Dschungel zelten meine Reisegefährte Antonin und ich wild an einem Fluss, entzünden ein Lagerfeuer. Funken fliegen in den Nachthimmel. Schatten tanzen auf unseren Zelten. Schatten stiefeln den Berg hinunter. Ein Dutzend Männer haben uns entdeckt. Sie kommen näher, murmelnd, stellen sich hinter uns auf, kommen ums Feuer herum, umzingeln uns. Ein Schatten hält ein Gewehr in der Hand, der Lauf auf den Boden gerichtet. Ich kaue auf meiner heißen Kartoffel, zu müde, um die Situation zu begreifen, während die Männer uns mit einer Taschenlampe ins Gesicht leuchten, uns auffordern, zusammenzupacken und mit ihnen zu kommen.

„Das könnte blöd enden“

Für eine Sekunde überlege ich, das könnte echt blöd enden, während ich das Zittern in Antonins Stimme höre. Ich bleibe ruhig. Vertrauensvoll wirken die Schatten nicht, doch sie versichern uns, dass einer der Männer der Bürgermeister des nächsten Dorfes ist. Wir packen zusammen, klettern zurück zur Straße und radeln im Scheinwerferlicht eines Jeeps ins Dorf, wo uns die Männer tatsächlich zur Gemeindeverwaltung bringen, die einen Schlafsaal hat, in dem wir übernachten. Bevor wir die Tür hinter uns schließen, sagen sie uns, dass in Peru viele Touristen verschwinden würden.

Wetterwechsel und Stechmücken

Auf dem Weg nach Huancavelica fordern die Anstrengung, die extremen Wetterwechsel zwischen Dschungel, Bergen, Tälern und Wüsten und Stechmücken, die mir den Schlaf rauben, ihren Tribut. Mein Körper überrascht mit Durchfall. Wir fahren weiter. Eine Straßensuppe zwei Tage später bringt das Fass endgültig zum Überlaufen und fesselt nicht nur mich an die Toilette. Erst Luz aus Lima, dann die Gemeinde von Paucara und schließlich die Kirche in Yauli laden uns nach kurzen Tagen auf dem Rad ins Hostel ein, bevor wir in Huancavelica erneut Schutz bei den Bomberos, der Feuerwehr, finden.

Durch den Schnee auf 4700 Meter Höhe

Wir sind immer noch leicht angeschlagen. Doch wir möchten die Gastfreundlichkeit der Feuerwehr nicht überstrapazieren. Deshalb starten wir nach drei Tagen Pause auf Perus Great Divide. Bereits am ersten Anstieg überrollt uns die erste Regenwolke, deren Tropfen eisig auf unsere Haut schlagen. Als aus Wasser Schnee wird, halten wir an, schlagen die Zelte auf und verkrümeln uns in die Schlafsäcke. Ein Regenbogen rahmt unseren Zeltplatz vor schwarzgrauen Wolken ein. Am nächsten Tag fahren wir schnaufend bis zum Sattel des ersten Anstiegs. 4700 Meter. Die Landschaft ist karg, blaue Lagunen stechen wie Farbklekse aus der graubraunen Landschaft heraus.

Nächte unterm Dach der Polizei

In Viñas lädt uns Javier in den Schlafsaal der Municipalidad und zum Frühstück ein. In Acombambilla schlafen wir unterm Dach der Polizei. Der anschließende Anstieg zum Lago Quinina ist kräftezerrend. Antonin kann nicht mehr folgen. Zwei Polizisten, die für den Schutz der einsamen Straße zuständig sind, in einer Region, in der Menschen nur noch eine Erinnerung sind, nehmen uns einen Tag später auf, laden uns zu einer frisch gefangenen Forelle ein. Nach weiteren 800 Höhenmetern schlafen wir im Schlafsaal eines Gemeinschafts-Bauernhofes.

Wo Luisa radelt

Luisa Rische radelt seit Mai 2017 um die Welt. 35 Länder will die Lübeckerin mit ihrem Rad „Anton“ bereisen. Zurzeit ist sie in Peru unterwegs. Vor Südamerika standen bereits Skandinavien, Russland, China, Australien oder Neuseeland auf ihrem Reiseplan.

Zuletzt berichtete Luisa Rische bereits von ihrer Tour durch Bolivien. Nachdem sie zuvor in Chile unterwegs war und über die argentinische Hochebene radelte. Davor war sie im Flieger von Australien nach Chile gekommen. In Südaustralien hatte sie Sandstürme erlebt.

Frühere Stationen ihrer Reise waren die Mongolei oder Silvester in Vietnam.

Los ging alles im Mai 2017.

Von ihren Erlebnissen berichtet Luisa Rische auch in ihrem Blog.

Der Kampf mit dem Gipfel

Die letzte Etappe zum Pass. Bis zum See Carcuna, der kristallklar und bewegungslos zwischen den grauen Felsen ruht, radle ich mit erhöhter, aber konstanter Herzfrequenz hinauf. Als ich denke, dass ich fast oben sein müsste, holt mich die dünne Realität ein. Auf einer Höhe, die der Spitze des Mount Everest näher ist als dem Meeresspiegel, fällt das Kurbeln der Pedalen immer schwerer, immer häufiger muss ich pausieren, schnappe minutenlang nach Luft, während die Beine unter mir nur noch nachgeben wollen. Kopfsache. Kampfsache. Ich kämpfe mich weiter über das lose Gestein, holpere durch Schlaglöcher, drücke die Pedalen im Stehen hinunter, das Fahrrad 21 Prozent Steigung hinauf.

So hoch wie noch nie

Die letzte Kurve ist nicht mehr weit, die letzte Steigung flach. Ein Blick zurück, über die weite Landschaft, schwarze Berge, blaue Lagunen, grüne Ebenen. Schatten um Schatten blicke ich auf die andischen Bergketten am Horizont. Zwei Kurven unter mir hockt Antonin, völlig frustriert, erklärt er mit eine halbe Stunde später. Auf 4950 Metern über Null führt der Weg über den Pass ins Tal und ins Nationalreservat. So hoch war ich noch nie, doch Perus Great Divide hat gerade erst begonnen.

Von Luisa Rische